Beiträge von Laflar Raurel

    Noch immer nicht ganz begreifend, wie Me'Syr Arraban und dieses sprechende Medaillon die beiden aus dieser unglaublich misslichen Lage befreien konnte lief Laflar nun an der Seite von Smut an den, genauso wie dieser Hund im Teehaus, äußerst bedrohlich wirkenden Hunden vorbei, die Smut und Laflar allerdings eher positiv gesinnt schienen, zumindest stoppten sie ihr Knurren, als die beiden Feenblute sie passierten. Sie liefen einen Gang entlang, der Laflar endlos vorkam, so sehr wie sie in ihre Gedanken vertieft war. Die überwältigenden Schmerzen von vor ein paar Minuten waren mittlerweile eher in den Hintergrund gerückt, aber ob das daran lag, dass es ihr wirklich besser ging, oder ob die Tatsache, dass sie endlich ein weiteres Feenblut, jemanden ihrer Art gefunden hatte, sie die Schmerzen glatt vergessen ließ, das war ihr nicht bewusst.

    Als sie schließlich stoppten waren sie wieder in der Küche angekommen, Smuts Arbeits-, man könnte wohl auch sagen Lebensplatz. Noch immer völlig verdutzt ließ sie den blauäugigen nicht aus den Augen, studierte jede seiner Bewegungen und Züge, jede Falte seiner Kleidung. Sie erinnerte sich zurück an jede Handlung, die an diesem Tag geschah, an das Gespräch mit dieser Frauenstimme, von einer Frau, die nirgends aufzufinden war, einem Geist. Die Tatsache, dass diese Fähigkeit kontrolliert eingesetzt werden könnte eröffnete für Laflar auch völlig neue Perspektiven. Konnte sie vielleicht den Geist ihrer toten Mutter in einen Gegenstand sperren? Könnte sie dann mit ihr darüber sprechen, was geschehen war. Könnte sie sie dann fragen, weshalb sie das getan hat, aus der Laflar selbst nun entsprungen war? "Feenblut.", sprach sie einen ihrer Gedanken laut aus, nahm den Blick dabei nicht von Smut, der wohl mittlerweile denken musste, dass sie komplett verrückt geworden war. Kurz senkte sie nun den Blick und tauchte erneut in einen Schwall von Gedanken ein, bis sie dann einige Minuten später wieder daraus erwachte und Smut erneut fixierte. "Du bist ein Feenblut. Und du wirst nicht gefangen gehalten? Sie beschäftigen dich hier... wissen es und... sie... sie haben dich nicht getötet oder ausgeliefert oder verkauft oder... experimentiert?" Die Betroffenheit in Laflars Stimme verriet ihre Identität selbst. Niemand, der kein Feenblut war würde diese Worte so authentisch rüberbringen, so als wenn man sie selbst erlebt hätte.

    Sich den Kopf reibend hob Laflar das Haupt und sah zu Smut herüber, der ebenso auf dem Boden zusammen gesackt war und nun endlich wieder befreit atmen konnte. Allzu gut sah er allerdings nicht aus, auch wenn er beteuerte, dass es ihm gut ginge, als Elsbeth ihn darum befragte. Langsam, während sie die gesamte Situation beobachte, als würde sie in der dritten Person auf sich selbst schauen, dämmerte ihr, dass ihr Verhalten Konsequenzen haben würde, welche sie wieder einmal zur Flucht zwingen würden. Gedämpft vernahm sie nun die Stimme des älteren Dieners, Rok, der ihr erklärte, dass dieser Gast, mit dem sie gesprochen hatte, wohl ein wichtiger Mann war. Ein Adeliger im Haus eines Adeligen? Ihr musste klar sein, dass er von wichtiger Bedeutung sein musste, selbst wenn er nicht im geringsten dem entsprach, was man von Edelleuten erwarten würde. Am Ende waren sie wohl auch nur Gauner, aber verdammt mächtige und reiche.

    Sie hob ihren Kopf langsam, kniff ihre Augen zusammen um zumindest die Umrisse des Mannes erkennen zu können, der sie nun um ihre Schilderung des Verlaufes der Situation bat, nachdem dieser einflussreiche Gauner die gesamte Geschichte zu ihrer und vor allem zu Smuts Ungunst umgekehrt hatte. Hatte ihre Aktion also gar keine Wirkung gezeigt? Er erschien ihr wirklich überzeugt, sie erkannte die Angst in seinen Augen, die Einschüchterung und seine Gestik zeigte eindeutig, dass er seine Niederlage eingestanden hatte. Sie seufzte, im Bewusstsein, dass sie das vielleicht ihr Leben, zumindest ihre Freiheit kosten könnte. Dennoch erschienen ihr die Gesichtszüge von Rok, die sie grob erkennen konnte, gar nicht feindlich. Er schien ihr sogar wirklich glauben zu wollen. Aber was konnte Laflar schon zu Gedanken und Gefühlen anderer sagen, gerade in dieser Situation konnte das wirklich gut einfach ein Spiel ihres Verstandes sein, der ihr alle Dinge in die Richtung zurechtbiegt, die sie glauben wollte. Nur dass sie dann eben nicht real waren.

    Sie räusperte sich und begann mit schwacher Stimme, ganz anders als noch Momente zuvor, zu sprechen: "Wir waren im Kaminzimmer, Smut und ich... Dann hörte ich ein lautes Rumpeln, kurz danach ein Knall und darauf folgend das Wimmern von dieser Frau." Sie nickte in die Richtung der noch immer bewusstlosen Frau. "Als wir nachsahen lag sie vor der Tür, zusammengekauert und schniefend. Bevor wir begriffen haben was passiert war..." Sie brach ab, begann leicht zu zittern bei dem Gedanken an das Geschehene, beruhigte sich dann aber wieder. "Er riss die Tür auf, in der selben Bewegung hatte er sich Smut gepackt und das Mädchen in die Luft geschleudert. Sie fiel mir vor die Füße, Smut hing gegen die Wand, um Luft ringend." Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Kopf, der Schmerz ließ Laflar die Zähne zusammenbeißen. "Ich habe die Frau überprüft, sie schien erstmal nicht weiter schlimm verletzt, nur bewusstlos." Sie nahm einen tiefen Luftzug ehe sie fortfuhr. "Dann habe ich nachgedacht. Seht mich an, körperlich konnte ich gegen diesen Riesen nichts ausrichten. Aber er erschien mir gleich eher nicht der Weiseste zu sein... Und was fürchten Adelige mehr, als ein Rivale, der mächtiger ist als sie selbst?" Sie verstummte. Wohl weil das Erklärung genug war und sie selbst nicht viel mehr von dem begriff, was geschehen war und was sie dazu bewegt hatte. Und weil ihr Kopf so sehr schmerzte, dass es ihr schwer fiel, klar zu denken, alles immer mehr verschwamm bis es sich schließlich auf ein monotones Grau, Umrisse und gedämpfte Wortfetzen verlief. Unfähig zu handeln, unfähig etwas zu sagen oder nachzudenken.

    Die schwindelerregende Geschwindigkeit der Ereignisse ließen Laflar ganz perplex und mit einem Hauch von Schock, wie angewurzelt in der Türschwelle stehen. Ihr sonst so kühler Ausdruck veränderte sich minimal. Ihr Mund hatte sich, des Schockes wegen, ein wenig geöffnet und in ihren Augen erkannte man Angst. Von solch einer Gewalt war Laflar nie zuvor konfrontiert worden und sie konnte nicht anders, als zwischen Smut, der zwischen Hand und Wand hing und um Luft kämpfte und der nun offenbar schon verletzten jungen Frau vor ihren Füßen hin und her zu blicken. Die bedrohlich tiefe und raue Stimme des unhöflichen Herrn erklangen erneut und erst jetzt bemerkte Laflar die glänzende Klinge, über die ein paar Tropfen Blut rannten. Vermutlich Blut des Riesen. Den Ernst der Dinge begreifend flogen die Gedanken nur so durch Laflars Kopf. Was war nun zu tun? Ja was tat man denn in solch einer Situation?


    Als die Verzweiflung der Gleichgültigkeit gewichen war, die Laflar so unbedingt erreichen musste, um wieder klar denken zu können, schien sich die Situation bereits zu entspannen. Laflar kniete sich kurz zu der Frau, die durch den doch harten Schlag, den sie nach ihrem Aufprall auf dem Boden erlitt, nun das Bewusstsein zu verloren haben schien. Präzise legte sie den Zeigefinger und den Mittelfinger auf die Halsschlagader der Frau um den Puls zu prüfen, der noch zu genüge feststellbar war. Dann suchte Laflar die Frau nach Platzwunden ab, die solch einen Vorfall schnell gefährlich machen konnten, fand aber nichts dergleichen, sie schien einfach nur bewusstlos, vielleicht ein paar ungefährliche Prellungen.


    Nachdem sie sich also abgesichert hatte, dass die junge Dame ihnen nicht ganz unauffällig nebenbei wegsterben würde, wandte sie sich nun auch an diese Situation, die einem Kampf ähnelte, in dem der Gegner sowohl Laflar als auch Smut an Kraft und Stärke überlegen war. Das Einzige, in dem Laflar eine Chance für den tapferen Koch und sich selbst sah, war ihn mit ihrer Intelligenz zu überlisten. Ein Ablenkungsmanöver, vielleicht auch etwas, das diesen gesamten Kampf beenden würde, ohne dass noch irgendwer verletzt werden würde. Niemand kennt mich in dieser Stadt. Meine Wirkung auf Menschen ist gerade zu hypnotisierend royal. Ich könnte leicht eine Dame von hohem Stand vorspielen um diesen.... "Edelmann" hier zu vertreiben.

    "Was ist das denn hier für eine Szene?", ihre Stimme erklang laut und fest und so dauerte es nicht lange, bis der Bärtige seinen Blick von Smut an Laflar wandte. "Lasst sofort den Koch los! Wer seid ihr, ein Wilder aus den Wäldern?" Er schien nicht sonderlich beeindruckt, doch Laflar ließ sich nicht davon aus der Ruhe bringen. Hatte sie diese Stufe der Gleichgültigkeit einmal erreicht, so war ihr wirklich alles egal, selbst wenn er sie mit dem nächsten Schlag gegen die Wand hauen und wie eine Fliege zerquetschen würde. "Soll mich das beeindrucken Süße?" Er lachte abschätzig, hustete dabei ein wenig, vermutlich seiner Verletzung wegen.
    "Süße?" Laflar trat ruhigen Schrittes bis auf wenige Meter an den Mann heran. "Könnt Ihr euch nur im geringsten vorstellen, wer ich bin?" Er schüttelte den Kopf. "Ne, hab dich noch nie gesehen." - "Vielleicht, weil mein Vater und ich eigentlich nicht in Kreisen verkehren, in denen sich selbst gekrönter Pöbel wie Euch aufhält. Allein diese Worte an Euch zu verschwenden ist ein Übel, das wir selten auf uns nehmen. Aber dieser Koch..." Sie neigte ihren Kopf in Richtung Smut, ließ den Riesen dabei nicht aus dem Blick, dessen Gesichtsfarbe mehr und mehr verblasste. "Dieser Koch ist nun mal der Einzige im Land, der solch eine köstliche Bouillabaisse machen kann, dass sie selbst meinen Vater zufriedenstellt und glauben sie mir, wenn sie diesen Mann jetzt nicht sofort freilassen, werde ich meinen Vater informieren, der ihnen einen schönen Platz auf der nächsten Hinrichtung besorgt. Unter der Guillotine." Während ihres äußerst überzeugenden Monologs ließ der Bärtige seinen Arm, mit dem er Smut hielt, sinken, bis der wieder Boden unter den Füßen spürte. Mittlerweile waren auch Elsbeth und Rok angekommen, die allerdings eher passiv erstaunt der gesamten Situation beiwohnten. "Und nun geht mir aus den Augen. Eure Existenz beleidigt alles, wofür der Adel steht." Er wollte sich gerade das bewusstlose Mädchen schnappen, als sich Laflar auch dort unerschrocken in den Weg stellte. "Ich glaube diese Dienerin würde meinem Vater gefallen. Wenn ich sie ihm mitbringe, dann erzähle ich ihm vielleicht nicht, dass ihr dabei wart den einzigen Koch zu töten, der ihm schmackhaftes Essen kochen kann." Laflar hob ihre Augenbrauen mit solch einer Blasiertheit, würde sie sich immer so verhalten, dann würde sie in adeligen Kreisen wandeln können, ohne überhaupt aufzufallen. Der große Mann seufzte nur noch, kehrte ihr den Rücken zu und lief geschlagen an den Dienern des Hauses vorbei. Kaum hörte sie die Tür zufallen, rutschte sie die Wand entlang zu Boden, geplagt von plötzlich auftretenden sehr starken Kopfschmerzen. Diese Rolle, die sie einnahm, die kam nicht von ihr. Über solche Fähigkeiten, einen solchen Wortschatz und wie man ihn einsetzte wusste Laflar eigentlich nichts. Das war die überhebliche edle Fee in ihr, die ihr mehr abverlangt hat, als ihrem zierlichen Körper möglich war. Aber sie hatte es geschafft, dass die gesamte Situation sich ohne weitere Verletzte auflöste und es war ihr sogar möglich, die junge Dame vor der Gewalt dieses Mannes zu retten.

    Das Kaminzimmer machte seinem Namen alle Ehre. Ein großer offener Kamin in dem ein warmes Feuer loderte, darüber ein Portrait, wie Smut kommentierte von der Hausherrin, zwei gemütliche Ledersessel und eine Bar, die reichlich ausgestattet wirkte. Smut bot ihr gleich ein Getränk aus der Bar an, doch Laflar lehnte ab, sicherlich gab es in dieser Bar nichts, was nicht alkoholisch war und solange sie sich in ihrer Umgebung nicht sicher fühlte, wollte sie das Maximum an Kontrolle über ihr Handeln behalten. Nachdem Smut sich in einem der Ledersessel niedergelassen hatte, nahm sie ebenfalls in dem noch freien Platz. Eine gemütlichere Sitzgelegenheit hatte sie noch nie. Sicher waren allein diese Sessel ein Vermögen wert.

    Einige schweigsame Minuten waren vergangen, als Laflars Blick erneut auf das Portrait der Edelfrau fiel. Vermutlich ist sie tot, dachte sie sich. Warum sonst sollte Laflar den Hausherrn nicht auf seine Frau ansprechen dürfen. Allzu lange schien sie dann aber auch wieder nicht tot zu sein, in Anbetracht des Alters ihrer Tochter. Ihr Blick schweifte ins Leere ab, als sie sich plötzlich an sich selbst erinnert fühlte. Auch ihre Mutter starb kurz nach ihrer Geburt, auch wenn man die kümmerlichen Gefühle von Laflar wirklich nicht mit dem eines menschlichen Mädchens vergleichen konnte. Ihre Mutter war nie wichtig für Laflar, existierte nur aus Erzählungen. Genauso wie ihr Vater. Und doch sucht sie nun nach dem, was sie von ihm hatte. Doch fühlt sie sich zu dem hingezogen, was sie beide verbindet: Das Feenblut. Als sie aus ihren Gedanken erwachte ließ Laflar ihren Blick durch den Raum wandern, bis sie Smut dann wieder fixierte, der herzlich gelangweilt schien. Die spannendste Gesellschaft war Laflar wirklich nicht und sie bedauerte es ein wenig, dass sie die sozialen und kommunikativen Fähigkeiten eines durchschnittlichen Menschen nicht besaß. So fand sie sich dauernd in unbeholfenen Situationen wieder, wie auch dieser.

    Viel länger sollte ihre Ruhe allerdings nicht andauern, denn plötzlich war außerhalb des Raumes ein gewaltiges Brüllen zu hören. Eine tiefe Männerstimme. Augenblicklich wandte Laflar ihren Kopf in Richtung Tür, aus der das Geräusch zu vernehmen war. Etwas überrascht blickte sie nun zu Smut, der ebensowenig zu verstehen schien, was gerade passiert war, doch er würde die Stimme des Mannes sicher identifizieren können. Schließlich war er mit allen Bewohnern und Gästen des Hauses vertraut. Nach einem kurzen Moment der Stille war nun ein Knall und dann ein leises Wimmern zu hören. Darauf erhob sich Laflar sofort aus ihrem Sessel und lief auf die Tür zu. Vielleicht war jemand in Gefahr, sie wollte sicher gehen. Vorsichtig öffnete sie die Tür nun und linste hindurch, als sie die Person sah, aber niemand anderen, der eine Gefahr darstellen könnte, öffnete sie die Tür. Im Gang vor ihr zusammengekauert saß eine junge Frau, die sie zuvor noch nicht gesehen hatte. Zweifellos ging das Wimmern von ihr aus. Verletzt sah sie auf den ersten Blick aber nicht aus. Etwas ratlos und überfordert sah sie nun wieder zu Smut, der ihr bereits über die Schulter geschaut und die junge Frau gesehen haben musste. “Was ist geschehen?”, fragte Laflar sie nun. “Kennst du sie?” Sie wandte sich mit der Frage wieder an Smut.

    Smut, was nun doch sein richtiger Name zu sein schien, kochte und plauderte nebenbei sehr viel. Wenn sie nur mal kurz gedacht hatte, dass er ein Feenblut sein könnte, dann war dieser Gedanke nun wieder völlig verflogen, denn er wirkte mehr als gewöhnlich. Er erzählte aus seinem Leben und auch in seinen Erzählungen wirkte es so, als hätte er zwar ein etwas aufregenderes, aber doch eher sehr menschliches Leben gehabt. Laflar hingegen begnügte Smut größtenteils mit Kopfnicken, hin und wieder beantwortete sie oberflächliche Fragen mit knappen Worten, überschlug sich die Beine, als sie sich wieder setzte und ließ ihren Blick durch die Küche schweifen, bis dann die unfreundliche Hausdame herein platzte und mit ihrem Anliegen Smut befragen wollte, doch als sie Laflar und den Umhang, den sie trug, erblickte und verstummte, kurz darauf wieder verschwand. Sie war wirklich seltsam, schien Fremde wohl nicht wirklich zu mögen.

    Smut schloss nun das Fenster und blickte zu Laflar, warf ihr ein paar Vorschläge zu, wie sie den weitern Abend bis zum Essen verbringen könnten. Lange musste sie allerdings nicht überlegen. Draußen, auch wenn es bei Tageslicht wirklich hübsch aussah, war es mittlerweile viel zu kühl, als dass ein angenehmer Spaziergang möglich wäre. Außerdem hat die Nacht den Garten schon in Dunkelheit getaucht, was an diesen kurzen Tagen des Jahres üblich war. Das Kaminzimmer sagte ihr daher deutlich mehr zu. Sie erhob sich, streifte nun den Umhang ab und hielt ihn Smut zu. "Das Kaminzimmer klingt gut." Nun blickte sie zu dem Umhang, den sie dem silberhaarigen noch immer entgegenstreckte. "Ach und vielleicht bringt Ihr den vorher zurück zu der freundlichen Dame, sie schien ihn zu vermissen, als sie eben unsere Zweisamkeit unterbrach." Laflar war natürlich nicht entgangen, wie seltsam Elsbeth auf den Umhang, den sie trug geschielt hatte. Spätestens als sie ansetzte das Wort zu sagen, war Laflar klar, was sie eigentlich wollte.
    Sie verließen nun also die Küche, machten einen kurzen Halt vor dem Zimmer der Hausdame und setzen ihren Weg zum Kaminzimmer dann fort.

    Still lauschte Laflar dem Koch, hielt sich dabei den Umhang um den Körper, denn die Luft, die hereinwehte war in der Tat eisig. Als der Silberhaarige das Wort 'Smut' näher erläuterte und Laflar herausfand, dass sich hinter dem Begriff nur eine Übersetzung des Wortes 'Koch' verbarg, wurde ihr bewusst, dass sie wohl fälschlicherweise angenommen hatte, dass der vor ihr kochende Mann den Namen 'Smut' trug, aber da dies nun offenbar nur eine Bezeichnung seines Berufes war, hakte sie nun nochmal nach. "Smut ist dann also gar nicht euer richtiger Name?" Zu den anderen Dingen schwieg sie vorerst, musste überlegen, wie sie darauf antworten sollte. Natürlich wusste sie nichts über Feenblutjäger, oder ob es solche überhaupt gab, aber da es ja für so gut wie alles einen Markt - oder in dem Fall eben Schwarzmarkt - gab, lag es nur nahe anzunehmen, dass es auch Fetischisten gab, die Feenblüter besitzen wollten.
    "Dann habe ich wohl falsche Informationen erhalten.", erwiderte sie nüchtern, zu seiner ausführlichen Erklärung. Dann begann der Silberhaarige jedoch, seine Formulierungen etwas provokanter zu stellen und fragte sich, wie Laflar an diese, wie sie selbst sagten, unnatürlich schöne Stimme gelangte. "Ich hatte wohl einfach Glück. Und, auch wenn es schwer ist sich das vorzustellen, ist das Singen für mich etwas sehr persönliches, das mir stets geholfen hat."
    Als nächstes kam Smuts Verweis auf mögliche Kräuter, die ihrer Stimme schaden könnten oder gegen die sie Unverträglichkeiten hätte. Als will er mir aus der Nase ziehen, dass ich ein Feenblut bin und kein Eisenkraut vertrage. Aber auch dabei verriet Laflar ihre Gedanken nicht, ließ den Blick etwas schweifen, als wenn sie nachdenken würde, betrachtete dann wieder das Profil des Kochs, der seitlich zu ihr stand, während er die Vorbereitungen für das Abendessen traf. "Ich mag bittere Zutaten nicht so gern." So umging sie nun, ihm direkt zu sagen, dass es das Eisenkraut war, was sie nicht vertragen würde und schloss trotzdem aus, würde er ihre Präferenzen denn berücksichtigen, dass er dieses zur Speise hinzufügte. Außerdem war es, zumindest in Laflars Umfeld, nichts ungewöhnliches bitteren Geschmack nicht zu mögen. "Und die Stimmbänder werden von keinen Speisen beeinflusst, außer vielleicht von ätzenden Stoffen, aber üblicherweise isst man diese nicht in dem Maß, dass sie Schaden anrichten."
    Sie erhob sich nun von dem Hocker, um sich ein wenig in der Küche umzusehen, blickte immer mal wieder zu Smut. "Wie seid Ihr hier gelandet? Was ist Eure Geschichte?", fragte sie sich nun und richtete diese Frage auch an den Koch, als sie gerade auf einen Messerblock blickte, der mehr Messer beherbergte, als sie jemals zur gleichen Zeit an einem Ort gesehen hatte.

    Laflar war dem Silberhaarigen gefolgt, natürlich, weil sie mehr erfahren wollte. Sie trat ein, als er ihr die Tür aufhielt, er folgte ihr nun und schloss die Tür hinter sich wieder. Laflar beobachtete den offensichtlichen Koch, wie er einige Zutaten auf einem Schneidebrett bereitlegte und nun schon zu vergessen haben schien, worüber sie eben noch sprachen. "Ich habe gehört, dass es hier sowas gibt." Sie meinte die Feenblutjäger. "Dass sie Feenblüter fangen und an die Oberschicht verkaufen, wie Haustiere.", sie pausierte um den Koch zu mustern, wie er das Gemüse schnitt, aber er blieb still. Worüber denkt er nach? Sollte ich ihm jetzt schon verraten, was ich gehört habe? Laflar machte sich allerlei Gedanken über ihr weiteres Vorgehen und entschied sich letztlich erstmal dazu, einfach abzuwarten.

    Während Laflar der jungen Ila ein paar Tonleitern vorsang und sie dann dazu aufforderte, ihr nachzuahmen, bemerkte sie, dass Smut und Jorek sich immer wieder austauschten. Hat das mit dem Gespräch von zuvor über mich zu tun? Laflar ließ die beiden ebenso wenig aus dem Auge, wie Smut sie beobachtete, als würde er etwas bestimmtes suchen. Eigentlich brauchte sie nicht lange grübeln. Dadurch, dass sie das Gespräch mitgehört hatte wusste sie ja, was die beiden so interessierte. Fragte sich nur noch, wie genau sie ihre These zu überprüfen versuchen würden. Feeneisen? Eisenkraut in Speisen oder Getränken? Laflar dazu zu bekommen ihre Magie zu offenbaren würden sie wohl nicht schaffen, da sie selbst sich ja nicht bewusst war, darüber wie es funktionierte und was genau passierte.
    Als Ila und Laflar schließlich am Ende der kleinen Probestunde, die überraschend gut lief, angelangten, ertönte plötzlich ein lautes Klatschen und Zurufe, erst von Jorek, dann auch von anderen Anwesenden. Jorek lud Laflar zum Essen ein und warf ihr einen Münzenbeutel als Entlohnung für diese Probestunde zu. Eigentlich war Laflar verpflichtet, am Abend im Teehaus zu singen, aber in dieser noblen Gesellschaft speiste man vermutlich früh genug, dass sie danach ohne Probleme im Teehaus auftreten können wird. Sie schlug das Angebot also nicht aus, vielleicht bekäme sie eine Gelegenheit mit diesem Koch darüber zu sprechen, was sie gehört hatte. Direkte Konfrontation war vielleicht besser, als darauf zu warten, dass sie die Netze spinnen, in denen sie sich dann irgendwann verfängt und nicht wieder entkommt.
    Jorek und seine Tochter hatten den Raum bereits verlassen, nur Kara, Laflar und Smut, der Laflar noch immer unheimlich genau im Auge behielt, verweilten im Musikzimmer.
    Also gut.
    Sie entschied sich nun, die Blicke des Silberhaarigen zu erwidern, erhob sich von ihrem Stuhl und näherte sich ihm an, ohne dabei den Blick abzuwenden. Ein fester, ernster Blick, nicht bedrohlich, eher monoton, grau. Kara hatte inzwischen das Zimmer verlassen, mit einem kurzen Blick stellte Laflar sicher, dass sie allein waren. Als sie nun genau vor ihm stand und auf den immer noch im Sessel hockenden Mann hinunter blickte, erhob sie endlich ihre Stimme. "Also.", begann sie. "Seid ihr Feenblutjäger?" Ihre Stimme klang weder verachtend, noch ängstlich, als hätte sie eine total banale Frage wie 'Wie spät ist es?', gestellt.

    Als Laflar das Musikzimmer betrat, nahm sie neben der Musiklehrerin, Kara, platz und richtete ihren Blick auf das junge Mädchen, dass nun, schüchtern wirkend, begann nach Karas Anweisungen ein Lied zu zupfen. Zwar war ihr Blick auf das Kind gerichtet, die Melodie, die für eine Siebenjährige aber außerordentlich sauber gespielt wurde, verleitete sie allerdings dazu, über das Gespräch nachzudenken, welches sie zuvor belauscht hatte. Sie hatte erkannt, dass es die Stimme von Smut war, aber die Frau war ihr noch immer unbekannt. Verwundern tat sie das nicht, immerhin war sie erst vor einer halben Stunde hier eingetroffen. Dass sie da noch nicht die Gänze aller Bewohner dieses Anwesens kannte war wirklich nicht ungewöhnlich. Schon ungewöhnlich, auch wenn Laflar ein Stück weit mit der Hoffnung hergekommen war, dass die Leute hier Wissen über Feen haben, war das Thema des Gesprächs. Die Fetzen, die sie aufschnappte, ergaben ein relativ eindeutiges Bild. Me'Syr Arraban munkelte, wie auch viele Andere, die Laflars Stimme hörten, dass sie nicht menschlich sei. Deshalb hat er sie eingeladen, er scheint eine Besessenheit zu haben. Über was? Vermutlich alles was mit Feen zu tun hat, so klang es in dem Gespräch. Und diese Frau ist scheinbar mehr als besorgt darüber, sieht in Laflar eine Gefahr.
    Der letzte Ton verklang und ein etwas lauteres Lob von Kara riss Laflar wieder aus ihren Gedanken. Sie blinzelte einige Male, ehe sie bemerkte, dass jeder sie ansah. Hatte sie etwas verpasst, erwartete man etwas von ihr? "Das war gut. Sie hat ein gutes Rhythmusgefühl und über die vielen Instrumente, die sie spielt hat sie wahrscheinlich auch ein gutes Gehör für Tonlagen. Das macht es einfacher auch beim Gesang Töne zu treffen.", ließ sie nun ihre Meinung zu dem Spiel des Mädchens ab und hoffte, dass es das war, was von ihr erwartet wurde. "Jeder kann singen lernen, man braucht nicht mal Talent dazu. Aber man muss es wollen und jeden Tag daran arbeiten.", fügte sie noch hinzu. Über das Spiel mit den Stimmbändern hatte sie wirklich viel Ahnung. Der Gesang war stets Laflars Ventil für all die Gefühle, die sich irgendwo anstauten, aber im Alltag nicht an die Oberfläche kamen.

    Der alte Herr schien Laflar gleich wie ein Schwätzer. Er redete viel, präsentierte Laflar gleich einige Ausschnitte seiner Biografie und schien mit einem wertvollen Schmuckstück zu prahlen. Die Edelleute hörten sich wohl einfach gern reden, aber nicht dass Laflar das störte. Im Gegenteil, so konnte sie schweigend zuhören und musste nicht viel von sich preisgeben.
    Manchmal hatte sie das Gefühl, in dem Blick des Alten etwas wie Begierde zu sehen, aber nicht die sexuelle Art der Begierde, eher als wäre sie ein rares Objekt, welches man haben wollte. War es, weil er ihren Gesang so bewundert hatte? Sie schob den Gedanken vorerst bei Seite, bis sich der Silberschopf, den sie zuvor schon so interessiert gemustert hatte, wieder einmal blicken ließ, um dem Herrn seinen Kaffee anzurichten. Es fiel ihr schwer die Augen von ihm zu nehmen, sie suchte sehnlichst nach irgendwas paranormalem, was bestätigen könnte, dass auch er anders war. Als sie dann aber, als der Mann wieder verschwand, dessen Name "Smut" zu sein schien, zu Jorek hinüber sah, der Smut hinterher blickte, erfasste sie erneut diesen begehrenden Blick, dieses Mal auf ihn gerichtet. Laflar war etwas irritiert davon, konnte die Einzelteile nicht wirklich zusammensetzen, blickte der Alte vielleicht immer so seltsam drein?
    Kaum war Smut verschwunden, begann der alte Herr wieder zu reden, dieses Mal versuchte er allerdings ein paar Dinge aus Laflar heraus zu bekommen. Da Laflar aber nicht die gesprächigste Person ist, bleibt sie mit ihren Antworten stets knapp und oberflächlich. Sie kommt vom Land in Serijsa, ihre Eltern sind bei einem Unfall gestorben und ihr Onkel hat sie großgezogen. Ihr Gesangstalent hat sie in die größeren Städte verschlagen, weil sie hier mehr Geld damit verdienen kann. Alles in sich logische Erklärungen, die zwar nicht ganz der Wahrheit entsprachen, aber es war unmöglich bei der steinernen Miene Laflars herauszufinden, dass sie nur die halbe Wahrheit erzählte.
    Die Stimme eines Mädchens, das bei Laflars Anblick erschrocken schien, unterbrach das Gespräch der beiden. Das schien die Tochter des Arraban zu sein. Tatsächlich noch relativ jung und scheu. Sie klammerte sich an ihren Vater, als Smut hinter ihr den Raum betrat und sich zu ihnen an den Tisch setzte, fasste dann aber doch genug Mut, um Laflar zu fragen wer sie war und auch Smut schien an diesem Fakt interessiert.
    "Ich bin Laflar Raurel. Ich bin Sängerin und im Moment fest angestellt im Teehaus von Me'Syr Siral. Dein Vater möchte, dass ich dich im Gesang unterrichte.", stellte sie sich vor. "Und wer bist du?" Laflar war sicherlich nicht die beste im Umgang mit Kindern. Ihre emotionslose Art war für die meisten Kinder angsteinflößend, andererseits profitierte sie davon, dass sie meist sehr gelassen war und dadurch eine gewisse Ruhe ausstrahlte, die sich auf so manche übertragen ließ.

    Deutlich freundlicher wurde sie nun von dem Mann namens Rok begrüßt. Seine Freundlichkeit schien ihr fast schon zu überschwänglich. Sie nickte dem Herrn zu und folgte ihm dann. Er schien zu wissen wer sie war, vielleicht war die andere Hausdame einfach nicht informiert gewesen.
    Rok führte sie nun in den Gästeraum, der für sie deutlich über ihrem Stand zu sein schien. Solch hübsche Räumlichkeiten hatte Laflar in ihrem ganzen Leben nicht gesehen. Sie ließ sich auf dem äußerst bequemen Stuhl nieder, den man ihr anbot und sah sich dann ein wenig um, bis ein junger Mann mit silbernem Haar und ebenso silbernen Augen einen Tee vor sie stellte. Er war schnell wieder verschwunden, aber Laflars Gedanken kreisten einen Moment weiter um ihn, der ebenso ungewöhnlich und einzigartig aussah, wie sie. Auf jeden Fall stach er aus der Masse. Wie jedes mal prüfte sie den Geruch von dem Tee sicherheitshalber, außer Kamillengeruch kam ihr allerdings nichts entgegen, er schien also ungefährlich zu sein.
    Da saß sie nun und wartete, schwelgte wie immer ein wenig in Gedanken, als zwei diskutierende Stimmen außerhalb des Raumes sie beim Nachdenken störten und ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen. Dann trat ein gut gekleideter Mann ein, setzte sich und begrüßte Laflar erfreut. Er erklärte ihr den Grund für ihre Einladung, den sie ja ohnehin schon kannte und sein weiteres Vorgehen. "Ich denke das kann ich einrichten.", antwortete sie. Laflar lernte nie, mit höher Ständigen oder gar Adeligen zu sprechen. Sie wusste zwar, dass sie eine andere Art der Wortwahl nutzten und man sie stets mit größter Höflichkeit umgab, aber wie genau diese Extrabehandlung nun aussah, das war ihr gänzlich unklar, weshalb es auch nicht verwunderlich war, dass sie sich nicht immer angemessen ihres Standes verhielt.

    Laflar nahm nun die Teetasse, spreizte ihren kleinen Finger, wie ihr Onkel es ihr beigebracht hatte und probierte einen kleine Schluck des Kamillentees. Der bittersüße Geschmack breitete sich schnell in ihrem Mund aus und beim Schlucken spürte sie, wie sich die Wärme des Tees in ihrem Körper ausbreitete. Es war unangenehm still, während Me'Syr Arraban mit Laflar auf das Eintreffen seiner Tochter warteten. Um diese Stille zu brechen räusperte sich Laflar nun und begann zu sprechen. "Wie alt ist eure Tochter?" Sie musterte den Mann, der offensichtlich schon ein fortgeschrittenes Alter erreicht hatte. Laflar erwartete also eine junge erwachsene Frau, wobei man bei Edelleuten nie wusste, wann sie ihr nobles Erbgut das letzte Mal verpflanzen. Es würde sie auch nicht wundern, hätte er zehn Töchter.

    Erschrocken zuckte das Feenblut kurz zusammen, als die Tür vor ihr mit einem lauten Knall zurück ins Schloss fiel. Die unfreundliche Art der Frau ließ Laflar jedoch unberührt. Sie wusste darum, dass es Menschen gab, die sie für ihre kühle und verschlossene Art verachteten und dass oft auch ein erster Eindruck reichte, um sich unbeliebt zu machen. Sie fand den Unterschied in ihrem Verhalten, als die Dame wusste, dass Laflar keinem höheren Stand angehörte, allerdings bemerkenswert. So viel machte ein Stand dann doch aus, obwohl sie dann eigentlich froh war, einem niederen Stand anzugehören, wenn daraus resultierte, dass die Leute ihr ihr wahres Gesicht zeigten und sie nicht mit falscher Freundlichkeit umwarben. Der Seiteneingang also. So wie die Frau es ihr beschrieben hatte, machte sich Laflar nun auf die Suche nach diesem Seiteneingang - links um die Ecke - und lange suchte sie auch nicht, da öffnete sich eine Tür in ihrer Nähe und ein älterer Herr, Rok nannte die Dame ihn, und Laflar näherte sich dieser Tür an. "Guten Tag Me'Syr.", begrüßte sie ihn ohne viel Regung in der Mimik zu zeigen.

    Schon bevor die Tür ganz offen stand, hörte Laflar die Stimme einer Frau, die wohl eine gewisse "Kara" erwartet hatte. Als sie dann aber Laflar, anstelle der erwarteten Person erblickte, verstummte sie rasch, knickste, als wäre Laflar eine Dame höheren Ranges und begrüßte sie sichtlich irritiert. Scheint nicht, als wenn diese Leute oft unangekündigte Gäste haben. Sie blickte kurz umher. Gut, um hierher zu kommen musste man auch erstmal eine Weile aus der geballten Stadt laufen. Zufällig kommt hier wohl wirklich kaum jemand vorbei. Die Frau vor ihr roch grauenhaft, ähnlich wie der Dampf aus dem Teehaus, war das Eisenkraut? Mit dem nächsten Atemzug durch die Nase prüfte sie ihre These unauffällig. Ja, Eisenkraut. Perfekt, entweder mochte die Dame den Geruch von Eisenkraut einfach gern, oder Laflar landete mit ihrer Vermutung, dass sie in höheren Kreisen vielleicht eher fündig wurde, genau ins Schwarze. Wenn sie sich die Kleidung der Dame ansah, dann bemerkte sie mehrere andere Dinge, die aussahen, als wären sie aus Feeneisen und so überschüttet, wie sie damit war, wirkte es beinahe wie eine Panzerung gegen alles Feeische.
    Nach einem Moment des Schweigens und der nun etwas ungeduldiger werdenden Dame vor ihr, bemerkte Laflar dann, dass sie sich vielleicht vorstellen sollte. Sie holte das Zettelchen hervor und reichte es der Dame. "Ich wurde informiert, dass mich hier jemand als Gesangslehrerin für die Tochter einstellen will. Mein Name ist Laflar Raurel."

    Von mir auch alles Gute. Ich kann mir vorstellen wie das bei dir läuft. Meine Mutter ist auch in der Altenbetreuung tätig und der Vater meines Partners ist in der Uniklinik Bonn tätig. Beide sind auch total fertig.
    Hoffen wir mal, dass sich mit den Impfungen alles ein wenig entspannt. Bis dahin Alles Gute und bleibt gesund! :seufz::)

    Die Taverne hatte sie nun hinter sich gelassen und nach weiteren zwanzig bis dreißig Minuten des Fußmarsches kam Laflar nun endlich an dem Tor des Anwesens der Arraban an. Nachdem sie den Wachen am Hauptor den Zettel mit der kurzen Notiz und der Adresse gezeigt hatte, ließen diese sie problemlos eintreten. Nun steuerte sie die große Tür an, die edel verziert das Vermögen dieser Familie nur andeuten ließ. Ein großer vergoldeter Türklopfer ermöglichte es Laflar, sich bemerkbar zu machen und nun wartete sie vor dieser massiven Tür, vor der sie sich wie ein Winzling fühlte. Hier galten eindeutig andere Maßstäbe als in dem Teehaus, in dem sie zum Teil auf ihren Kopf aufpassen musste, wenn sie in ihr Zimmer wollte.

    Auf ihrem Weg vom Teehaus zur Taverne schmiss sich Laflar den beigen Mantel über. Sie dachte sich, dass sie in der Taverne, in der offenbar eher die Mittelschicht speiste, vor allem über den Wirt noch ein paar Verknüpfungen und vielleicht Informationen schaffen könnte. Nach einer halben Stunde war sie dann endlich an ihrem Ziel angelangt.
    Sie drückte die schwere hölzerne Türe ins Innere auf, die dabei knirschend heulte. Hinter sich ließ sie diese dann einfach wieder zufallen. So viel war nicht los, es war früher Nachmittag, vermutlich wurde die Taverne, wie viele Lokale in Sorieska, eher Abends besucht. Der Raum war überschaubar und sie hatte das Glück, dass an diesem Tag der selbe Wirt hinter der Theke stand, wie auch am gestrigen Abend. Zielorientiert steuerte sie die Theke an, den Wirt dabei fest im Blick, alles andere ließ sie weitestgehend außer acht. Als sie nun vor ihm stand blickte der Wirt sie einen Moment lang verwirrt aber auch bewundernd an, bis Laflar dann erneut bemerkte, dass auch er sie ohne ihre Verschleierung nicht kannte. "Was kann ich für euch tun, schöne Dame?", sprach er sie nun an, konnte seine Augen gar nicht von ihr nehmen, aber dieser Effekt ihres Äußeren war Laflar mittlerweile ja mehr als geläufig. "Ich bin die Verschleierte Lyra." Einen Moment überlegte er, schien in seinem Kopf eine Matrix an Namen, die dieser Mann, der jeden Tag in Kontakt zu Menschen stand, sicherlich in enormer Größe in seinem Kopf gespeichert hatte, durchzugehen, bis es ihm dann einleuchtete. "Aber natürlich, wie konnte ich das vergessen, ihr seid das Mädchen mit der Engelsstimme!" Laflar nickte, kühl wie gewohnt und lange musste sie nicht warten, bis der Wirt das Gespräch fortsetzte. "Wollt ihr noch einmal hier auftreten? Ich würde euch herzlichst einladen. Meine Kunden haben eure Stimme geliebt!" Laflar überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. "Nein, eigentlich bin ich hier weil-" Er ließ sie nicht zu Ende reden, als ihm scheinbar etwas wichtiges in den Sinn kam. "Ach ja, ein höherer Herr der Stadt, Jorek Arraban, äußerst vermögend, hat von euch gehört. Er wünscht, dass ihr seiner Tochter Unterricht im Gesang gebt." Er kramte nun etwas unter der Theke hervor, ein abgerissener Zettel mit Getränkeflecken darauf, auf dem eine Adresse zu stehen schien. Ein paar Buchstaben waren verwischt, aber man konnte sich das Gesamtergebnis trotzdem noch erschließen. "Hier." Er hielt ihr den Zettel hin. "Scheinbar ist er davon ausgegangen, dass ihr lesen könnt und ich hoffe er hat recht. Ich weiß nämlich nicht was da steht. Hahahaha." Sein krächzendes Lachen schallte durch den Raum, als Laflar den Zettel entgegennahm. Kein Muskel in ihrem Gesicht bewegte sich, weshalb der Wirt schnell verstummte. Laflar laß sich den Zettel durch und steckte ihn dann in eine Tasche des Mantels. "Danke, ich werde gleich dorthin aufbrechen." Ohne ein weiteres Wort kehrte Laflar dem irritierten Wirt nun den Rücken zu und verließ die Taverne mit dem Ziel des Anwesens Arraban. Diese Gelegenheit eröffnete ihr die Möglichkeit Kontakte zu den gehobeneren Kreisen zu knüpfen und Laflar war sich sicher, dass sie genau da, in den verrückten und exotisch luxuriösen Kreisen der Oberschicht, vielleicht mehr über ihre Wurzeln, ihr Blut, erfahren können würde.

    In ihrem Zimmer angekommen verschloss das Feenblut die Tür, kämmte sich durch die etwas vom Wind zerzauste Frisur und nahm in der Entschlossenheit, bevor sie im Teehaus ihren Auftritt hatte noch ein wenig in der Stadt nach Spuren zu suchen, einen Mantel. Dann verließ sie ihr Zimmer wieder, schloss ab und lief die Treppen herunter, durch den Schankraum, ohne dabei Augenkontakt zu irgendwem zu suchen, durch die Haupteingangstür nach draußen auf die Straßen der Unterstadt. Sie steuerte die Oberstadt an, konkreter die Taverne, in der sie ihren ersten Auftritt hatte: Das Auge des Mondes.

    Siral erklärte, dass die blonde Dame eine seiner Geschäftspartnerinnen war. Gut, das schloss Laflar nun unter wichtigen Gästen ein, denn zu Gast war sie ja trotzdem, auch wenn sie nicht nur ein Kunde war. Dann stockte er ein wenig, während er mit seiner Hand den Lohnbeutel für sie aus dem Kästchen zog, das vor ihm stand. "Natürlich. Vielen Dank Me'Syr." Sie nahm das Beutelchen, dass ihr nun etwas schwerer vorkam, als erwartet und lauschte dann Sirals letzten Worten, in denen er ihr versicherte, dass sich heute zu einem späteren Zeitpunkt sicher nochmal die Gelegenheit ergibt, mit einander zu sprechen.
    "Ich werde darauf zurückkommen." Sie stoß sich nun von der Theke ab, an die sie sich gelehnt hatte. "Also bis später.", verabschiedete sich Laflar, während sie schon den Weg ins Obergeschoss zu ihrem Zimmer einschlug.

    Siral schwieg einen Moment, als er ein paar Dinge in Richtung Küche räumte, ehe er ihr antwortete. Laflar hatte schon bemerkt, dass Siral oft sehr zuvorkommend und freundlich war, schließlich war sie ja jetzt auch eine seiner Angestellten, obgleich ihre Arbeit natürlich deutlich weniger anstrengend war, als die eines Kochs oder einer Kellnerin. Wirklich dominiert hat sie sich von ihm nicht gefühlt, eher schien es, als wenn jeder seine Rolle kannte, aber dennoch sehr frei in der Ausführung war. Es gefiel ihr, wie er seinen Laden führte und sie konnte sich gut vorstellen, dass das Teehaus sich für sie irgendwann wie ein Wohnzimmer, wie 'nach Hause kommen' anfühlte. Aber bis dahin war noch ein langer Weg, auf dem sie noch herausfinden musste, warum ihr dieser Ort trotz allem hin und wieder so seltsam und unwohl vorkam.
    Eine Frau, die Laflar nicht kannte betrat nun den Laden. Sie wandte ihren Kopf kurz zu ihr, als Siral sie mit einem Lächeln und Winken begrüßte und ihr versicherte, dass er sich gleich zu ihr gesellen würde. Er begrüßte sie mit Coralyne und aus seiner nun fast schon übertriebenen Freundlichkeit deutete Laflar, dass sie wohl ein wichtiger Gast für Siral war.
    Nun wandte er sich wieder an Laflar, die zuvor kurz etwas in Gedanken versunken war, jetzt aber wieder aufblickte und ihm aufmerksam zuhörte. Er sprach über Stolz und Familie und Laflar war einen Moment nicht sicher, was genau sie darauf sagen sollte. Sie hatte nie wirklich eine Familie, außer ihren Onkel, der zu ihr eine Hassliebe empfand. Liebte sie wie die eigene Tochter, aber hin und wieder kam der Hass zu ihrem Vater, zu den Feen hoch. Stolz und Ehre, diese Dinge bedeuteten Laflar nichts, weil es ihr im Allgemeinen egal war, was andere Leute von ihr dachten, solange sie diese Gedanken nicht in Gefahr brachten.
    Da Sirals Frage aber eher so gestellt war, dass er von ihr erwartete, dass sie seine Aussage bestätigte, nickte Laflar einfach. "Ja ich denke schon.", erwiderte sie zusätzlich und blickte dann zu der Frau, Coralyne, die eben herein gekommen war. "Sie scheint ein wichtiger Gast zu sein. Lasst sie lieber nicht warten." Nun blickte sie wieder zu Siral. "Meine Bezahlung komme ich dann später abholen, wenn Ihr sie fertig gemacht habt."