Beiträge von Erzähler

    Der Namenlose / Flynn Tarwen / Cuanard Macrae


    Für einen Moment stutzte der Feenmann. Ein flüchtiges Zusammenziehen seiner Brauen, ein Verengen der Saphiraugen, während er Flynns Robe nachdenklich musterte. Dann glitt sein Blick zu Cuanard. Dem Bart des Heilers mit dem kupfernen Zierrat und ein leises Seufzen kam über seine Lippen. Er rieb den Daumen und Zeigefinger seiner Hand gegeneinander, als würde er dort ein Prickeln verspüren, dann entspannte sich sein Gesicht und er lehnte sich zurück.


    »Wir feiern die Langweile unseres ewigen Daseins«, erwiderte er auf die Frage des Heilers. »Welchen Grund könnte es sonst geben, ein Fest zu veranstalten?«


    Er lächelte, aber sein Ausdruck blieb undeutbar. Die Kutschentür schloss sich wie von Zauberhand und die Pferde zogen wie auf ein unhörbares Kommando an. Kein Peitschenknall, kein Wort. Draußen war es still bis auf den Hufschlag und das Rollen der Räder über die gläserne Straße.


    Der Feenmann lehnte sich vertraulich nach vorn. »Wenn man davon absieht, dass die weiße Herzogin es darauf abgesehen hat, das Bett Seiner Majestät zu wärmen und keine Mühen scheut, ihn dafür in eine gute Stimmung zu versetzen. Es ist eine Ehre.« Seine Stimme nahm einen Plauderton an. »Die Damen des Hofes streiten sich darum wie ein Rudel Hyänen und es ist herrlich abscheulich, ihnen dabei zuzusehen. So wie wir es heute Nacht tun dürfen.«


    Seine Stimme blieb kühl und glatt und doch klang sie bedrohlich. Wie eine dunkle Wolke, die sich im Inneren der Kutsche zusammenzog. Die Fee schlug die Beine übereinander. Das perfekte Bild gepflegter, kultivierter Langeweile. Und doch blieb das Raubtierglitzern in den Augen des Mannes zurück, das davon sprach, dass der König des Feenreiches nicht die wahre Beute dieses Abends sein würde.


    Der Herr der Kutsche hatte die Vorhänge nicht wieder geschlossen und draußen zog das Feenreich vorüber. Doch es war keine ruhige, gemächliche Fahrt. Nur ein Streifen war von der Landschaft zu sehen. Aus hellem Weiß und tiefem Schwarz, aus dem Blau des Nachthimmels, in dem die Sterne zu Sternschnuppen verschwammen. Die Geschwindigkeit der Kutsche musste atemberaubend sein. Schneller als die Hufe von gewöhnlichen Rössern sie jemals vorantragen können sollten. Und schließlich versiegte sogar das Geräusch des Hufschlags. Das Rattern der Räder endete. Doch die Fahrt ging voran.


    Noah / Siral Al’Shazir


    »Shh …«


    Die weiße Herzogin hob die Hand und gebot dem Samharen Einhalt. Die Katze sprang von ihrem Schoß und streckte sich gelangweilt. Dann lief sie elegant durch den Raum, nicht ohne den beiden Männern einen letzten Blick zu schenken. Ihre Augen waren seltsam. Sie besaßen keine Farbe, keine Pupillen. Und doch wirkte es, als würde sie die beiden Fremden spöttisch mustern, bevor sie auf das Bett sprang und sich dort mit einem Gähnen niederließ.


    »Oh, aber gewiss gebe ich Euch keine Schuld.« Die Herzogin lächelte raubtierhaft und fixierte Noah. »Wie hättet Ihr es wissen sollen?« Ihre Worte waren Honig, süßer, klebriger Honig, der über ihre Zunge rann und sich in das Gemach ergoss. »Ihr konntet es nicht.«


    Ihre kalten Eisaugen verengten sich und richteten sich auf eine halb geöffnete Tür, die in ein weiteres Zimmer führte. Was sich darin befinden mochte, blieb den beiden Männern jedoch verborgen.


    »Gabria! Komm her!«


    Ein Befehl wie ein Peitschenknall und ein Name, der nicht ins Feenreich gehören konnte. Serijsisch, kein Zweifel. So wie es keinen Zweifel daran gab, dass das Mädchen, das den Raum betrat, keine Fee sein konnte. Ihre rosigen Wangen, die großen blauen Augen, das helle Haar … sie war hübsch, doch auf keinen Fall von der makellosen, unberührbaren Schönheit einer Fee. Die junge Serijserin hatte die Hände gefaltet und ihr Blick wirkte entrückt … als wäre sie nicht wirklich anwesend. Ihr weißes Kleid war höfisch, keine Frage, und doch so schlicht, dass es gewiss keine Robe war, die man auf einem Ball tragen würde. Eine Dienerin.


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    »Du warst ungehorsam, meine Liebe.« Die Herzogin schnalzte mit der Zunge. »Du hast dafür gesorgt, dass mein Gast nicht angemessen bekleidet auf dem Ball erscheinen wird. Und du weißt, was das bedeutet.«


    Die Herzogin streckte die Hand aus und ein Halsband erschien in ihrer Hand. Eine Leine hing daran, beides aus silbernem Leder und gewiss nicht bequem zu nennen. Die Fee wies auf den Boden zu ihren Füßen und die Dienerin durchquerte gehorsam den Raum. Ihre Füße verursachten keinen Laut auf dem weichen Teppich, als sie darüber lief und schließlich vor der Herzogin niederkniete. Das Halsband funkelte in der Hand der Fee, als sie sich nach vorn lehnte. Und in seinem Inneren kamen winzige Stacheln zum Vorschein, die gefährlich scharf aufblitzten.


    Adameo


    Ein Kichern schwebte durch die Luft. War es wieder eine der Nymphenfiguren? Adameo konnte es nicht sagen. Seine Sinne spielten ihm Streiche, als hätte er zu starken Wein auf nüchternen Magen getrunken. Eine der Wachen wandte den Kopf. Die Vogelaugen wirkten unbewegt und teilnahmslos, dennoch lag Schärfe darin, als könnte sie lesen, was in den Gedanken des Schattenwandlers vor sich ging.


    An die Dunkelheit der Nacht schloss sich das hell erleuchtete Innere des Schlosses an, als sie die Schwelle des Durchgangs übertraten. Die Wände waren aus weißem Marmor, kalt und glatt. Kristallene Kerzenleuchter trugen weiße Kerzen, deren Flammen keine Farbe besaßen. Welchem Zweck dieser Saal dienen mochte … es war nicht zu erkennen. Kein Möbelstück, keine Sitzgelegenheit, nichts wies auf eine Funktion hin. Als wäre er soeben geschaffen worden, um den Gefangenen in sich aufzunehmen.


    Die Wachen führten den Schattenwandler in die Mitte des Saales und der Marmor unter seinen Füßen knackte leise. Rosenranken durchbrachen die winzigen Risse. Sie wuchsen in die Höhe und die Wächter traten zurück, als sich ein neuerlicher Käfig aus dem Nichts bildete. Die Luft roch nach Magie. Seltsam metallisch, wie Blut beinahe, das frisch vergossen worden war. Rosenknospen öffneten sich zu üppigen Blüten, aber sie besaßen keine Weichheit. Die Blütenblätter erschienen scharfkantig. Wie Klingen, die Blut fordern könnten, sobald sie das Fleisch eines Sterblichen berührten. Und sie wisperten. Ein leises, höhnisches Wispern.


    »Wartet hier.«


    Ein letztes Kommando, dann strebten die Wachen auf den Durchgang zu, durch den sie gekommen waren. Rosen wuchsen, wo ihre Stiefel den Boden berührten. Ranken, die sich über den Boden zogen wie ein Bett aus Dornen und Klingen, das bald den ganzen Raum ausfüllte.


    Und über dem Wispern erklang eine Melodie. Ein lockender Gesang, von einer überirdisch schönen Stimme hervorgebracht. Sie sprach zu Adameo:


    »Komm, mein Liebster … komm zu mir …«

    Der Namenlose / Flynn Tarwen / Cuanard Macrae

    Die Kutsche war erstaunlich geräumig, aber ein kalter Hauch drang aus dem Inneren und legte sich auf die Wanderer, als sie ins Innere blickten. Hellblaue Samtbänke boten noch Platz für genau drei Personen - der vierte wurde von dem Mann eingenommen, der bequem zurückgelehnt und von der Nacht gerahmt neben dem Fenster saß.


    Sein Gesicht war makellos. Schön. So überirdisch schön, wie es nur eine Fee sein konnte. Sein Haar war von einem hellen Silberton, seine Augenfarbe schwer zu erraten im Mondlicht, das in die Kutsche schien. Seine behandschuhte Hand beschrieb eine Geste und eine Laterne erglühte neben ihm. Sie hätte gewöhnlich erscheinen können, wäre das Glas nicht von Frost überzogen, das Licht ohne jede Wärme. Silbern. Farblos. Als würden die Sterne in der Kutsche erglühen.


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    »Ist das so?« Die Stimme des Mannes klang amüsiert, wenngleich sie kalt blieb. »Und doch seid ihr so unpassend gekleidet? Eure Eile muss in der Tat groß gewesen sein. Lasst mich euch helfen, bevor ihr den Unmut der Herzogin erweckt. Sie ist eigensinnig, müsst ihr wissen. Ihre Gäste haben bereits für weniger den Kopf verloren.«


    Es klang charmant und doch wie eine Warnung. Die Fee lächelte raubtierhaft. Silberlicht erglühte, als der Namenlose, Cuanard und Flynn in die Kutsche stiegen. Ein heller Schein, der ihnen für einen Herzschlag lang die Sicht nahm. Ein Blinzeln, und als es verging, waren die Besucher des Feenreiches in Roben gekleidet, die dem Besuch eines Balls angemessen waren.


    »So ist es besser, nicht wahr? Ich will vermeiden, dass ich Gesellschaft ins Schloss bringe, die der Herzogin missfällt. Es wäre ein Jammer, trüge ich die Schuld an einem ruinierten Fest.«


    Der Feenmann zwinkerte. Er selbst war tadellos in höfische Kleidung gehüllt. Der helle Gehrock mit Silberfäden bestickt. Selbst seine kniehohen Stiefel bestanden aus weißem Leder, als könnte er es nicht ertragen, auch nur einen Hauch von Schatten über seinen Körper regieren zu lassen.


    Als sein Blick auf Flynn fiel, neigte er den Kopf. »Me’Dam, es ist mir eine Freude. Erweist Ihr mir die Ehre?« Er hielt ihr die Hand entgegen, offenbar in der Absicht, ihr den Platz neben sich anzubieten.


    Noah / Siral Al’Shazir

    Ein Schritt, ein kalter Hauch. Wie Wasser, das über die Haut glitt, ohne nass zu sein. Flüssig, merkwürdig. Ein schwereloses Schweben. Dann verschwand der Spiegelraum, als hätte es ihn niemals gegeben und Noah und Siral standen in einem Zimmer, das eindeutig an ein Schlafgemach gemahnte. Der Boden festigte sich unter ihren Füßen. Marmor … erstaunlich gewöhnlich, wenn man bedachte, dass bislang wenig in diesem Schloss gewöhnlich gewesen war.


    Ein Bett mit weißen Seidenvorhängen nahm den Großteil des Raumes ein. Es war aus weißem Holz gefertigt, wie alles in diesem Raum. Kein Hauch von Farbe verunreinigte die Umgebung. Alles war weiß. Schneeweiß. Glänzend, matt, glitzernd … weiß. Von dem weichen Teppich auf dem Boden bis hin zu der Schminkkommode, an der eine Frau saß, die den beiden Männern den Rücken zuwandte. Zwei Dienerinnen standen rechts und links von ihr. Ihre Gesichter hinter Federn verborgen, ihre Hände rau wie die Krallen von Vögeln. Ihre Augen zu Boden gesenkt.


    Ich sehe, unsere Ehrengäste sind angekommen.«


    Die Stimme der Frau vor dem Spiegel war erstaunlich farblos. Nicht hoch, nicht tief, gleichmäßig. Gefühllos. Ihr Gesicht im Spiegelglas war schön … doch ebenso farblos wie der Rest dieses Zimmers. Ihre Augen waren grau, ihr Haar … weiß … man hätte erwartet, es zu einer kunstvollen Frisur aufgesteckt zu sehen, doch es floss offen über ihren Rücken, nur gehalten von einem Diadem, das mit Diamanten besetzt war. Sternenfunkelnd wie der Nachthimmel.


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    »Ihr habt lange gebraucht. Wisst Ihr nicht, dass man eine Dame niemals warten lassen sollte?«


    Sie wandte sich auf der Sitzbank um und offenbarte eine kleine weiße Katze, die auf den seidenen Wogen ihrer Ballrobe saß. Weiße Seide. Weiße Spitze. Perlen. Skandalös tief ausgeschnitten, um die makellose Haut darunter zu offenbaren. Viel davon. Wohlgeformt und verführerisch - hätte die Frau darin nicht so kalt gewirkt wie ein verschneiter Wintermorgen.


    »Nun, wer will mich in den Ballsaal führen?«


    Ihre grauen Augen funkelten und die Finger, die über das seidige Fell der Katze streichelten, endeten in beinahe krallenartigen Nägeln. Sie lächelte … katzenhaft. Wie eine Katze, die vor der Milch stand, die sie aufzulecken gedachte. Ihr Blick glitt über Noahs Aufmachung und ihre Brauen verzogen sich unwillig. Ein gereiztes Schnalzen kam über ihre Lippen.


    »Nein, wie ungezogen von Euch!«



    Adameo


    Einer der Wächter wandte den Kopf. Seine Augen waren schwarz. Man erkannte keine Pupillen darin, kein Weiß, das die Iriden rahmte. Seine Gestalt zuckte vogelhaft, aber in seinem Blick war keine Nervosität zu lesen. Keine Schreckhaftigkeit.


    »Ihr befindet Euch auf dem Gebiet der weißen Herzogin. Und sie wird über Euer Wohl entscheiden«, schnarrte der vogelhafte Wächter. Seine Stimme wirkte seltsam unmenschlich und rau. Wenig benutzt, als würde er sich selten der Sprache der Menschen bedienen, um zu kommunizieren.


    Eine knappe Antwort, dann setzten die Wächter sich in Bewegung und führten Adameo auf einen Hintereingang zu, der sich torbogenartig in der Schlossmauer geöffnet hatte. War er vorher schon dort gewesen? Er hätte schwören können, dass die Schlossmauer keinen Eingang aufgewiesen hatte, fern von Fensteröffnungen und der hohen Pforte, durch die die Gäste kamen.


    Ein gepflasterter Innenhof schloss sich an. Springbrunnen inmitten von üppigen Blumenbeeten spien Fontänen in die Luft und badeten tanzende Nymphen darin. Grazile Figuren in leichten Kleidern. So schön … bis man ihre glückselig lächelnden Gesichter mit den spitzen Zähnen erblickte. Hatte eine davon den Kopf gewandt, um Adameo anzublicken? Hatte sich ihr Lächeln verzogen? Nein … unmöglich … eine Täuschung durch das Mondlicht. Vielleicht.


    Der schwere Duft der Blüten hing in der Luft und Adameo fühlte einen leichten Schwindel.


    »Hilf mir …«


    Eine Stimme. Singend. Melodisch. Vertraut? Die Wächter reagierten nicht darauf, als könnten sie den Ruf nicht hören. Als wäre er allein für Adameo bestimmt.


    »Komm … Finde mich …«


    Noch einmal. Und noch immer wandte keiner der Wächter den Kopf, während sie auf einen Eingang zustrebten, der sich unterhalb einer Galerie befand.

    Der Namenlose / Flynn Tarwen / Cuanard Macrae

    Die Rösser kamen zum Stehen und ihr eisiger Atem stieg in einer hellen Wolke in die Luft. Ein Glitzern überzog die gesamte Kutsche, als würde sie von einer Schicht aus Eis eingeschlossen.

    Noch immer reagierte der Kutscher nicht, dafür erschien eine edel behandschuhte Hand, die den Vorhang des Kutschenfensters beiseite schob. Weiße Seide, die sich auch auf dem Ärmel eines fein bestickten Gehrockes wiederholte.

    Der Schimmer von hellem Haar leuchtete auf, eine Bewegung, einem Winken gleich. Dann erklang eine melodiöse Stimme, die eindeutig männlich erschien. Amüsiert, charmant, wenngleich sie unterkühlt wirkte.


    „Besucher im Reich des Mondes. Ausgerechnet heute am Tag des Balls. Welch glücklicher Zufall. Die Herzogin wird hocherfreut sein, sterbliche Gäste zu begrüßen.“


    Doch trotz seiner Worte zeigte seine Stimme keinerlei Überraschung. Als hätte er erwartet, an diesem Ort auf Besucher aus dem Reich der Sonne zu treffen. Das Gesicht des Sprechers blieb in den Schatten der Kutsche verborgen. Vom Straßenrand aus war wenig mehr zu erkennen als der Schimmer heller Augen in der Dunkelheit.


    Noah / Siral Al’Shazir

    Ein zustimmender Laut, als Siral seine Waffen ablegte, als würden die Wände ein leises Brummen ausstoßen. Dann wandelte sich der Raum abermals und die Kleider verpufften, als hätte es sie niemals gegeben. Ähnlich wie die junge Frau platzten sie wie Seifenblasen zu einem merkwürdigen Flimmern - einzig jene Stücke an den Leibern der Besucher blieben zurück.


    Spiegel erschienen an den Wänden. Kleine, große, viereckige, runde, schlichte und goldgerahmte … eine Auswahl, die Noahs und Sirals Gestalt unzählige Male zurückwarf, verwirrend für das Auge, das jede Bewegung von allen Seiten erfasste. Einer war groß genug, um hindurch treten zu können. Sein Rahmen silbern und von zwei geflügelten, nackten Frauenfiguren gerahmt, deren fließendes Haar das Glas rahmte. Aber war es Glas? Seine Oberfläche erinnerte an Wasser, das sich sacht bewegte, als würde eine Brise darüber gleiten.


    „Geht. Die Herzogin wartet.“


    Ein neuerlicher Befehl.


    „Und lasst die Instrumente zurück. Ihr werdet sie nicht brauchen.“


    Ein Schmunzeln schlich sich in die körperlose Stimme, als würde sie sich über die beiden Männer amüsieren, die in ihren Wirkungsbereich eingedrungen waren.


    Adameo

    Der Dornenkäfig schwebte schwankend auf das helle Schloss zu, das einem Märchen entsprungen schien. Eine ausladende Parkanlage zog sich rund um das Gebilde aus feinen Türmen und eine Vielzahl von prachtvollen Kutschen bewegte sich über den Schlosshof, um edel gekleidete Herrschaften zu entlassen, die einer breiten Treppe entgegen strebten. Ein Meer aus Samt, Seide und blitzenden Juwelen, das sich wie eine Welle durch eine breit geöffnete Flügeltür ergoss. Die Fenster waren hell erleuchtet, doch das Licht wies keine Wärme auf. Es war merkwürdig kalt, so kalt wie keine Flamme je sein könnte.


    Die leeren Kutschen fuhren auf den Hinterhof des Schlosses zu und verschwanden dort durch ein Tor, ohne auf die andere Seite zu gelangen. Als wären sie nur eine Illusion, die zerplatzte, weil sie das Ende ihrer Lebensdauer erreicht hatte.


    Der Innenhof geriet außer Sicht, als der Käfig gemächlich nach unten sank. In ein Rund, inmitten von hohen Rosenbüschen, die die Sicht auf alles außer ihren nadelspitzen Dornen und ihr dichtes Laub verdeckten. Die Dornen wirkten zu lang … gläsern … und die Büsche bewegten sich seltsam lebendig. Ein Wispern ging von den Blüten aus, doch ob es feindselig, erstaunt oder amüsiert wirkte, war kaum zu bestimmen.


    Vier livrierte Gestalten traten auf den Weg zwischen den Rosen. Schwäne prangten auf ihrer Brust und silbrige Federn bedeckten ihre Gesichter, ihre Schnäbel waren lang und spitz - scharf genug, um mit einem leichten Picken Blut zu fordern. Ebenso wie die Speere in ihren Händen, die gefährlich scharf im Mondlicht glänzten. Erst auf den zweiten Blick offenbarten sich kristallene Klauen, die durch das helle Leder ihrer Handschuhe stießen.


    Die Dornen lösten sich wie auf einen stummen Befehl. Lebendige Schlangen, die wieder ins Erdreich krochen, aus dem sie geboren worden waren.

    Der Namenlose / Flynn Tarwen / Cuanard Macrae


    Tatsächlich boten die Bäume genügend Raum, um sich dahinter verbergen zu können. Die Tropfen klirrten leise und einer stürzte zu Boden, als er Flynns Schulter streifte, gleich einer reifen Frucht, die auf dem Boden zu einer Vielzahl von winzigen Scherben zerplatzte. Ein süßlicher Geruch stieg in die Luft. Verdorbenes Obst … ja, am ehesten erinnerte er an verdorbenes, schimmeliges Obst, das schon zu lange auf der Erde gelegen hatte.


    Der Hufschlag kam näher und eine Wolke aus dichtem Nebel stob über die Straße. Ein Wimpernschlag und die Silhouetten von Rössern erschienen darin. Schimmel allesamt, die beinahe mit den weißen Schleiern verschmolzen, jeder einzelne von solch edlem Blut, dass es mühelos in der stolzen Biegung der Hälse und den fein geformten Köpfen zu erkennen war. Auf den ersten Blick erschienen sie gewöhnlich, der zweite offenbarte, dass ihre Schweife und Mähnen aus Nebel bestanden, die Hufe so durchsichtig waren wie Glas oder Eis.


    Ein zweiter Wimpernschlag verging und hinter den trabenden Rössern erschien eine Kutsche. Sie war weiß wie Schnee … wie Eis. Das Mondlicht glitzerte auf der rundlichen Form des Gefährts und verwandelte es in reines Silber. Doch noch absonderlicher war der Kutscher, der es lenkte. Seine Livree musste von einem kalten, hellen Blauton sein, in der Nacht erschien sie beinahe grau. Und sein Gesicht … war es von einer Maske bedeckt oder waren es Federn, die daraus gewachsen waren? War der spitze, gebogene Schnabel echt oder war es Metall, das im Mondlicht gefährlich scharf aufleuchtete?


    Die Pferde wandelten ihren Schritt, die Kutsche wurde langsamer. Sie schien anhalten zu wollen, obgleich der Kutscher den beiden Männern am Straßenrand keinen Blick schenkte. Kälte ging von dem Gefährt aus. Sie legte sich eisig über die Straße, als wollte der Winter über sie hereinbrechen.

    Noah / Siral Al’Shazir


    Konnte ein Palast seufzen? Denn wie sonst wäre das Geräusch zu erklären, das abermals über die beiden Eindringlinge hinweg ging. Ein resigniertes Seufzen beinahe, als wollten die Mauern mit den beiden Männern kommunizieren.


    Die Instrumente fühlten sich derweil gewöhnlich an. Kein Prickeln, kein Kribbeln, keine Spur von Magie, wenn man von einem leisen Ton absah, der von den Saiten der Sitar ausging, als wollte sie dagegen protestieren, aus ihrem Schlaf gerissen zu werden.


    Die Tür mit dem Schwanenwappen schwang nach innen auf und zur selben Zeit wirbelte ein neuerlicher Stoß Magie um die junge Frau auf. Eine Windhose aus schimmernder Macht, die sie einhüllte und den Blicken entzog, bis sie zerplatzte wie eine Seifenblase. Ein schimmernder Regen ging auf den Boden nieder, flimmerte für einen weiteren Augenblick, bevor er schwand. Doch die Melodie, das Summen, blieb.


    Hinter der Tür kam ein Regenbogen aus hellen, frühlingshaft schimmernden Farben zum Vorschein. Eine Vielzahl von Kleiderpuppen, gespenstisch beinahe, allesamt mit prachtvollen Gewändern bestückt, die der Garderobe eines Königs zur Ehre gereicht hätten.


    »Niemand erscheint unangemessen bekleidet auf dem Ball der weißen Herzogin.«


    Eine Stimme. War sie männlich? Weiblich? Es war nur schwer zu bestimmen. Doch woher war sie gekommen?


    Adameo


    Der magische Befehl schallte über die Dornenranken hinweg und ein Wispern ging durch die Luft. Die Ranken hielten inne, zuckten, als hätte der Hexenzauber sie unentschlossen werden lassen. Jene, die sich bereits in das Fleisch des Schattenwandlers gesenkt hatten, strichen tastend über seine Haut und hinterließen dünne Schnitte dabei. Beinahe wirkte es zärtlich und doch … spöttisch.


    Dann erhob sich ein hohes Kichern wie aus unzähligen Kehlen. Es erklang aus allen Himmelsrichtungen und der Hohn darin war so deutlich zu hören, dass er in den Ohren schmerzte.


    »Nein, Schattenbrut. So leicht besiegst du uns nicht.«


    Die Worte hallten über Adameo hinweg, dann zuckten die Ranken auf den Schattenwandler zu und wickelten sich um seinen Körper. Fesseln aus Dornen, die seine Kleider zerschnitten und in sein Fleisch drangen, als wollten sie das Blut aus seinen Adern saugen.


    Neue Ranken bildeten sich um die verstrickte Figur. Ein Käfig aus Dornen, der sich um Adameo schloss als wäre er ein Singvogel, der zur Erheiterung seines Herrn gefangen worden war. Der Boden erbebte unter den Füßen des Schattenwandlers, löste sich mit einem Stöhnen vom Erdreich. Und der Käfig erhob sich schwankend in die Lüfte.

    Der Namenlose / Flynn Tarwen / Cuanard Macrae


    Der Himmel verdunkelte sich plötzlich und Sterne blitzten in dem vergehenden Zwielicht auf wie winzige silberne Nadelspitzen. Die Straße wandelte sich. Es war, als würde eine Schicht aus Eis darüber rinnen und sie gefrieren lassen, langsam und gemächlich, bis hartes, glänzendes Glas darunter zum Vorschein kam, das einen Hügel empor führte.


    Ein Blinzeln und Bäume reckten sich am Straßenrand dem Himmel entgegen. Waren sie immer schon dort gewesen? Oder waren sie aus dem Nichts erschienen wie Geister, die sich plötzlich manifestierten? Die Äste hingen wie die einer Trauerweide bis zur Straße hinab, schwer von glitzernden hellen Tropfen, die sie wie Früchte zu Boden zogen.


    In der Ferne war Hufschlag zu vernehmen. Das Rattern von Rädern. Ein Wiehern. Der Knall einer Peitsche, der die Rösser anspornte … denn es mussten mehrere sein. Der donnernde Aufschlag der Hufe ließ keinen Zweifel daran.


    Noah / Siral Al’Shazir


    Die junge Frau antwortete nicht. Sie reagierte nicht. Der Geruch der Eisenwurzel schien keinen Einfluss auf sie zu nehmen. Stattdessen begann sie, abwesend eine Melodie zu summen und sich in einem Takt zu wiegen, der nur für sie allein zu hören war.


    Ein Seufzen ging durch das Schloss, als hätte es den Atem angehalten und würde ihn jetzt mit einem gereizten Geräusch wieder ausstoßen. Ein Flimmern tanzte um das Mädchen. Ein Wirbel aus funkelnder Magie, der sie in sich einschloss, ein Reigen aus funkelndem Staub, der aufwallte wie eine Wolke und sich über den ganzen Raum ausdehnte. Das Flimmern nahm zu. Es wanderte über die Instrumente, hüllte die Fenster ein und ließ den Raum wirken, als wären unzählige Sterne vom Himmel gefallen. Wo es Noah und Siral berührte, verspürten sie ein Kribbeln gleich einer Horde Ameisen, die über ihre Haut krabbelten.


    Ein weiteres Seufzen. Ein Schimmer, aus dem sich eine doppelflügelige Tür aus weißem Marmor in der Wand gegenüber der Tür bildete, durch die sie gekommen waren. Sie besaß keinen Knauf, nur das silberne Wappen eines Schwans mit gesenktem Kopf, der seine Flügel aufgestellt hatte.


    Adameo


    Die Fee legte den Kopf schief und lauschte den Worten Adameos beinahe bedächtig. Der Wind wisperte in den Blättern und ihre großen Augen wirkten nachdenklich, als würde sie tatsächlich über das Gesagte nachsinnen.


    »Heilung sucht Ihr? Heilung von der Feenliebe?« Sie kicherte hoch. »Wer weiß?« Das Licht in den Augen der niederen Fee flackerte boshaft und ihr Mund verzog sich zu einem zu breiten Grinsen, das zu spitze, scharfe Zähne offenbarte, die ihre zarte Schönheit ruinierten. Plötzlich wirkte sie wie ein Raubtier auf der Jagd nach Beute. »Warum fragt Ihr ihn nicht?«


    Sash wedelte mit der Hand und der Boden stieß ein Grollen aus. Die Erde des Feenreichs erzitterte und stöhnte wie ein menschliches Wesen. Dann brach das Erdreich auf und Dornenranken schoben sich rund um den Schattenwandler durch Erde und Gestein, als gäbe es nichts, das sie aufhalten konnte. Sie waren schwarz und von glänzenden, spitzen Dornen bewehrt, verdreht und gekrümmt, als litten sie Schmerzen. Und sie bildeten ein Rund, einem undurchdringlichen Käfig gleich, der um den Schattenwandler in die Höhe wuchs.


    »Der Feenkönig erwartet Euch, Schattenkind«, flüsterte die Fee mit einem letzten Kichern. »Liefert ihm ein gutes Spiel.« Dann löste sie sich vor Adameos Augen auf, als hätte sie niemals existiert. Nur ein Flimmern in der Luft blieb zurück, als die erste Ranke auf ihn zuschoss, bereit, sich um seinen Körper zu wickeln.

    Runde 5


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    Adameo hatte sich die Stimme nicht nur eingebildet.

    "Wer ich bin?" Das zierliche Wesen kicherte und mit ihrem Kichern schien jedes einzelne Blatt des Buschwerkes, hinter dem sie stand, zu wackeln.

    "Wer ich bin, möchtest du wissen?" Mit Schritten, die für ihre geringe Körpergröße erstaunlich lang waren, trat das Wesen heraus. Sie war klein. Sehr klein. Reichte Adameo nicht einmal bis zur Brust.

    "Wer ich bin, möchtest du wissen, Weltenwandler? Ich bin Sash. Ich bin die Wächterin." Sie kicherte wieder und trat auf den Schattenwandler zu. Keinerlei Gefahr schien von ihr auszugehen, aber die hellen Augen waren wachsam auf Adameo gerichtet.


    "Du bist auf dem Weg. Du bist auf dem Weg zu Schloss. Und wer auf dem Weg zum Schloss ist, muss erst einmal an mir vorbei. Das hat ER heute so beschlossen." Die kleine Frau kicherte abermals und drehte sich um sich selbst. Ihr dünnes Kleid flog dabei wie die hauchdünnen Flügel eines Insektes um sie herum.

    "Ich bin Sash. Ich bin die Wächterin. Ich bin die Wächterin des Feenkönigs. Heute."


    Plötzlich blieb Sash stehen und abermals fixierte ihr Blick Adameo.

    "Wer bist du? Du bist der Weltenwandler. Weltenwandler. Mörder. Schattenkind. Was willst du beim König?"

    Ihr Blick wurde immer intensiver und bekam fast schon etwas bedrohliches. Von Angst vor dem viel größeren Schattenwandler war keine Spur zu erkennen.


    "Und wo hat der Mörder ihn hingeschickt? Wo hat der Mörder den anderen Mann hingeschickt? Den Abrünnigen, den Narbenmann? Hmm?" Sash stand nun dicht vor Adameo und sah ihn von unten prüfend an. Sprach sie von dem Namenlosen?


    ~


    Der Namenlose hatte den Abgrund bezwungen. Es war ein schwieriger Abstieg gewesen, doch das Ergebnis seiner Bemühungen war ernüchternd. Felsen, Gebüsch und eine unebene Straße, die in Richtung Schatten oder Licht führte.

    Dieses Mal entschied sich der Namenlose nicht für die Querfeldein-Methode, sondern folgte der Straße ins Licht.

    Ob es die gleiche Straße war? Oder waren alle Straßen im Feenreich derart angelegt?


    Zumindest begegnete der Namenlose Adameo nicht erneut. Doch wie es dem Schattenwandler bei der dunklen Seite ergangen war, so hatte der Namenlose das gleiche Problem auf der hellen Seite: Er kam dem Licht einfach nicht näher und blieb im zwielichtigen Einerlei gefangen.


    Hinter ihm ertönte eine Stimme:

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    "Ich hatte mir das Feenreich anders vorgestellt. Irgendwie... pompöser."

    Flynn Tarwen war auf der Straße aufgetaucht. Nicht unweit des Namenlosen. Ihr Erscheinen war nur mit einem seltsamen Flirren der Luft angekündigt worden.

    "Wo sind die anderen hin?" Fragend starrte sie den Narbenmann an. Sie hatte mindestens 5 Menschen gezählt, die in Me'Dams Teestube das Elixier zu sich genommen hatten. Waren sie nicht alle hier gelandet? Und wo war Cuanard? Hatte er den Rest des Tees überhaupt getrunken?


    Abermals flirrte die Luft.


    ~


    Siral und Noah waren also durch das Fenster in einer Art Vorratskammer im Schloss gelangt.

    Regale, Fässer, Kisten: alles gefüllt mit Lebensmitteln, die nur dem Schein Rechnung trugen und höchstens einer niederen Fee als Nahrung dienen konnten, niemals jedoch einem Menschen.


    Siral griff an die Tür der Kammer und gerade, als er den Türgriff hinunterdrücken wollte, bewegte dieser sich von alleine.

    Eine merkwürdige, deformiert wirkende Gestalt mit übergroßen Augen betrat die Kammer, sah erschrocken auf die beiden Männer und schüttelte dann den Kopf.


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    "Was sucht ihr hier? Zurück mit euch, ihr spielt gleich auf!"

    Damit scheuchte die Gestalt - die offenbar eine niedere Fee war - die beiden Männer hinaus in ein anderes Zimmer, noch bevor auch nur einer von ihnen etwas dagegen einwenden konnten.


    Die Tür fiel hinter ihnen ins Schloss und Siral und Noah standen in einem großen Raum mit hoher Decke. Die Fenster reichten bis zum Boden und gaben den Blick auf den Garten frei, dessen gesamte Schönheit sich erst jetzt den beiden Männern erschloss.

    Der Raum selbst schien abermals eine Art Lagerraum zu sein - allerdings wurde hier keine Nahrung gelagert, sondern Instrumente. Musikinstrumente verschiedenster Art. Geigen, Flöten, Trompeten, Trommeln.. Die meisten schienen mit denen des Reich des Tages identisch zu sein, einige aber wirkten derart exotisch, dass man nicht mal erahnen konnte, wie aus einen auch nur ein einziger Ton erklingen sollte.


    Und mitten in dem Raum saß vollkommen teilnahmslos eine junge Frau, fast noch ein Kind, auf einem Schemel. Sie tat nichts weiter, als durch die zwei Neuankömmlinge hindurch zu starren.


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    Runde 4


    Sein Name war Tion gewesen. Tion Asch.

    Und Tion hatte ein beschauliches, ruhiges Leben gelebt - bis er auf Malik getroffen und immer mehr in den Strudel des Verderbens geraten war.

    Der Strudel endete hier und er spürte ihn ganz deutlich. Spürte ihn in Form seines Blutes, das warm durch seinen Körper floss, warm aus seinem Körper floss, warm über seinen Körper floss. Seltsam, noch nie hatte er die Hitze seines Blutes derart gefühlt, wie in diesem Augenblick, als es langsam durch die Kälte des Todes aus seinen Adern verbannt wurde. Ein letzter Blick gen dem samtschwarzen Himmel und Tion starb. Er starb im Reich der Feen; derer Wesen, die Wünsche erfüllen können sollten. Doch sein letzter, großer Wunsch blieb unerhört und unerfüllt.


    Adameo und der Namenlose ließen den kalten Körper am Rand der unebenen Straße liegen. Ihre Wege trennten sich. Während der Schattenwandler seinem Namen alle Ehre machte und den Schatten wählte, suchte der Mann mit den vielen Narben seinen eigenen Weg und verließ die Straße. Und so bekam keiner von beiden mit, wie Tions Körper plötzlich durchscheinend wurde und sich regelrecht in Luft aufzulösen schien. Einen Wimpernschlag später war keine Spur mehr von dem Toten zu finden. Nur ein pechschwarzer Sämling durchbrach die Erde an der Stelle, an der Tion seinen letzten Atemzug gemacht hatte.


    Adameos Weg erwies sich als äußerst fad. Die Straße führte immer weiter und immer ging es in Richtung Dunkelheit. Allerdings erreichte er diese komplette Dunkelheit nicht. Es schien, als würde er sich auf der Stelle bewegen. Vor ihm der Schatten, hinter ihm das Licht. Er selbst gefangen im ewigen grauen Einerlei der holprigen Straße.

    "Wie töricht.." Tönte plötzlich eine Stimme hinter Adameo. Nein, vor ihm. Oder war sie in seinem Kopf?

    "Wie töricht und ungeschickt." Klang es wieder. Eindeutig weiblich. Aber es war niemand zu sehen.

    "Wie töricht, ungeschickt und dumm. Denkst du solch ein Opfer bleibt ungesehen?"

    Da! Etwas schien sich im Dickicht zu bewegen.


    ~


    Das Dickicht war von dem Namenlosen gewählt worden, doch auch seine Art vorwärts zu kommen war nicht von Erfolg gekrönt. Nach nicht mehr als 50 Schritten stand er vor einem tiefen Abgrund, dessen andere Seite im Schwarz der ewigen Nacht nicht auszumachen war. Ob hinabsteigen eine Option war? Nichts weiter als scharfer, kalter Felsen war dort unten zu sehen.

    Oder sollte er doch zurück auf die Straße?


    ~


    Noah und Siral standen in der Zwischenzeit vor der Frage, ob sie versuchen sollten, das Schloss zu betreten. Sicherlich eine Option, sofern man nur den passenden Zugang fand. Zwar gab an dieser Seite des Schlosses keinerlei Türen, aber dafür eine Unmenge an Fenstern und Balkone. Mit Sicherheit ließe sich auch irgendwo ein Fenster finden, das sich öffnen ließ.


    Je näher die zwei Männer sich in Richtung des Schlosses bewegten, desto leiser wurde das Zirpen der Zikaden. Mehr und mehr vermischte es sich mit einer leisen Melodie, die aus dem Schloss drang. Sehr melancholisch und ganz und gar nicht mit der gleichen Disharmonie beseelt, die das Zikadenkonzert inne hatte.


    Petrolfarbener Efeu rankte an einigen Stellen die Wände empor und es wirkte fast so, als würde er gemeinsam mit den vielen Mauervorsprüngen nur darauf warten, von einem hoffnungslosen Romantiker als Sprossenwand gebraucht zu werden.

    Aus einigen Fenstern drang ein heller, flackernder Lichtschein, wie von Kerzenlicht - nur ohne jegliche Wärme.


    ~


    Flynn Tarwen sah auf, als Cuanard sie ansprach. Sie wirkte verstört, strich sich unruhig einige Strähnen des lockigen Haares aus dem Gesicht.

    "Das sollte alles nicht passieren! Ich wollte das Elixier für die Forschung. Nicht auszudenken, was diesen Seelen im Feenreich passieren kann.." Die Frau wirkte ehrlich bestürzt.


    "Nicht auszudenken, wie hoch der finanzielle Schaden ist." Brummte Malik, der sich ansonsten jedoch erstaunlich unbeteiligt gab.


    "Ihr würdet euer Getränk teilen?" riss Flynn das Wort wieder an sich. "Wollt ihr denn ins Feenreich? Auch wenn dieses Elixier zu wirken scheint, so wissen wir doch nicht, wie lange es anhält und was uns dort erwarten wird." Unruhig rieb Flynn sich über das Handgelenk.


    "Wie immer ihr euch entscheidet, ihr solltet es schnell tun. Das Elixier verfliegt schneller, als Me'Dam Malyn uns mit Tee versorgen kann." Malik richtete sich auf, strich seine Kleidung glatt und blickte Cuanard und Flynn an.

    "Was immer ihr auch tut - ich werde jetzt meine Rechnung begleichen."


    Flynn blickte Cuanard an, nickte und nahm ihm die Tasse aus der Hand. Die Verführung einen Blick in das Reich des Mondes zu werfen, war auch für die Forscherin zu groß. Sie nahm einen kleinen Schluck und reichte die Tasse an den Hexer weiter.


    Im gleichen Augenblick flimmerte die Umgebung und der leblose Körper des Fremden namens Tion Asch tauchte in der Teestube auf.

    Runde 3


    Die Dunkelheit einer Vollmondnacht herrschte im Feenreich. Und doch konnte ein jeder, der sich auf den Weg in diese fremde Welt gemacht hatte, sofort erkennen, dass es nicht das Licht des Vollmondes war, wie man es aus dem Reich des Tages kannte.

    Das Licht hier war silbriger, wie von Zauberfäden durchwebt. Die Gewächse am Wegesrand verschwanden nicht im grauen Einerlei der Nacht, wie sie es in der normalen Welt taten. Gräser, Farne, Blüten schienen hier tatsächlich aus flüssigem Glas zu bestehen, welche das silberne Licht des Mondes auffingen und in alle Richtungen reflektierten.


    Adameo schlug die Augen auf und fand sich auf einer holprigen Straße wieder. Eine Straße, die offenbar nicht zum Vorwärtskommen gemacht war, denn kein Rad hätte über diese Straße fahren, kein Pferd seine Hufen zwischen die Steine setzen können. Dafür waren die Pflastersteine zu weit voneinander in den Boden eingesetzt, zu ungleichmäßig, zu gefährlich in der Masse ihrer Stolperfallen.

    Aber sie gaben mit ihrer Farbgebung ein hübsches Bild ab. Denn die Steine waren in einem Farbverlauf angeordnet, der zur einen Seite immer heller wurde, während die andere Richtung sich mit Fortschreiten der Strecke immer weiter verdunkelte. Wortwörtlich konnte man wählen, ob man in die Richtung des Lichtes oder die der Dunkelheit gehen wollte.


    "Ihr fragt euch, welchen Weg ihr nehmen sollt?"

    Es war der Fremde, der Betrogene, dessen Worte Adameo in seiner Nähe vernahm. Der Mann, der großzügig diese seltsame Flüssigkeit in ihren Gläsern verteilt hatte.

    "Natürlich den des Lichtes. Dies hier ist nicht mehr, als die Auswahl, die euch euer Unterbewusstsein gibt, während es euch auf eine Reise durch euren Rausch schickt. Hustensaft, Drogen, was auch immer.... dies ist nicht das Feenreich." sprach der Fremde verbittert.


    Auch der Namenlose hörte diese Worte - obwohl er auf keiner Straße stand.

    Diese Reise, auf die der Trank ihn geschickt hatte, hatte seltsames mit seiner Wahrnehmung angestellt. Als er im Feenreich erwachte, wirkte alles auf ihn, als wäre es irgendwie "falsch" angeordnet. Als wäre eine Straße über ihm und die dunkle Unendlichkeit der Nacht zu seinem Füßen. Und die Erkenntnis, dass es tatsächlich so war, lag nur einen Griff nach oben entfernt. Denn der Namenlose befand sich tatsächlich in einem Hohlraum unter der Straße. Er konnte die Pflastersteine greifen, fühlen. Ja, wenn er sich nur genug anstrengen würde, konnte er sogar durch sie hindurch sehen. Direkt auf Adameo und den Fremden.


    Noahs Magen rebellierte.

    Während alle anderen das Elixier aus freien Stücken zu sich genommen hatten, war er auf diese Art von Reise nicht vorbereitet gewesen. Kaum hatte er das Konfekt zu sich genommen, hatte dieses seltsame Summen in seinen Ohren eingesetzt und war immer stärker geworden. Und je stärker das Summen wurde, desto weniger konnte er seine Umgebung um sich herum erkennen. Die Straßen Sorieskas, sie verschwanden einfach.


    Abgelöst wurden sie von der Dunkelheit des Mondenreiches und dem prächtigen Garten eines Schlosses. Auch das Summen verschwand und wich dem disharmonisch wirkendem Zirpen einiger Zikaden, welches irgendwie unnatürlich und doch echt wirkte.


    Auch Siral hatte der Trank hier her gebracht. Er stand nur wenige Schritte entfernt von Noah - inmitten üppiger Pflanzen, die von Innen her zu Leuchten schienen.

    Doch so faszinierend, wie diese Blumen auch sein mochten - automatisch wurde der Blick auf das silberne Schloss gerichtet. Es schien hunderte von kleinen Türmen zu besitzen und bis in den Himmel gebaut worden zu sein.

    Große Fenster mochten auf dieser Seite den Blick auf den Garten frei geben - doch gab es keine Tür.



    Im Reich des Tages saß währenddessen eine staunende Flynn vor einem niedergeschlagenen Malik. Die Teestube hatte sich rasant geleert, immer mehr der Gäste waren dem Mann, der Malik als Scharlatan beschimpft hatte, gefolgt. Immer mehr waren ins Reich der Feen - oder wohin auch immer - verschwunden. Es durfte nur noch wenige Augenblicke dauern, bis Me'Dam oder eine ihrer Angestellten diesen plötzlichen Schwund an Gäste bemerkte und irgendwen dafür zur Rechenschaft ziehen würde.


    Flynn blickte in ihre Tasse. Der Fremde hatte sie leer getrunken. Keine Ticket in die Welt der Feen für sie. Oder doch? Hektisch begann die junge Frau nach der Phiole zu suchen. Wo hatte er sie abgestellt? Vielleicht war dort noch etwas drin?

    Runde 2


    Me'Dam Malyn blickte zufrieden durch die Teestube. Die große Schiefertafel, die sie draußen aufgestellt hatte und die mit den Worten "Sommerlaunen - gekühlter Tee und frische Beerentörtchen" warb, hatte Wirkung gezeigt und ihr ein paar Gäste beschert. Wobei die meisten Gäste dann doch die gleichen Dinge wie immer bestellten.

    Wein, Tee, Milch - nur einer der Gäste wollte "irgendetwas zu Essen, nicht süß nicht kalt".

    Zwar eine merkwürdige Bestellung, aber sie hatte hier schon weitaus seltsamere Dinge erlebt. So ließ Me'Dam dem Herren einen warmen Kuchen mit Eiern und Zwiebeln bringen, ließ ihm aber auch ein kleines Gläschen mit dem gekühlten Tee als Kostprobe zukommen. Manchmal musste man die Menschen nun mal erst auf den Geschmack einer Leckerei bringen.


    Tatsächliche Sorgen bereitete ihr gerade eh eine ganz andere Person.


    Da saß dieser Mann. Er hatte dunkles Haar, Kleidung, die man überall auf den Straßen Sorieskas sah und er wäre mit seinem Wunsch nach Tee und Gebäck an anderen Tagen sicherlich überhaupt nicht aufgefallen. Aber Malyn hatte bemerkt, wie seine Hände ständig nervös mit der Serviette spielten. Und dann diese Blicke! Blicke, die nichts Gutes verhießen. Nein, dieser Mann führte etwas im Schilde und er starrte immer wieder Flynn und Malik an.


    Allerdings waren diese beiden so in ihren Verhandlungen vertieft, dass sie davon offenbar keinerlei Kenntnis nahmen.


    "Ein wenig Übelkeit und ein paar weltliche Münzen sind rein gar nichts für diese Erfahrung!" Flynn lächelte und nahm ihre prall gefüllte Geldkatze vom Gürtel. Erwartungsfroh legte sie die Katze auf den Tisch, schob sie in Richtung Malik.

    Der wiederum kam seinem Teil des Handels nach und zauberte eine unscheinbare Phiole hervor, die bis zur Hälfte mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt war.

    "Geht sorgsam damit um. Mein Kontakt nach Theramia ist abgebrochen und ich weiß nicht, ob ich noch einmal an Nachschub komme." Seine Stimme war genauso ruhig wie seine Hand, als er der jungen Frau das kleine Fläschchen entgegen schob und den Handel besiegelte.


    Zumindest fast.


    Denn im Gegensatz zu Me'Dam Malyn war Malik nicht aufmerksam genug gewesen. Ihm war der Mann mit dem düsteren Blick nicht aufgefallen und er hatte nicht kommen sehen, was jetzt geschah.


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    "Dieb! Lump! Dreckiger Bastard!" Tönte es plötzlich durch die Teestube. Ein Stuhl fiel um und mit einem Satz war der Fremde an Flynns Tisch.

    In der einen Hand hielt er ein Messer, dass bedrohlich auf Maliks Kehle zielte, die andere griff nach der Phiole.

    "Dieser Kerl lügt und betrügt und verkauft Tränke, die es gar nicht gibt!" Schrie der Mann weiter. Geschickt entkorkte er das Fläschchen nur mit der Hilfe seines Daumens.

    "Einen Tropfen, einen Tropfen! Ha, er verkaufte mir einen ganz speziellen Trank und was passierte? Gar nichts! Ich konnte die ganze Flasche leer saufen und nichts passierte!"


    Der Mann war mehr als aufgewühlt und mit zittrigen Händen schüttete er etwas von der Flüssigkeit in Flynns Tee. Dann wandte er sich an die Umstehenden.

    "Probiert es selbst aus! Rein gar nichts passiert! Gar nichts!"

    Langsam wanderte er von Tisch zu Tisch - ständig in Abwehrhaltung. Auch wenn er Malik nicht mehr direkt bedrohte, hatte sein Gebaren selbst etwas Bedrohliches, dass zunächst jeden davon abhielt, ihn anzugreifen.

    "Überzeugt euch selbst! Wasser. Oder vielleicht Hustensaft. Aber ganz bestimmt keine Wundermittel verkauft dieser Mistkerl.." Ein Tropfen der Flüssigkeit wanderte in Sirals Tee. Ein weiterer in die Getränke von Cuanard und dem namenlosen Mann. Auch Noahs Milch und Adameos Wein wurden mit der seltsamen Mixtur versetzt.

    Dann kam der Fremde wieder an Flynns Tisch an. Hochmütig sah er die junge Frau an.

    "Ich muss euch enttäuschen. Ihr könnt noch so viel trinken, es passiert rein gar nichts..." sprach er und stellte die Phiole ab. Er griff zu Flynns Tee und trank.


    Mit großen Augen sah die Forscherin den Fremden an. Sie war sprachlos. Sollte sie hier tatsächlich einem Betrüger aufgesessen sein? Fragend ging ihr Blick zu Malik, der kreidebleich in sich selbst zusammengesunken war.

    Noch fragender wurde ihr Blick, als der Fremde mit dem Messer plötzlich verschwand. Nicht zu Fuß und durch die Tür. Nein! Er... er schien sich buchstäblich in Luft aufzulösen!


    Malik griff sich an die Kehle und röchelte:

    "Nun, ich bin kein Betrüger.. sein Trip durchs Mondreich beginnt genau jetzt".

    Runde 1



    Eigentlich war das Wetter zu gut um in einem Gasthaus zu versauern.

    Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, ein laues Lüftlein wehte durch die Straßen Sorieskas und der Frühling ließ sich in der Hauptstadt langsam vom Frühsommer verjagen. So verwunderte es niemanden, dass Me'Dam Malyns Teestube nicht ganz so gut besucht war, wie an Tagen die nicht diesen besonderen Frühjahrszauber inne hatten.


    Aber Me'Dam hatte auch an solchen Tagen immer ein besonderes Angebot um den ein oder anderen Besucher in ihre Stube zu locken. Hier ein äußerst günstiges Mittagessen, dort ein spezielles Gebäck, welches angeblich aus fernen Ländern kam und immer und überall eine neue Geschichte, die Me'Dam zum Besten geben konnte.


    Flynn Tarwen war heute jedoch weder wegen einem Plausch, noch einem guten Essen in die Teestube gekommen.

    Ihr Tee war dampfte unangetastet vor sich hin, das hübsch arrangierte Gebäckstück lag unberührt auf dem zart geblümten Porzellanteller. Ihr Interesse galt viel mehr ihrem Gegenüber - einem durchaus charismatischem Mann mit verwuscheltem Haar und ein Lächeln, dass Flynn hätte gefallen können. So hatte die Forscherin bei ihrer ersten Begegnung auch fälschlicherweise gehofft, Malik (seinen kompletten Namen kannte Flynn nicht - sofern Malik überhaupt sein richtiger Name war) zeige an ihr Interesse. Darin irrte sie sich jedoch gewaltig. Er war durch und durch Geschäftsmann und hatte nur soviel über sich Preis gegeben, wie es für einen Handel von Nöten war.


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    "Und ihr habt es dabei?" fragte Flynn und trommelte aufgeregt mit den Fingern auf dem Tisch herum.

    "Ich habe es dabei." antwortete Malik. "Genug für 8 oder 10 Exkursionen.. wenn ihr sparsam seid, vielleicht auch mehr.."

    Soviel! Flynn griff sich an die Kehle. Die Wangen röteten sich. Sie hätte nie im Leben daran gedacht, auch nur an eine einzelne Dosis dieser ominösen Substanz zu gelangen.

    "10 Exkursionen... bei Melysans großem Zeh! Das ist unglaublich. Und... wie .. wird es angewandt?"

    "Ganz einfach." Da war es wieder, dieses charmante Lächeln. Malik war tatsächlich ein Mann, der verkaufen konnte. Ein Lächeln hier, ein verschwörerischer Unterton dort und die ganze Zeit übermittelte er das Gefühl, dass etwas sehr Besonderes, etwas sehr Exklusives in seinem Besitz war. Und offensichtlich war es das auch.

    "Ein einzelner Tropfen in euer Getränk und..." Er machte eine streichende Bewegung. Eine Bewegung, die wenig verriet und doch alles zu erklären schien.

    "Ihr wacht im Feenreich wieder auf. Die Wirkung ist zeitlich so begrenzt, dass ihr in unserer Zeit nicht länger als eine, vielleicht zwei Stunden weg seid.. aber das Wichtige ist: ihr kommt wieder. Solange ihr nicht euren Kopf im Reich des Mondes verliert oder euch das Herz vom Feenkönig durchstoßen lasst, ist die Wirkung des Elixiers begrenzt."

    Aufgeregt biss Flynn sich auf die Lippe. Sollte das wirklich der Wahrheit entsprechen, so war es eine absolute Sensation. Nichts und niemand konnte aus dem Feenreich zurück kehren - sofern es keine Fee war. So viele Wesen waren bereit, ihr Leben dafür herzugeben um einen Blick in das Mondreich zu werfen. Und nun sollte es einfach so gelingen? Unverbindlich und ohne Gefahr? Das würde soviel verändern!

    "Nebenwirkungen?"

    Malik schien zögerlich. "Kaum... ein wenig Übelkeit, vielleicht könnt ihr euch an das ein oder andere nicht erinnern und... und der monetäre Preis ist für solch einen Trip natürlich recht hoch." Er lächelte erneut. "Aber jede Kupferrose wert."

    Sonnengewinn, Winterfort, Veilchenfest, Feentanz. Der Frühlingsmarkt mit anschließendem Tanz um das Feuer war in diesem Jahr anders gewesen, als in anderen Jahren. Die Verantwortlichen konnten sich hinterher nicht einmal erklären, was geschehen war, dass die Stimmung auf dem Fest hatte kippen lassen.

    Es war nicht weniger Waldmeisterwein geflossen, als in anderen Jahren. Das Feuer war nicht kleiner gewesen und noch nicht einmal die Stürme hatten das Festgeschehen beeinträchtigt.


    Und doch war das Gefühl, das am Ende dieses Festes über blieb, ein ganz anderes, als in all den anderen Jahren. Als wäre etwas irgendwie schief gelaufen. Als wäre das Fest an einer Stelle unterbrochen worden, an der es eigentlich zu seinem Höhepunkt hatte auflaufen sollen. Als hätten die Feen dieses Jahr beschlossen, nicht zu tanzen.


    Am nächsten Tag wurden die Stände und Buden nach und nach abgebaut. Die rußigen Überreste des Feuers wurden zusammen kehrt und bald erstrahlte der Marktplatz und seine umliegenden Gassen im alten Gewand.


    Erstaunlich war, dass es auch in den Wochen nach dem Feentanz keinerlei Gerüchte darüber gab, dass jemand dem Feenwahn erlegen war.


    Trotzdem sollte dieser Tanz allen Beteiligten noch für eine lange Zeit mit einem merkwürdig fahlem Beigeschmack in Erinnerung bleiben.

    Der Abend schritt voran.

    Das Licht des Tages war mittlerweile gänzlich erloschen und während am Himmel die ersten Sterne erstrahlten, wurde das Feuer auf dem Marktplatz nur noch weiter geschürt. Die Feuertänze kamen zu ihrem Höhepunkt, in dem immer mehr brennende Scheite auf die lodernden Flammen geworfen wurden und als eine jede Fackel ihren Weg ins Feuer gefunden hatte, begannen die Anwesenden vermehrt um das Feuer herum zu tanzen.


    Die Musik wurde derber. Lauter, schneller, unanständiger. Ein guter Grund, dass die Familien das Fest verließen - ein weiterer war, dass die Dirnen zwischen den Trunkenen auf Freiersuche gingen.


    Mitternacht nahte.

    Sonnengewinn, Winterfort, Veilchenfest - der Frühlingsmarkt von Sorieska war unter vielen Namen im ganzen Land bekannt. Und sobald der Duft von Hyazinthen, Kornelkirsch und Duftveilchen leicht in der Luft lag, begannen die ersten Vorbereitungen.

    Altes Holz und Reisig wurde gesammelt und auf dem Marktplatz aufgetürmt, Stände, Zelte und Buden wurde aufgebaut und üppig mit Blüten und jungem Grün geschmückt. Von nah und fern kamen Händler angereist und verwandelten die ganze Stadt in einen bunten, rastlosen Reigen.


    Traditionell begann der Frühlingsmarkt abends mit einem großen Feuer auf dem Marktplatz mit dem der Winter aus dem Land getrieben werden sollte und bei dem die Bevölkerung Sorieskas ausgelassen feierte. Feuertänzer tanzten mit ihren Fackeln um das Feuer, Musiker spielten bis tief in die Nacht hinein wilde, ungezügelte Musik und die Händlerzunft trug die Kosten für ein großes Fass Waldmeisterwein, aus dem sich ein jeder bedienen konnte.

    Am nächsten Morgen hielt der Frühling dann mit dem eigentliche Marktgeschehen Einzug. Händler boten ihre Waren an, überall gab es frühlingshafte, leichte Köstlichkeiten zu probieren und auch der Wein floss weiterhin in Strömen.


    In diesem Jahr standen die Vorzeichen für das beliebte Fest lange Zeit unter keinem guten Stern. Wochenlang wurde Sorieska von starken Winden heimgesucht und man trug Sorge, dass sich weniger Händler einfinden würden, als in den Jahren zuvor.

    Doch dieses gute Geschäft wollten sich die wenigsten entgehen lassen und so sorgten die Frühjahrsstürme nicht für weniger Besucher des Marktes, sondern für mehr Reisig - und damit einem Feuer, dass es in dieser Höhe noch nicht in Sorieska gegeben hatte.


    Einen der vielen Namen des Festes hörte man in Sorieska übrigens nicht unbedingt gerne: Feentanz.

    Eine alte Legende besagt, dass man am Abend des Winterfeuers mit den Feen tanzen kann, ohne dass sie einen hinter die Spiegel locken können. Denn so wie das Feuer die Sonne repräsentiert, die den Winter aus dem Land jagt, hält sie auch die Feen fern und hindert sie daran, mit ihren Opfern in dieser Nacht ins Mondreich zu ziehen.

    Ob dies aber der Wahrheit entspricht oder nur eine von den Feen gestreute Legende ist - das wissen wohl nur diejenigen, die es selbst ausprobieren.


    Willkommen beim ersten, öffentlichen Ereignis in Sorieska. Dieserlei Ereignisse soll es zukünftig häufiger geben - und die Teilnahme an ihnen soll mit Trophäen belohnt werden. Ein jeder, der sich am diesjährigen Feuertanz mit mindestens 5 Postings beteiligt, bekommt einen wunderschönen Saphir... viel Freude!

    Das Auge des Mondes, an der Grenze zwischen Ober- und Unterstadt gelegen, ist gewiss eine der ältesten Tavernen von Sorieska. Der Mond mit dem offenen Auge auf dem Schild über dem Eingang hat viele Generationen von Sorieskern gesehen. So mag es kein Wunder sein, dass insbesondere die Söhne und Töchter der alteingesessenen Familien hier verkehren und die Taverne erst im Morgengrauen wieder verlassen. Natürlich führt dies dazu, dass das Auge des Mondes für viele von Interesse ist, die auf der Suche nach Klatsch sind. Allerdings kann kein Orin und kein Goldfolin den Wirt Dacyn Fabijn dazu bringen, die Klatschsucht zu befriedigen. Und ebenso wenig tun es seine Schankmädchen. Was im Auge des Mondes geschieht, bleibt im Auge des Mondes. Und so kommen vor allem all jene hierher, die diese Diskretion zu schätzen wissen.


    Auf den ersten Blick ist das Auge des Mondes eine saubere, gemütliche Taverne. Das Holz der Theke ist poliert, der Lichtschein warm und die Fenster sind mit Buntglasscheiben versehen, die neugierige Blicke ins Innere verhindern. An den Abenden dringt Musik aus der Taverne in die Seitengasse, in der sie gelegen ist, und Hufschlag vermischt sich damit. Die Stallburschen führen die Pferde der Gäste in den Stall und es herrscht ein reges Kommen und Gehen.


    Niemand achtet auf die unscheinbaren Symbole, die an verborgenen Stellen in das Holz der Fensterrahmen und Türen geritzt sind. Die sich in Balken verbergen und die Möbel zeichnen. Schutzsymbole gegen das Feenvolk, uralte Zeichen, die das Auge des Mondes für Feen unsichtbar machen, als würde es nicht existieren. Keines zweiten Blickes würdig.


    Und niemand betritt je das Herz der Taverne, tief in den Kellerräumen. Den geschützten Versammlungsraum mit dem runden Tisch. Die Kammer mit den Waffen aus Feeneisen. Den Vorratsraum voller Phiolen und Gläser. Die Wahrheit hinter der Fassade der ehrwürdigen Taverne. Denn das Auge des Mondes gehört den Hütern der Dämmerung, den Streitern gegen die Feen, und die Fabijn sind eine der Familien, die aus dem Blut der Dämmerung hervorgegangen sind.


    Und so wacht das Auge des Mondes seit langer Zeit über Sorieska, auch wenn niemand es vermuten würde. Die Geburtsstädte der Hüter der Dämmerung und ihr Stützpunkt, von dem aus sie in die Nacht verschwinden.

    Der kleine Teich liegt gut verborgen unter den Zweigen des dichten Tannenwaldes. Eine winzige Lichtung, von Beerenbüschen umgeben, an denen leuchtende Früchte hängen. Ein verlockender Duft, der unwillkürlich an diesen Ort führt. Wer sie durchdringt, findet das stille Gewässer, das von großen Steinbrocken gerahmt wird, die zum Verweilen einladen.


    Auf den ersten Blick gibt es hier keine Besonderheit zu entdecken. Es ist ein ruhiger Ort, umgeben von den Geräuschen und Gerüchen des Waldes. Laub schwimmt träge auf der Wasserfläche und ab und an geht ein Windstoß darüber hinweg, der das Wasser aufwühlt. Gelegentlich ist ein silberner Schatten unter dem Wasser zu erkennen. Ein Fisch, der rasch vorüber flitzt. Und am Abend vernimmt man das Quaken der Frösche, die den Teich ihr Eigen nennen.


    Doch die Idylle trügt. In Sorieska behauptet man, dass der Teich verwunschen sei und warnt davor, sich ihm zu nähern. Von den Feen besessen - so murmelt man. Trotzdem gibt es genügend Narren, die es als Mutprobe ansehen, sich dem Gewässer zu nähern und Gaben in das Wasser zu werfen, wenn sich der Mond darauf abzeichnet. Es heißt, dass die Feen zu jenen kommen, die ihnen ein Opfer hinterlassen. Ein Schmuckstück, einen Kamm, in dem noch Haare zu finden sind, etwas, das sie zu dem törichten Sterblichen führt, der um ihre Anwesenheit ersucht hat. Und wer verschlagen genug ist, versucht sogar, das Unglück auf einen anderen heraufzubeschwören, indem er einen Gegenstand aus dessen Besitz in den Teich fallen lässt. Ob es Wirkung zeigt - wer weiß?


    Das Wasser gibt niemals zurück, was man ihm geopfert hat. Kein Gegenstand ist je darin gefunden worden. Aber so mancher hat sein Opfer auf einem anderen Wege zurückerlangt. Dann, wenn sich die Fee, die ihn gefunden hat, in seinem Spiegel gezeigt hat, um ihren Tanz mit dem Sterblichen zu beginnen, der es gewagt hat, nach ihr zu rufen …

    Es gibt nichts, was man auf dem Markt von Sorieska nicht bekommen kann. Man muss nur wissen, wo man es findet. Der Marktplatz ist von unzähligen Gerüchen erfüllt. Gewürze, Parfums, Speisen - alle vereinen sich zu dem unverkennbaren Duft, der diesen Ort umgibt. Die Stände leuchten in der Sonne und ihre Besitzer lassen nichts unversucht, um Kunden anzulocken und einen Konkurrenten auszustechen.


    Auch Künstler treten häufig auf dem Markt auf. An jeder Ecke erklingen Instrumente und Gesang und laden zum Verweilen ein. Schauspieler bieten Theaterstücke dar und Tänzerinnen des Wandervolkes zeigen ihr Kunst. Es ist ein lebendiger, überschäumender Flecken, der die Sinne mit seiner Vielfalt überschwemmt und den Kopf schwirren lässt. Also ist es keine Frage, dass auch Langfinger auf dem Markt unterwegs sind und die Marktwache alle Hände voll zu tun hat.


    Wer genug von den Eindrücken hat, ruht sich rund um den plätschernden Rabenbrunnen aus, dessen Umrandung zu jeder Tageszeit besetzt ist, und sieht dem Treiben von dort aus zu. Den ankommenden Karren mit den frischen Waren, den höhergestellten Herrschaften, die lieber einen der Läden am Rande des Marktplatzes aufsuchen und den Trubel meiden. Schließlich gibt es genug zu sehen, um den ganzen Tag damit zuzubringen.


    Zudem ist der Marktplatz der größte Umschlagplatz für Gerüchte und Klatsch in der ganzen Stadt. Nirgends erfährt man mehr als hier, wo ein Einkauf nicht selten von einer interessanten Unterhaltung begleitet wird. Denn auf dem Markt kann man nicht nur Waren kaufen, sondern auch jede Art von Information - wenn der Gegenwert stimmt.

    Der Park von Sorieska ist wie ein grünes Juwel inmitten der Oberstadt. Von hohen, alten Laubbäumen überschattet und von Statuen bewacht, auf denen sich Tauben eingerichtet haben. Dies hat dazu geführt, dass er gelegentlich spöttisch als »Park der Taubenkönige« bezeichnet wird - wenn es doch die Raben sein sollten, die über jeden Flecken von Sorieska herrschen.


    Allein die Statue von König Leonyn auf dem gepflasterten Platz in der Mitte des Parks bleibt von den Taubenkönigen verschont, wenngleich niemand weiß, warum ausgerechnet Leonyns Abbild von ihnen gemieden wird. Beinahe wirkt es, als hielten sie respektvollem Abstand von dem lange verblichenen König.


    Es gibt eine Vielzahl von lauschigen Flecken im Park. Seien es der künstlich angelegte Flusslauf mit dem kleinen Wasserfall, der in einen Teich niedergeht, oder die Pavillons, die sich unter duftenden Kletterrosen verbergen. Die Steinwege sind sauber und gepflegt. Nicht selten sieht man die wohlhabenden Bürger Sorieskas auf einem Ausritt oder offene Kutschen, in denen tadellos bekleidete Damen und Herren die Sonne genießen.


    Der Park ist ein beliebter Treffpunkt für romantische Zusammenkünfte - zumindest, solange die Sonne am Himmel steht. In der Nacht meiden die Soriesker diesen Ort. Denn es heißt, dass dann geisterhafte Melodien durch die Luft schweben, obgleich niemand je einen Musiker aus Fleisch und Blut dort gesehen hat ...

    Der Hafen von Sorieska schläft niemals. Schiffe laufen bei Tag und Nacht ein, Rufe schallen über den Orijș, Ladungen werden gelöscht und neue Kisten und Säcke in den Bäuchen der stolzen Handelsschiffe verstaut. Segel flattern im Wind, Hammerschläge schallen über den Hafen und der Umgangston ist so rau wie der Wind, der über den Fluss streicht.


    Solange die Sonne am Himmel steht, stechen Handels- und Passagierschiffe in See. Reisende kommen in Sorieska an oder lassen ihr Gepäck zum Hafen bringen, um eines der Schiffe zu besteigen. Kutschen und Karren rattern über das Pflaster und Menschen jeder Nationalität von Atharys kommen hier zusammen, um anschließend ihrer Wege zu ziehen.


    In der Nacht jedoch wandelt sich das Bild. Seemannslieder und Gelächter dringen aus den Hafentavernen und Dirnen nehmen auf den Knien der Seemänner Platz, um ihnen ihren Lohn abzuluchsen. Dann verwandelt sich der Hafen in einen gefährlichen Ort. Dunkle Gestalten schleichen durch die engen Gassen und suchen sich betrunkene Opfer und nicht selten kommt es zu Schlägereien, die zersplitterte Stühle und ramponierte Fässer zurücklassen, die in den frühen Morgenstunden entsorgt werden.


    Die Hafenwache hat meist alle Hände voll zu tun und der Hafenkerker kann sich nicht über Insassen beklagen, die dort ihre Zeit absitzen, bis sie nüchtern genug sind und das Bußgeld von ihren Kapitänen bezahlt worden ist. Tatsächlich sind die Strafen empfindlich hoch - doch sie genügen selten, um die Nächte am Hafen friedlich zu halten.

    Me’Dam Malyn ist mit Gewissheit eine der schillerndsten Gestalten, die Sorieska zu ihrem Heim erklärt haben. Einst eine gefeierte Sängerin an der städtischen Oper, hat sie sich nach einem Nervenzusammenbruch zurückgezogen und die Teestube eröffnet, in der nun die feine Gesellschaft Sorieskas verkehrt.


    Natürlich hat sie sich für ihre Teestube ein hübsches, gepflegtes Fachwerkgebäude direkt am Marktplatz ausgewählt. Licht fällt durch die hohen Fenster und lässt das teure Porzellan glitzern. Frische Blumen füllen jede Ecke und verbreiten gemeinsam mit dem Tee einen zarten Duft. Feines Gebäck und Kuchen stehen parat und werden von den lächelnden Mädchen aufgetragen, die Me’Dam Malyn handverlesen hat.


    Tapeten aus Celais und bequeme Samtstühle runden die Teestube ab und hier und da findet sich sogar ein Erinnerungstück an den Werdegang der Besitzerin. Me’Dam Malyns Teestube besitzt jedoch eine Besonderheit, denn sie ist bis spät in die Nacht geöffnet. Dann wandelt sich das Erscheinungsbild. Musiker unterhalten die Gäste und der Tee wird durch hochprozentige Köstlichkeiten ersetzt. Nicht wenige der Gäste verlassen das unschuldige Gebäude schließlich berauscht und mit den besten Wünschen der Gastgeberin.


    Me’Dam Malyn selbst ist durchaus einen zweiten Blick wert. Die charmante Frau aus Sorieska hat die Welt bereist und viele außergewöhnliche Geschichten im Gepäck, die sie gern zum Besten gibt, wenn man sie darum bittet. Dabei fällt auf, dass ihre Stimme kratzig und rau klingt, als hätte sie ihre Melodie verloren. Worin der Grund dafür zu suchen ist, verrät Me’Dam Malyn jedoch niemals.


    Gewiss ist es nur ein infames Gerücht, dass Me’Dam Malyns Singstimme ein Geschenk des Feenkönigs gewesen ist und dass Feen in ihrer Teestube verkehren, sobald die Sonne untergegangen ist. Die Inhaberin selbst pflegt, solche Gerüchte mit einem Augenrollen und einem spöttischen Lächeln zu quittieren. Aber sie kommentiert sie niemals und streitet sie nicht ab.