Die Vea'Valia
Dameo hörte Adias eilige Schritte, die sich über das Pflaster der Vea’Valia näherten. Das einzige Geräusch in der unheimlichen Stille, die sich auf einen Ort herabgesenkt hatte, der kein Schweigen gekannt hatte. Das Leben in den Gassen war erstarrt, aber er konnte die Augen spüren, die hinter den Vorhängen hinausspähten. Augen, die auf ihn gerichtet waren. Den Sohn des Fürsten, der gekommen war, um seinen Vater zu töten.
Die Vea’Valia, das Herz des Vergnügens. Ein Ort, der keine Stille kennt. Die berühmte Straße des Vergnügens zieht sich über beide Teile der getrennten Stadt, verbunden von einer Brücke, die sich über den Sephris spannt und Menschen, Hexen und Schattenwandler vereint.
Es gibt nichts, das man in der Vea’Valia nicht zu finden vermag. Prachtvolle Bauten beherbergen Bluthurenhäuser, Tavernen und Gasthäuser buhlen um die Aufmerksamkeit der Kundschaft, und es gibt allerlei Einrichtungen, die allein der Zerstreuung gewidmet sind.
Spielhallen warten auf jene, die ihr Gold riskieren wollen, um alles zu gewinnen - und es noch öfter zu verlieren. Wein und Branntweine fließen in Strömen durch die Gassen, und die schönsten Huren warten in den edlen Bordellen auf Kundschaft wie weit geöffnete Blüten, die sich den Sonnenstrahlen entgegen strecken. Theaterhäuser, die Oper - den Künsten ist keine Grenze gesetzt, ebenso wie der Vielfalt der Geschmäcker, die hier Befriedigung finden.
Die Vea’Valia ist kein schmutziger Ort. Keine Hafenkneipen verschandeln das Bild der prachtvollen Gebäude, die sich aneinander reihen, und die einzig schiefen Töne, die sich in die Musik mischen, werden von Gelächter und gezierten, spitzen Schreien verursacht, die auf die Straße dringen.
Edle Kutschen bewegen sich durch das Gedränge und transportieren nicht selten die Reichen und Adeligen, die hier verkehren, um sich zu vergnügen. Prachtvolle Gewänder leuchten wie Juwelen im Licht der Straßenlaternen und Lichtjuwelen. Hexen und Schattenwandler vermischen sich miteinander, vereint von dem Gesetz des Friedens, das in der Vea’Valia zwischen ihnen herrscht. Es ist streng verboten, in der Vea’Valia einen Streit auszutragen, und wer es dennoch nicht lassen kann, macht schnell Bekanntschaft mit den gut ausgebildeten Wachen, die jedes der edlen Häuser ihr Eigen nennt.
Allerdings bedeutet dies nicht, dass es hier keine Konflikte gibt. Die Wirte der Vea’Valia konkurrieren ebenso miteinander wie die Künstler. Schmutz und Intrigen sind an der Tagesordnung, wenngleich sie nicht bis an die zahlende Kundschaft herangetragen werden. Auch dies ist ein stilles Gesetz, das nirgends niedergeschrieben steht: Es gibt nichts, das in der Straße des Vergnügens den Frohsinn trübt.
Dennoch besitzt die Vea’Valia einen düsteren Flecken. Die Reste des Bluthurenhauses, in dem Dameo Angelis seinen Vater Nicodeo töten musste. Den Fürsten, der ein ganzes Bluthurenhaus in Blut ertränkt hat. Die einstmals prachtvolle Villa nahe dem Ufer des Sephris steht leer und niemand nähert sich ihr freiwillig. Denn es heißt, dass die Geister des Fürsten und der ermordeten Bluthuren noch immer darin spuken und danach dürsten, die Lebenden mit in ihr kaltes, dunkles Reich zu nehmen. Kaum ein Bewohner Gemeas vermag, sich dem Gebäude zu nähern, ohne eine Gänsehaut zu verspüren und so macht beinahe jeder einen Bogen darum.
Bei Tage schläft die Vea’Valia. Dann dringt kaum ein Laut hinaus auf die breite Straße des Vergnügens. Erst am Nachmittag werden in den meisten Häusern die Arbeiten der Wiederherstellung getätigt, damit die Vea’Valia am Abend wieder die Tore öffnen kann - hell erleuchtet und strahlend auf der Seite der Hexen, funkelnd auf jener der Schattenwandler. Dann trübt kein Fleckchen den Glanz und den Frohsinn, der auf all jene wartet, die sich aufmachen, um ihre Sorgen zu vergessen.