Beiträge von Die Chronistin

    „Halt!“


    Eine Stimme erklang hinter dem Menschen, an dessen Händen noch das Blut des getöteten Schattenwandlers klebte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter, der Griff fest und unnachgiebig. Die Männer des Fürsten trafen ein und der verwilderte Park füllte sich mit Leben.


    Die Schattenwandler bildeten einen Ring, der die Versammlung einschloss. Es gab keinen Weg, den Park zu verlassen, ohne ihren Weg zu kreuzen. Einer von ihnen kniete neben dem Toten nieder und legte die Hand auf dessen Brust. Dann hob er den Kopf und blickte zu seinem Fürsten. Ein Kopfschütteln bedeutete Magnas, dass er sein Leben gelassen hatte und die Miene des Fürsten erschien aus Stein.


    „Es ist Horis Vespares, Sereis“, sagte er laut genug, dass es den Fürsten erreichte. Eine niedere Familie der Schattenwandler, den Solanis verbunden. Nein, es überraschte Magnas nicht.


    Ein anderer versperrte den Weg der Hexe, bevor sie ihren Zufluchtsort erreichen konnte. Eine Mauer aus Dunkelheit, die vor ihr emporwuchs und ihr bedeutete, dass sie den Park nicht verlassen würde.


    „Silvea!“


    Ein Ruf, der von der Straße aus ertönte, lenkte die Aufmerksamkeit aller auf die jungen Hexer, die ohne Scheu auf den von Schattenwandlern gefüllten Park zuhielten. Ein Blick enthüllte Clivras und Thenas, die Brüder der jungen Hexe, so von Zorn und Furcht um sie erfüllt, dass sie selbst die Übermacht der Schattenwandler nicht fürchteten.


    Silvea erstarrte in Iagos Armen, dann kam Leben in die Hexe und sie wand sich in seinen Armen, die blanke Angst vergessend, die ihre Glieder zittern ließ.


    „Clivras! Thenas!“, schrie sie hinab und Iago fühlte, wie sich Risse durch sein Herz zogen. Silvea sah zu ihm auf, ihre Hände in sein Hemd geklammert und die Augen von silbrig schimmernden Tränen benetzt. „Bitte, bitte lasst mich gehen“, flehte sie.


    Die Risse in Iagos Herz wurden größer. Sein Griff um Silvea festigte sich, denn es gab nichts, nichts auf dieser Welt, das er weniger wünschte, als sie gehen zu lassen. Und doch … ihr Flehen genügte, um ihn hinabsinken zu lassen, ihren Brüdern entgegen.


    Murmeln erhob sich unter den Schattenwandlern. Die Hexen waren offensichtlich aufmerksam geworden, denn Clivras und Thenas würden nicht die Einzigen bleiben, die sich dem Park durch die Straßen näherten. Magie verdichtete sich in der Luft. Das Prickeln von Suchzaubern, die ohne Zweifel auf Silvea gerichtet waren.

    Der Wind peitschte noch einmal über den Park und rauschte in den Blättern, er hob das Haar des Fürsten und es wogte auf dem Luftstrom wie lebendiger Schatten. Ein Stirnrunzeln zeichnete seine Stirn, als eine junge Stimme erklang, und seine Silberaugen glitten zu dem Versteck des Jungen. Sein Blick verharrte für einen Herzschlag, dann wanderte er zu der Schattenwandlerin, die den Versuch unternahm, sich zu erklären. Hinter der Orsea davon glitt wie eine Schlange aus wabernder Schwärze.


    Er befahl nicht, sie aufzuhalten. Denn wie könnte man flüssigen Schatten einfangen, wenn er es nicht wünschte?


    Der Fürst unterdrückte ein Seufzen, denn Magnus wusste nur zu gut, dass Orsea nicht aufgeben würde. So wie er wusste, dass alle Versuche, sie finden zu wollen, fehlgehen würde. Orsea handelte, wie es ihr Gewissen gebot und er verstand. Sie hatte sich in dieser Nacht zu einem Teil des Rades des Schicksals gemacht, das über das Schicksal der jungen Unschuldigen entscheiden würde. Blut würde fließen. Ganz gleich, was geschah. Es war, was jedes Silberband unweigerlich nach sich zog. Ob es bestand oder verging.


    Iago beobachtete derweil das Geschehen aus den Wolken. Er sah die Ankunft seines Fürsten. Die Ankunft seiner Männer und seine jugendliche Stirn war in Falten gezogen, während er versuchte, des Impulses Herr zu werden, der ihn dazu zwang, das Leben der jungen Hexe in seinen Armen stets über das seine zu stellen.


    Vertrauen … Vertrauen in seinen Fürsten … Flucht …


    Iago biss sich auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. Er spürte Silveas Zittern. Ihre Furcht im Angesicht der Schattenwandler, die sich im Park gesammelt hatten. Und er konnte nicht … er konnte nicht dort unten landen. In ihrer Mitte. In der Mitte einer Bedrohung, die er nicht einzuordnen wusste. Selbst wenn er seinem Fürsten vertraute.


    Sein Blick kreuzte die Silberaugen von Magnas und die Brust des Fürsten hob sich unter einem neuerlichen Seufzen. »Komm herab, Iago. Ich schwöre bei der Ehre meiner Familie, dass deine Gefährtin unter meinem Schutz steht. Niemand wird sie anfassen und ihr ein Haar krümmen.«


    »Nein …« Silveas Flüstern drang kaum bis an Iagos Ohr, doch sein scharfes Schattenwandler-Gehör vernahm sie dennoch. Sie klammerte ihre Finger fester in sein Hemd. »Bitte … bitte, bringt mich nach Hause.«


    Iagos Zähne knirschten. Er war zerrissen zwischen dem Befehl seines Fürsten, den er seit seiner frühesten Kindheit kannte und der leisen Bitte, die von den Lippen der Hexe gekommen war, die nicht wagte, ihn anzusehen.


    »Iago!«


    Noch einmal rief der Fürst seinen Namen.


    »Vergebt mir, Sereis«, murmelte der junge Schattenwandler. Dann schlugen seine Schwingen und er schoss mit Silvea in den Nachthimmel hinauf.

    Wie aussichtslos der Kampf erschien. Desmondeo, gefangen in einer tödlichen Umarmung. Persecea, zu erschöpft, um den tödlichen Hieb abzuwehren, zu dem Orsea ansetzte, um sich der Leibwache zu entledigen. Die überwältigende Mehrheit kampferprobter Schattenwandler, die darauf aus war, das Silberband zu vernichten, ehe es sich entfalten konnte.


    Orsea Augen blitzten auf, als ihre Klauen auf Persecea niedergingen, bereit, ihr die Kehle aufzuschlitzen. Dann fiel ein Schatten vom Himmel und der Schlag mächtiger Schwingen vermischte sich mit dem Tosen des Windes.


    »Beendet diesen Irrsinn. Oder Ihr werdet in der Arena dafür zur Rechenschaft gezogen.«


    Eine Stimme wie Donner. Sie schallte über den Park und die Wandler erstarrten unter ihrem Klang. Magnas Angelis richtete sich in der Mitte des Parks auf. Seine schwarzen Schwingen waren ausgebreitet und unterstrichen seine mächtige Gestalt.


    Im Hintergrund erklangen Rufe. Schritte näherten sich. Die Männer des Fürsten, geleitet von dem Gesegneten des Aëris, der Iago und Silvea aus der Luft gesucht hatte. Denn Magnas wusste um die Gefühle jener, die die Gefahren des Silberbandes erkannt hatten. Und er mochte sie teilen. Doch niemals würde es sein Befehl sein, der das Band durchtrennte. Seine Ehre verbot es ihm, selbst wenn er die Torheit darin sah.


    Orsea Blick kreuzte den des Fürsten. Ihre Hand war noch immer zum Schlag erhoben, verharrte vor Perseceas Kehle. Sie wirkte gehetzt, bleich. Ihre Lippen öffneten sich. Schlossen sich. Dann schmolz sie so rasch zu dem dunklen Tintenschatten, dass die Bewegung kaum zu erfassen war.

    Ein erbitterter Kampf hatte sich auf dem Grund des alten Parks entsponnen. Ein Kampf gegen Rauch … gegen Spiegelbilder. Die Spiegelbilder verwirrten die Gegner der Leibwachen, die Iago zu erreichen trachten. Ein geringfügiger Vorteil, doch er sorgte dafür, dass die Angriffe auf Desmondeo, die größte Gefahr in diesem Augenblick, fehlgingen. Der riesenhafte Schattenwandler blutete aus vielen Schnitten, die jedoch so schnell heilten, dass er den Blutverlust kaum spürte.


    Das Eingreifen der Hexe hatte auch Orsea lange genug abgelenkt, dass Persecea sich vor Iago schieben konnte, eine Barriere, die den für den jungen Schattenwandler gedachten Schlag abfing. Der flüssige Schatten glitt über Wange der Schattenwandlerin und sie spürte das Brennen von Säure auf ihrer Haut, Klauen, die über ihren Arm fuhren und blutige Kratzer hinterließen. Orsea war stark. Ausgeruht. Während Persecea sich nur mit reiner Willensstärke auf den Beinen hielt.


    Ein Fluch kam über die Lippen Orseas und drang aus dem Tintenschatten, der sie verhüllte. Persecea spürte in ihrem Rücken, wie sich Iagos Schwingen entfalteten. Ein scharfer Luftzug, als der junge Schattenwandler das einzige tat, das ihm dazu verhelfen konnte, den Rauchwandlern zu entkommen - er zerrte Silvea mit sich in die Lüfte. Die junge Hexe stieß einen Schrei aus und klammerte sich in Todesangst an ihm fest, als sie zum zweiten Mal in dieser Nacht den Boden unter den Füßen verlor.


    Die beschworenen Spiegelbilder begannen zu flackern. Der Zauber der Hexe beinahe erschöpft. Die Ziele kristallisierten sich klarer heraus und endlich traf ein Hieb Desmondeo fest genug, um ihm eine tiefe Wunde zuzufügen. Ein mächtiger Schattenwandler ragte vor ihm auf, die Rauchschwaden verhüllten ihn nicht länger. Und seine eisgrauen Augen funkelten kalt. Kalt genug, um zu verraten, dass er sich durch nichts und niemanden von seinem Ziel würde abbringen lassen.


    Wendete sich das Blatt? Würde das Silberband enden, kaum dass es begonnen hatte?


    Doch plötzlich erhob sich Wind. Wispernder, wütender Sturmwind. Scharf wie ein Messer fuhr er über die Kämpfenden hinweg und prallte auf den Rauch. Trieb ihn zurück. Flüche wurden laut. Rufe erklangen aus den Schwaden, als die Rauchwandler gegen die Macht des Windes ankämpften, der sie angriff, als wäre Seraphias Zorn über den verwilderten Park gekommen.


    Iago taumelte in der Luft, von einem der Windstöße getroffen. Silveas Aufschrei gellt über die Bäume hinweg, als der Schattenwandler sich mühsam fing.


    Und Orsea verlor für einen winzigen Augenblick die Kontrolle über ihre Gestalt. Ebenso überrascht wie alle anderen. Nein, keiner der Rauchwandler würde den Kampf gegen den Wind selbst bestehen. Es blieb ihnen wenig mehr, als in ihre feste Gestalt zu gleiten …

    Nein, Orsea hatte nicht damit gerechnet, dass man sie so schnell aufspüren würde. Ihre Augen weiteten sich, als sie den Schattenwandler auf sich zustürmen sah, für den Augenblick zu abgelenkt, um sich weiter um Iago und Silvea zu kümmern. Zu abgelenkt von der Ankunft von Iagos Leibwache … von einer Hexe, die kaum wirkte, als hätte sie an der Mondzeremonie teilgenommen.


    Ein Fluch und die Schattenwandlerin glitt zurück in die flüssige Tintenform, gerade, als der riesige Wandler auf sie zu stürmte. Desmondeo prallte auf die unverletzbare Gestalt der Frau und Feuchtigkeit benetzte für einen Atemhauch seine Haut. Sie brannte. Hitze. Säure. Eine Empfindung, die kaum zu benennen war.


    Die Rauchwandler hinter Orsea nahmen ihre feste Gestalt an, aber sie würden ebenso schnell in die Körperlosigkeit gleiten wie Orsea selbst. Ein Kampf gegen Rauch … gegen Schatten … selbst für einen solch starken Schattenwandler wie Desmondeo war er kaum zu gewinnen. Nicht gegen eine Übermacht.


    Einer … zwei … drei … vier …


    Sie wuchsen aus den grauen Schwaden. Klauen. Zähne. Kampfbereit. Und sie rückten vor … auf die Gruppe der Neuankömmlinge zu. Während Orsea durch die Nacht glitt. Ein dunkler Schatten, der sich auf Iago zubewegte.


    Iago … dessen Blick auf Persecea ruhte. Von Hoffnung erfüllt, aber gleichermaßen abgelenkt.

    Schattenwandler


    Orsea Solanis

    Orsea.jpeg

    Orsea entstammt einer Seitenlinie des Fürstenhauses.
    Als Frau ist sie gewiss nicht in der Lage, in der Arena zu bestehen, aber ihre Geschwindigkeit und ihre Fähigkeit, sich in flüssigen Schatten zu verwandeln, lassen sie dennoch gefährlich werden.
    Handelt sie auf Befehl des Fürsten? Oder handelt sie nach ihrem eigenen Gewissen? Wer sie wirklich sein mag, bleibt herauszufinden.
    Blaue Augen, tintenschwarzes Haar.

    Iago fuhr herum, als er Silveas entsetzten Ausruf vernahm. Er brauchte keinen zweiten Blick, um zu wissen, was vor sich ging. Wer gekommen war. Instinktiv platzierte er sich vor Silvea. Seiner Gefährtin. Das Wissen war noch kaum in seinem Kopf angekommen und dennoch handelte er bereits danach.


    Doch Iago wusste, dass er allein kaum gegen sie bestehen würde. Die Rauchwandler, die einen Kreis aus wabernden Schwaden um sie bildeten. Einen Kreis, der sich immer enger zusammenzog. Eine einzige Öffnung blieb … die Öffnung, durch die sich flüssiger Schatten in den Kreis ergoss wie Tinte.


    Tinte, die sich erhob. Die sich zur Gestalt einer Frau verfestigte. Einer schlanken, zierlichen Frau. Die Schwärze schmolz von ihr und offenbarte ihren Körper. Das fein geschnittene Gesicht. Die blauen Augen. Sie wirkten melancholisch. Überschattet. Nicht das verzerrte Gesicht eines Feindes. Ein Gesicht, das er kannte. Das er zu seinen Freunden zählte. Ein Gesicht, in dem etwas stand, das ihn den Atem anhalten ließ. Denn Iago las seinen Tod darin.


    »Orsea«, stieß er hervor.


    Die Frau verharrte. Öffnete die Hände. Zierliche, feine Hände. Iago wusste, dass sie zärtlich sein konnten. Und dass sie ebenso stark waren. »Es tut mir leid, Iago.«


    »Warum?«, hauchte er.


    »Weil du weißt, was geschehen wird.«


    Und Iago wusste es. Er wusste um die Schatten eines drohenden Krieges. Er wusste, was geschehen würde, wenn das Silberband siegte. Er wusste … was vor ihnen lag. Tod. Zerstörung. Verderben. Wenn er lebte … wenn Silvea lebte.


    »Tu es nicht«, bat er ruhig.


    Orsea schüttelte den Kopf. »Ich muss es tun.«


    Er verstand. Oh, wie gut Iago verstand. Er wusste es. Seine Familie wusste es. Er selbst … würde nichts anderes tun. Und doch … die helle Präsenz der Hexe. Ihr Gesicht wie das einer Puppe aus Porzellan. So hilflos. So jung … und das Silberband versetzte ihm einen schmerzhaften Hieb, der ihm den Atem verschlug, sobald er daran dachte, was ihr geschehen würde.


    Iago senkte den Kopf und atmete aus. »Ich kann nicht, Orsea.« Seine Klauen bildeten sich aus einem dunklen Wirbel und als er aufsah, glühte in seinen Augen ein entschlossenes Gesicht.


    »Ich weiß.« Es klang beinahe bedauernd.


    Orsea Solanis hob die Hand. Und die Schatten verdichteten sich zu den Körpern von Schattenwandlern. Zu einer Schlinge aus Tod, die ihn bereits umschlossen hatte.

    Es gab in dieser Nacht viele aus den Reihen der Hexen und Schattenwandler, die sich auf die Suche nach den Trägern des Silberbandes machten und ihre Gründe waren vielfältig. Nicht alle Schattenwandler gehorchten den Befehlen ihres Fürsten. Nicht alle Hexen waren erpicht darauf, der Fürstin der Hexen zu dienen.


    Iago und Silvea ahnten indes nichts von der schwelenden Gefahr, als sie versuchten, zu verstehen, was mit ihnen geschehen war. Plötzlich verbunden durch ein Band zweier Seelen, das keiner von ihnen erwartet oder gewollt hatte. Und während Iago auf der Stelle von dem zarten Mädchen fasziniert war und nichts mehr wollte, als sie für alle Zeit zu schützen, fürchtete Silvea sich vor dem Schattenwandler.


    Ein Schattenwandler … wie unglaublich es war. Sie hatte Geschichten gehört, viele düstere Geschichten. Und doch … wie konnte sie diese Geschichten mit dem Mann in Einklang bringen, der jetzt zögerlich vor ihr kniete? Dessen Aufruhr sie spürte. Ebenso verwirrt wie sie selbst, ebenso erschrocken, ebenso bleich. Nein, sie fühlte keine Gefahr. Trotz aller Warnungen. Trotz aller wohlig gewisperten Erzählungen, die sie in ihrem jungen Leben belauscht hatte.


    Die junge Hexe leckte sich die Lippen und beinahe berührten sich die Finger der Hoffnung Gemeas, als sich Silveas Augen erschrocken weiteten. Ein Keuchen kam über ihre Lippen, als Rauchschwaden über den Boden glitten. Sie leuchteten silbern im Mondlicht und ballten sich um sie herum zusammen.


    Und dort!


    »Iago!«


    Ein warnender Ausruf, als sie die flüssige schwarze Tinte entdeckte, dunkler als die Nacht. Sie glitt über den Boden … auf sie zu …

    »Geht«, erwiderte Auris auf Perseceas Wunsch, nach ihrem Sohn zu suchen. »Ich weiß, dass Ihr alles tun werdet, um meinen Sohn vor Unheil zu bewahren.«


    Die Stimme der Schattenwandlerin war von dem Vertrauen erfüllt, das sie in die Leibwache setzte. Vielleicht sahen ihre Augen mehr, als Persecea offenbaren wollte. Vielleicht blickte sie tiefer. Oder es war die Hoffnung einer Mutter, die von den Geschehnissen erschüttert war, die ihren Sohn zum Mittelpunkt Gemeas gemacht hatten.


    Auch Faneo Fabrian wirkte kaum mehr ruhig, als er Desmondeo zunickte. Ein stummes Zeichen. Im Gegensatz zu seiner Gefährtin war er niemals ein Mann vieler Worte gewesen. Aber in seinem Gesicht zeigte sich Sorge.


    »All unsere Hoffnung ruht auf Iago«, sagte er gepresst. Und seine Worte bedeuteten so viel mehr … nun, da er sich vor den Trümmern einer Hoffnung sah, die er lange gehegt hatte.


    Iago und Silvea ahnten derweil nichts von dem Aufruhr, der den Kathedralengarten heimsuchte. So wenig wie von dem jungen Sohn des Windes, der sich ihnen näherte.


    »Bitte, ich will Euch nichts Böses, Domia …« Iago stockte, als er sich bewusst wurde, dass er den Namen der jungen Frau nicht kannte. Seine Hand war ausgestreckt, zögerlich. Im Gegensatz zu Silvea war er sich der Bedeutung des Silberbandes so deutlich bewusst … des Drängens in seinem Inneren, das ihm zuschrie, sie vor jeder Gefahr zu schützen. So wie er es getan hatte, als ihre Mutter nach ihr gefasst hatte. Ein Instinkt. So tief in ihm verwurzelt, so schmerzhaft, dass er noch immer in seinen Gliedern bebte.


    Ihre Mutter … Iago legte die Stirn in Falten. Isobeia Adamares. Und plötzlich fand er den Namen des Mädchen, das vom Schicksal an ihn gebunden worden war.


    »… Domia Silvea«, sagte er fester und der Kopf der jungen Hexe zuckte zu ihm empor.


    »Ich weiß nicht, wer Ihr seid«, hauchte sie. Ihre Worte zitterten ebenso wie ihre Finger, als sie nach dem silbernen Band fasste. Fein wie eine Spinnwebe. Es verblasste allmählich und doch spürte sie es. Spürte sie … ihn.


    »Iago …« Der junge Schattenwandler leckte sich die Lippen.


    »Iago«, wiederholte Silvea und schüttelte den Kopf. »Warum … warum habt Ihr mich hierher gebracht?«


    »Weil ich es musste.« Iago ging vor der jungen Hexe in die Knie, wohl wissend, wie furchterregend er auf sie wirken musste. Ein Schattenwandler. Stark und hochgewachsen. »Ihr müsst mich nicht fürchten, Domia. Ihr werdet … niemals etwas vor mir zu befürchten haben.«


    Eine tief in ihm verwurzelte Wahrheit. Und auch Silvea konnte sie spüren. Denn sie streckte die Hand nach ihm aus. Vorsichtig und langsam, während der Wind das Laub zum Wispern brachte.

    Wie lebendig die Nacht wirkte, als sich der Zorn in den Reihen der Hexen und Schattenwandler verdichtete. Dunkelheit strömte von den Wandlern aus und das Mondlicht fing sich in den Zaubersiegeln an den Hälsen der Hexen und ließ sie aufblitzen. Nicht wenige von ihnen fassten danach, bereit, Zauber auf ihre Feinde zu schleudern, auch wenn sie die Anwesenheit der Lichtstimme zögern ließ.


    Blutvergießen im Kathedralengarten. Jede Hexe schreckte instinktiv vor dem Gedanken zurück. Doch der Zorn … eine einzige Provokation … ein Angriff … sie würden genügen, um sie vergessen zu lassen.


    Allein Silveas Brüder wirkten bereit, jede Vorsicht zu vergessen. Thenas und Clivras würden die erste Gelegenheit nutzen, Blut zu fordern, daran bestand kein Zweifel. Es stand in ihre verzerrten Gesichter geschrieben.


    »Ihr werdet sie zurückbringen oder der Abgrund bricht über euch herein!«, schrie Thenas Adamares aufgebracht. Seine Hand ging zu seiner Seite, wo für gewöhnlich sein Degen zu finden war, doch sie griffen ins Leere.


    »Haltet den Mund, Thenas. Niemand wird im Haus der Lichtherrin eine Waffe ziehen und den heiligen Boden mit Blut besudeln. Verschwindet nach draußen, wenn ihr es darauf anlegen wollt. Gemeas Straßen haben genug Blut gesehen. Eures wird keinen Unterschied machen.“


    Die Lichtstimme trat hinter dem Altar hervor. Ihr weißes Gewand schimmerte im Mondlicht silbern wie eine Klinge und ihre Stimme wirkte schneidend. Sie breitete die Hände aus, als wollte sie die feindlichen Parteien auseinander drängen, doch sie musste niemanden berühren. Ihre Autorität genügte, um die Feindseligkeit abebben zu lassen.


    »Kein Schattenwandler würde seine Gefährtin jemals verletzen. Silvea könnte nirgends sicherer sein als in Iagos Armen.“


    Eine mächtige, grollende Stimme mischte sich ein. Magnas Angelis, der das Geschehen von seinem Platz neben dem Altar aus verfolgt hatte. War die Lichtstimme wie ein Lichtstrahl, so war er die flüssige, geschmeidige Dunkelheit der Nacht.


    „Sicher?“ Isobeia Adamares schnaubte verächtlich. Ihre Hand ruhte noch immer deutlich sichtbar an ihrem Hals. „Keine Frau ist in den Armen eines Schattenwandlers sicher. Meine Tochter ist entehrt!“


    „Mein Sohn würde keine Frau entehren, die seinem Schutz anvertraut ist.“ Auris Fabrian sprach mit ruhiger Autorität. Sie wirkte wie ein Felsen aus Mondstein. Ruhig und unerschütterlich, obgleich die Sorge um ihren Sohn in ihren Augen zu lesen war. Ihr Blick richtete sich wieder und wieder auf den Nachthimmel, an dem Iago verschwunden war. „Hättet Ihr Eure Tochter nicht so grob angefasst wie eine Dienstmagd, die in Euer Schmuckkästchen gegriffen hat, hätte er sie nicht vor Eurem Zugriff schützen müssen.“


    „Schützen?“ Isobeias bleiches Gesicht rötete sich. „Was wollt Ihr damit andeuten?“


    Die zarte, einst so schöne Isobeia. Die verblasste Blume, die selbst Eoras’ magische Kunst nicht hatte erhalten können und die unter ihren Geheimnissen verwittert war. Jetzt wirkte sie wie eine Furie, aus deren Fingern Klauen schlagen könnten.


    „Isobeia.“ Eoras Adamares legte die Hand auf die Schulter seiner Gemahlin, um sie zurückzuhalten. Er sprach ruhig und sein Blick war bekümmert auf die Wolken gerichtet, die keine Spur mehr von Iago offenbarten. „Kein Streit wird ändern, was geschehen ist.“ Er atmete tief ein und wollte weitersprechen, doch eine Frauenstimme unterbrach ihn.


    „Ob er sie mit seiner Tat entehrt hat oder nicht, spielt schwerlich eine Rolle, wenn Seraphias Fluch ohnehin ihre Heirat fordert.“ Candia Bredanis mischte sich zum ersten Mal ein. Die Fürstin des Sonnenhofes näherte sich aus dem Hintergrund. Sie wirkte bleich, aber gefasst. Ähnlich wie der Rest jener, der unbeteiligt geblieben war. „Sie sind eine Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass Seraphias Bann über uns ein Ende findet.“


    Murmeln folgte ihren Worten. Zustimmung. Niemand bemerkte, dass ein Schatten über Magnas’ Gesicht zog. Ein Ende des Fluches … ein Ende des Friedens. Ein Segen? Oder ein wahrhaftiger Fluch? Dennoch äußerte der Fürst seine Bedenken nicht.


    Stattdessen stieß er den Atem aus. „Findet sie und bringt sie zurück, damit wir dieses Silberband besiegeln können. Und niemand krümmt ihnen ein Haar, wenn er sich nicht vor mir verantworten will.“


    Seine Stimme klang dunkel und tief. Von einer düsteren Vorahnung erfüllt, die in manchem Herz keimen mochte. Denn waren Silvea und Iago nicht bereits tot?


    Sie mochten noch lebendig sein, als Iago zwischen den altehrwürdigen Villen landete. In dem verwilderten Park nahe der Cae’Cosmean. Als er Silvea ins Gras gleiten ließ, die nicht fähig war, sich auf ihren Beinen zu halten. Die auf ihr Handgelenk starrte und wieder und wieder mit geweiteten Augen den Blick zu dem Schattenwandler hob. Nicht sicher, ob sie laufen sollte … oder bleiben.


    Ja, sie mochten noch lebendig sein. Doch der Schatten des Todes war bereits über sie gefallen.

    An dieser Stelle finden sich einige Erklärungen zu verwendeten Begriffen, die womöglich nicht auf den ersten Blick verständlich sind, für einen Charakter in Gemea jedoch Allgemeinwissen darstellen.


    Zaubersiegel

    Eine goldene Kette mit dem Wappen der jeweiligen Hexenfamilie, die von Hexen benutzt wird, um komplexe Zauber zu speichern, derer sie sich dann schnell mit einem Befehl bedienen können. Jede Hexe erhält ihr Zaubersiegel am Oseanisfest bei der Aufnahme in die Cae'Magriae.

    Zitat

    Alysea schloss das in Leder gebundene Zauberbuch, dessen Seiten mit ihrer Schrift gefüllt waren. Es war das ihre, in den Jahren ihrer Studien dicht mit Zaubern bestückt. Magie, die Schlaf hervorrief oder lähmte. Die schützte und verteidigte. Heilte oder verletzen konnte, wenn es nötig war. Sie ließ das Schloss des Buches zuschnappen und sprach den Befehl, der es verschließen würde. Ein winziges Aufflammen über der Schließe und niemand konnte es ohne ihre Erlaubnis öffnen.

    Ein glühender Kreis brannte um das Zaubersiegel, das vor ihr auf dem Tisch lag. Sie nahm es an sich und spürte die Wärme der magischen Kraft, die sie in das Metall gebannt hatte, als sie es wieder um den Hals legte. Der Kreis erlosch und hinterließ eine geschwärzte, pulverige Linie auf der Tischplatte. Alysea fegte sie zusammen und ließ das verbrauchte Sonnenpulver in einen Lederbeutel rieseln. Dämonenmagie, die genutzt wurde, um komplexe Zauber in die Siegel zu transportieren und sich ihrer mit einem schlichten Befehl bedienen zu können. Sie würde die Cae’Angelis nicht verlassen, ohne vorbereitet zu sein. Doch das Weben der Magie hatte sie Kraft gekostet, die sie nicht besaß. Alysea fühlte sich benommen, als hätte man ihr in den Brautkammern den dünnen Ritualwein verabreicht. Alles war unwirklich, selbst ohne den fiebrigen Dunst, der ihre Sinne betäubte. Ein Fest, das niemand wollte und dem niemand mit Freude entgegensah, allein zum Gefallen des Zirkels ausgerichtet, um seinen Ränken zu dienen.


    Oseanis

    Der längste Tag des Jahres und die hellste Nacht. Ein wichtiger Feiertag der Hexen, bei dem die Junghexen am Morgen in einer feierlichen Zeremonie ihrer Elementschule zugeteilt werden und ihr Zaubersiegel erhalten. Ein Ball am Abend folgt. Dieser stellt den Eintritt der Junghexen in die Gesellschaft dar und wird am Sonnenhof ausgerichtet.

    Zitat

    Oseanis war der längste Tag des Jahres, die hellste Nacht. Und die Hexen feierten das Licht – und die Möglichkeiten, die sich mit dem Eintritt der Junghexen in die Welt der Erwachsenen für die Familien eröffneten. Der Oseanisball war traditionell nicht allein ihre Einführung in die Gesellschaft. Er bedeutete auch, dass neues Blut vorgeführt wurde, das in die Familien einheiraten konnte. Sie waren wie Zuchtstuten und Hengste. Ihr Blut wurde bewertet und abgewogen, bis der Höchstbietende das Rennen um die begehrteste Trophäe für sich entschied. In ihren weißen Kleidern stachen die jungen Frauen aus der Menge heraus, sodass man sie weithin entdeckte. Zarte Blüten, die sich soeben den ersten Sonnenstrahlen entgegenreckten. Die jungen Männer waren ebenso hell gekleidet. Es bereitete keine Mühe, sie zu finden.

    Die Träger des Silberbandes


    Silvea Adamares

    Silvea.jpg

    Silvea hat gerade das 16. Lebensjahr erreicht und nimmt an ihrer ersten Mondzeremonie teil. Sie ist die Tochter einer der höchsten Hexenfamilien Gemeas. Eine vielversprechende Hexe, deren Affinität das Element Wasser ist.
    Zart wie eine Porzellanpuppe, helles Haar, blaue Augen. Scheu, zurückhaltend und wohlerzogen.
    Gilt als zu verträumt und wirkt oft abwesend.
    Iago Fabrian

    Iago.jpg

    Iago hat zwanzig Sommer erlebt. Er gilt als stark genug, eines Tages den Fürsten herauszufordern. Iago besitzt Schwingen, eines der seltensten Merkmale unter Schattenwandlern. Er besitzt wenig Ambition, dafür die Seele eines Poeten.
    Offen, neugierig, charmant, beliebt und begehrt bei den Damen Gemeas.
    Schwarzes Haar, silbrig-blaugrüne Augen.
    Die Stimme des Lichts

    Lichtstimme.jpeg

    Die Hohepriesterin der Lichtherrin.
    Sie gilt als gütig, weise und klug und besitzt tatsächlich angeborene Heilerfähigkeiten, die ihr trotz niederer Geburt einen Aufstieg zur Hohepriesterin gestattet haben.
    Die Stimme des Lichts hält sich in allen Konflikten als neutrale Macht heraus, allerdings ist sie eine gebürtige Hexe. Wie alle Lichtstimmen versteht sie sich jedoch darauf, aus beiden Teilen Gemeas das Beste für ihre Kirche zu ziehen.
    Von den Hexen verehrt, von den Schattenwandlern respektiert.

    Die Adamares


    Eoras Adamares

    Eoras.jpeg

    Silveias Vater.
    Ein stiller, zurückgezogener Mann, der eine Affinität zur Magie der Erde besitzt. Man findet Eoras häufiger in den Gärten der Cae'Adamares als auf gesellschaftlichen Ereignissen.
    Belesen, naturverbunden und häufig auf einem der edlen Pferde der Familie außerhalb der Stadt zu finden.
    Böse Zungen behaupten, dass Eoras nur zu gern vor seiner Gemahlin flieht. Dafür liebt er seine Kinder aufrichtig.


    Isobeia Adamares

    Isobeia.jpeg

    Silveias Mutter.
    In ihrer Jugend eine der größten Schönheiten Gemeas. Die Heirat mit Eoras war keineswegs eine Liebesheirat, sondern diente beiden Familien dazu, ihre Macht zu stärken.
    Im Gegensatz zu ihrem Gemahl liebt Isobeia das gesellschaftliche Leben und ist nicht glücklich darüber, dass ihre Tochter wenig Interesse daran zeigt.
    Ihre Hoffnung ist, dass Silveia eines Tages stark genug ist, um als Magresa in der Cae'Magriae zu dienen. Etwas, das ihr durch ihr zu schwaches magisches Talent verwehrt geblieben ist.

    Clivras Adamares

    Clivras.jpeg

    Der ältere der Adamares-Zwillinge.
    Seinem Vater ähnlicher als seiner Mutter, liebt auch Clivras das stillere Leben und ist erstaunlicherweise seiner jüngeren Schwester stärker verbunden als seinem Bruder. Clivras besitzt das Erdtalent seines Vaters und ist oft auf der Jagd zu finden.
    Thenas Adamares

    Thenas.jpeg

    Ein wahrhaftiger Heißsporn, der gerne Röcken hinterher jagt und sich mehr für die Waffenkunst als für Magie interessiert. Thenas' Magie ist schwach, sehr zu Isobeias Verdruss. Dabei zeigt er das Erbe des Wassers, das in Isobeias Linie liegt. Allerdings besitzt er ohnehin wenig Ehrgeiz in den Hexenkünsten.

    Die Fabrian



    Faneo Fabrian

    Faneo.jpeg

    Iagos Vater
    Sehr ambitioniert. Er würde nur zu gern die Fabrian auf dem Nachtthron sehen und Iago ist seine Hoffnung.
    Körperlich schwach, ist Faneo verbittert, seitdem sein linkes Bein bei einem Kampf so zu Schaden gekommen ist, dass er auf einen Stock angewiesen ist.
    Er weiß, dass er selbst Magnas niemals herausfordern und gewinnen könnte, also ruht all seine Hoffnung auf Iago.
    Faneo liebt seine Gefährtin, doch er ist eifersüchtig und neigt dazu, sich von seinen Gefühlen leiten - und blenden zu lassen.
    Schwarzes Haar, graue Augen.

    Auris Fabrian

    Auris.jpeg

    Iagos Mutter
    Sanftmütig, klug, scharfsinnig. Wenn es einen Kopf der Fabrian gibt, ist sie es. Auris versteht es, ihren Gefährten zu lenken, ohne dass es ihm auffällt.
    Im Gegensatz zu Faneo will sie ihren Sohn nicht auf dem Thron sehen, weiß sie doch zu gut um die Stärke
    der Angelis. Lieber ist sie loyal und gilt als enge Vertraute des Fürsten, die einen gewissen Einfluss besitzt.
    In Gemea munkelt man, dass Magnas mehr für die schöne Schattenwandlerin empfindet. Es verbessert seine Beziehung zu Faneo nicht.
    Silberblondes Haar, silbrig grünblaue Augen.

    Die Fürsten von Gemea


    Magnas Angelis
    Schattenfürst

    Magnas.jpeg

    Wie alle Angehörigen der Angelis-Familie gilt der Fürst als besonders stark
    Schwarzes Haar, die Silberaugen der Angelis.
    Magnas besitzt eine große körperliche Stärke und Widerstandskraft, zudem besitzt er die Fähigkeiten eines Schattenspringers.
    Kaum jemand hat sich je gewagt, ihn in der Arena herauszufordern.
    Noch ohne Gefährtin, deswegen begehrt.
    Magnas gilt als streng, unbeugsam, aber sehr vernünftig.

    Candia Bredanis
    Sonnenfürstin

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    Eine mächtige Hexe, die eine Affinität für Feuermagie besitzt, deren Familie jedoch nachgesagt wird, gern auf den dunklen Pfaden zu wandeln.
    Speziell von ihrer Schwester Amanthia wird behauptet, dass sie die Finger nicht von Schwarzer Magie lassen kann, um die Macht der Familie zu mehren.
    Rotes Haar, grüne Augen.
    Ambitioniert.
    Die Bredanis besitzen keine sonderlich große Liebe zu den Schattenwandlern.

    Eine kleine Erweiterung zum Thema Anreden.


    In Gemea sind folgende Anreden üblich:


    Ehrenvolle Anrede für Adelige, aber auch gewöhnliche Menschen:


    Domia - Dame / Frau

    Domin - Herr


    Für gewöhnlich mit dem Vornamen kombiniert: Domia Lucea / Domin Cadmian. Man könnte die Bezeichnungen mit Herrin / Herr übersetzen. Familiennamen würde man nur für das absolute Oberhaupt einer Familie verwenden, um dieses besonders zu ehren bzw. eine besondere Ehrerbietung zum Ausdruck zu bringen.


    Fürsten:


    Serea - Fürstin

    Sereis - Fürst


    In beiden Fällen wird normalerweise kein Name benutzt - man spricht den Fürsten mit Sereis an und die Fürstin mit Serea, außer es würde nötig, um zwei anwesende Fürstinnen / Fürsten zu unterscheiden.


    Priester:


    Madria - Priesterin, zu vergleichen mit Mutter

    Padris - Priester, zu vergleichen mit Vater (in Gemea nicht üblich)


    Auch hier wird gewöhnlich der Vorname benutzt, z.B. Madria Dara. Allein die Lichtstimme, also die Hohepriesterin, wird nicht mit einem Namen angesprochen, sondern nur als Lichtstimme bzw. Stimme des Lichts. Sie besitzt keinen eigenen Namen mehr.


    Die Grauroben werden folgendermaßen angesprochen:


    Magris - männliche Form

    Magresa - weibliche Form


    Man spricht von dem Magris oder der Magresa und benutzt zudem den Familiennamen: Magris Julanis / Magresa Crescaen.

    Der erste Richter oder die erste Richterin des Zirkels wird zudem mit "Die Graue" betitelt.


    Zuletzt werden Gelehrte für gewöhnlich mit "Meister" oder "Meisterin" bezeichnet und der Vorname angehängt: Meister Aemilan.

    Gemea, Weinmond 1604


    Ich erinnere mich an diese Nacht, als wäre es gestern gewesen, obgleich seither eine unendlich lange Zeit verstrichen ist. Es war im Weinmond, als sich die Blätter der Bäume golden verfärbt hatten und die Nächte kühl genug waren, dass selbst mein dicker Umhang den Wind nicht von mir abhalten konnte. Das Jahr 1604 neigte sich dem Ende zu. Ein Jahr wie viele andere in Gemea, gezeichnet von dem ewigen Konflikt zwischen Schattenwandlern und Hexen. Von Ränken, Intrigen und Machtkämpfen.


    Doch in dieser Nacht, wie in allen Vollmondnächten, die seit Seraphias Fluch ins Land gezogen waren, kamen die herrschenden Familien der Stadt friedlich zusammen - so friedlich, wie es den verfeindeten Kindern von Sonne und Mond möglich ist.


    Der Wind wühlte das blutige Wasser des Sephris unter den Brücken auf, über die die Kutschen der Fürstenfamilien zur Kathedrale des Lichts fuhren. Wie zu jeder Vollmondzeremonie, waren die Straßen von Menschen gesäumt, die einen Blick auf die herrschenden Familien Gemeas erhaschen wollten. Auf Candia Bredanis, die mächtige Fürstin des Sonnenhofes, und Magnas Angelis, den gefürchteten Nachtfürsten. Doch in dieser Nacht sollten es nicht die Fürsten sein, die aller Augen auf sich zogen. Das Schicksal hatte eine junge Hexe und einen jungen Schattenwandler ausgewählt, um zu den Hauptdarstellern dieses grausamen Theaterstückes zu werden: Silvea Adamares und Iago Fabrian.


    Oh, niemand ahnte, was geschehen würde, als Silvea und Iago die Kutschen ihrer Familien verließen. Es war Silveas erste Vollmondzeremonie und Furcht und Neugier wetteiferten auf den zarten, porzellanartigen Zügen des jungen Mädchens, als es die hell erleuchtete Kathedrale mit großen Augen musterte.


    Iago dagegen hatte bereits seinen zwanzigsten Sommer erlebt. Ein junger Mann, auf dem die Hoffnungen seiner Familie ruhten, vielleicht eines Tages zu einem Herausforderer der Angelis werden zu können. Denn Iago war mächtig. Stark. Und so vollkommen frei von Ambition, dass sein Vater seiner Mutter stets vorwarf, dem Jungen zu viele romantische Flausen in den Kopf gesetzt zu haben.


    Es mag Zufall gewesen sein, dass der Glockenturm die elfte Stunde schlug, als sie unbemerkt voneinander durch das Portal der Kathedrale traten und ihre gläserne Kuppel passierten. Doch ich glaube, dass es ein Vorbote des Schicksals war. Die Stimme der Glocken, die ankündigte, was geschehen würde, sobald sie einander zum ersten Mal gegenüberstanden.


    Der Garten der Kathedrale war von unzähligen Hexenlichtern erleuchtet. Hellen Kugeln, die in den Bäumen saßen und den Garten in ein sanftes Licht tauchte, das die Furcht der Hexen vor dem Mond bekämpfen sollte. Doch alle Aufmerksamkeit ruhte auf dem riesigen Auge des Vollmondes hinter dem steinernen Altar, an dem der Gabentausch vollzogen wurde. Es blickte wachsam auf den Rücken der Lichtstimme, die von seinem Silberlicht gerahmt wurde, als trüge sie eine Gloriole. Auf den Kreis der versammelten Priesterinnen in ihren weißen Gewändern, deren Gesang sich süß mit dem Rauschen der Bäume vermischte. Und auf die Hexen und Schattenwandler, die in den Garten strömten, um ihre Plätze einzunehmen.


    Es war, als wäre es Seraphia selbst, die über die Zeremonie wachte. Denn so nennt man den Vollmond in Gemea seit jener Nacht, in der sich der machtvolle Fluch über der Stadt entfaltet hatte: Seraphias Auge. Seraphias Auge, das wachte. Seraphias Auge, dessen Blick … auf Silvea und Iago gefallen war.


    Die zwölfte Stunde.


    Oh, eine Ewigkeit schien ins Land zu ziehen, bis sie anbrach. Die Familien waren unruhig in dieser Nacht. Es mochte am eisigen Kuss des Herbstwindes liegen - oder daran, dass sich eine tiefe Ahnung unter ihnen ausbreitete, je mehr Zeit ins Land zog. Eine Ahnung, die niemand greifen, niemand verstehen konnte. Doch sie prickelte in der Luft und füllte jeden Atemzug mit einem nervösen Kribbeln.


    Nur kurz zuvor hatten Magnas und Candia die Kathedrale betreten, gefolgt von ihren Familien wie von einer Schleppe aus Licht und Schatten. Und so erschienen sie. Der schwarzhaarige Fürst der Nacht, der mit der Dunkelheit verschmolz, so wie seine Familie, und die Sonnenfürstin mit dem flammend roten Haar, die selbst in der Nacht funkelte wie ein Strahl aus reinem Licht, als wollte sie die Schwärze verspotten, die sie doch so sehr fürchtete. So sehr wie alle Hexen.


    Der Wind frischte auf, als die zwölfte Stunde schlug. Als die Schattenwandler von der Macht von Seraphias Fluch in die Knie gezwungen wurden und Mondtränen aus ihren Augen quollen. Ihr schmerzerfülltes Aufheulen vereinte sich mit dem Wehklagen des Windes, als das wertvolle Nass über ihre Wangen rann und in ihren Händen zu diamantenen Tropfen erstarrte.


    Der Gesang des Windes begleitete auch den Moment, als das Sonnenblut von Candia Bredanis in die goldene Opferschale tropfte, die in den Händen der Stimme des Lichts ruhte. Als die Hohepriesterin es in das goldene Fläschchen füllte und es Magnas überreichte, während Candia die silberne Schatulle mit den Mondtränen entgegennahm. Schutz vor dem Mondlicht, das Wahnsinn über die Hexen brachte. Schutz vor dem Sonnenlicht, das die Wandler verbrannte. Die größten Schätze Gemeas, die Hexen und Schattenwandler zwangen, den Frieden zu wahren, ob sie es wünschten oder nicht. Denn ohne den Feind waren sie zum Untergang verdammt.


    Die anderen Familien folgten den Fürsten ihrem Rang gemäß. Die Lichtstimme sang und betete, während sie den Gabentausch vollzogen. Jede Familie mit ihrem Gegenstück.


    Bis … die Fabrian und die Adamares vor den Altar traten.


    Ein Wispern ging über den Kathedralengarten.


    Die Glocke des Glockenturmes schlug zweimal.


    Dann stand die Welt still.


    Es war der Augenblick, als Silvea aufsah. Als sich das nervöse Prickeln in ihrem Magen, das sie seit ihrem Eintritt in die Kathedrale verspürt hatte, stärker wurde. Als ihre Augen sich mit Iagos kreuzten.


    Und Silber aufflammte.


    Silvea schrie auf und der Laut wiederholte sich unzählige Male aus anderen Kehlen. Überraschtes Keuchen, ungläubige Ausrufe. Staunen.


    Iago taumelte zurück, die Augen weit, die Faust auf die Brust gepresst, als hätte er einen Stich ins Herz erhalten, während Silvea hilflos bebend die linke Hand hob. Auf ihren Puls starrte, von dem ein silbernes Band ausging, das sein Gegenstück in Iago fand.


    »Was im Namen der Lichtmutter …«


    Silveas Mutter trat vor ihre Tochter und packte grob ihr Handgelenk. Ein Wimmern kam über Silveas Lippen und Iagos Kopf zuckte empor. Seine Augen verengten sich und silbriger Rauch wirbelte über seinen Rücken, als sich seine Schwingen bildeten. Die riesigen rauchfarbenen Schwingen, die beinahe kein Schattenwandler besaß, der nicht zu der Linie der Angelis gehörte.


    Ein Sprung.


    Ein mächtiger Schlag seiner Schwingen.


    Seine Arme wanden sich um Silvea und rissen sie mit sich in die Wolken. Die junge Hexe schrie auf und klammerte sich in Todesangst an den Schattenwandler. Ihre Silhouetten noch für einen Herzschlag als dunkle Schatten vor dem Auge des Vollmonds zu sehen, dann waren sie verschwunden.


    Ein Silberband. Ein wahrhaftiges Silberband.


    Das Raunen ging über Hexen und Schattenwandler hinweg.


    Niemandem blieb verborgen, was es bedeutete. Ein mögliches Ende von Seraphias Fluch. Wenn ... ja, wenn es Silvea und Iago gelang, zu überleben.


    Was noch kein Träger des Silberbandes vor ihnen vermocht hatte. Denn jede Hexe war noch vor dem Tag ihrer Hochzeit in die Fluten des Sephris gestürzt.


    »Er hat sie entführt! Der verfluchte Schattenwandler hat sie entführt!«


    "Er wird dafür bezahlen!"


    Der Ruf ging über den Kathedralengarten hinweg und und die Luft füllte sich mit Anspannung. Stahl zischte, Schatten wirbelten wie Tinte in einem Wasserglas und ließen Klauen aufblitzen.


    »Achtet auf Eure Worte.« Eine gefährlich gezischte Antwort.


    Die Adamares und die Fabrian bewegten sich aufeinander zu. Eine Welle aus Gefahr, die drohte, aufeinanderzuprallen. Es wurde laut im Kathedralengarten, als Hexen und Schattenwandler sich gegenüberstanden.


    Und die Androhung von Blutvergießen erfüllte die Luft zwischen ihnen.

    Hier könnt ihr alle Fragen stellen, die ihr allgemein zu Seelenreisen habt oder euch untereinander absprechen. Gerne könnt ihr diesen Thread auch nutzen, um Charakterideen zu besprechen und aufeinander abzustimmen.