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  1. Hinter den Spiegeln

Der Nachtmarkt

Zwei Gesichter besitzt der Nachtmarkt von Gemea, der sich innerhalb der verfallenen Mauern des Dämonenhofs ausdehnt. Das eine ist das offensichtliche. Ein weitläufiger Markt, der sich vor dem verfallenen Dämonenpalast erstreckt. Das andere ist das wahre, das gefährliche Gesicht, das sich tief in den Katakomben unterhalb des Palastes versteckt, und das nur jene betreten dürfen, die eine Erlaubnis besitzen.

Der offene Nachtmarkt ist ein Schauspiel aus unzähligen Marktständen, auf dem stets ein reger Betrieb herrscht. Der Duft nach Gebratenem vermischt sich mit dem der Holzfeuer, Kräuter und anderer Dinge, die schwer benannt werden können. Das bleiche Mondsteinlicht aus den Laternen, die an den Mauern angebracht sind, beleuchtet das Geschehen auf eine unheimliche Weise und verstärkt den geisterhaften Anschein dieses Ortes.

Es ist ein Hort der Lügen und der Illusion, an dem Scharlatane wirkungslosen Tand an Leichtgläubige verkaufen, die sich von dem Mysterium des Nachtmarktes angezogen fühlen. Allerdings gibt es auch eine Vielzahl von Substanzen und Zutaten, die Hexen für ihre Zauber erwerben, und so ist das Publikum durchmischt. Wer in Gemea lebt, weiß oft, echt und falsch mühelos zu unterscheiden - auf Besucher der alten Dämonenstadt trifft dies jedoch selten zu.

Es gab viele kuriose Abscheulichkeiten auf dem Nachtmarkt. Manche echt, andere falsch wie die Zähne des Alten. Die Flügel einer Feenfrau, zu offensichtlich aus dünner Seide gefertigt und nur schwach von Zaubern verhüllt. Funkelnde Juwelen aus Königshäusern, die es nie gegeben hatte. Säckchen mit Talismanen für jene, die glaubten, dass ein Häufchen mit Kräutern versetzte Asche oder eine unkenntliche Münze sie vor Unheil bewahren konnte. Wer mit Waren auf den offenen Nachtmarkt zog, hoffte auf abergläubische Tölpel. Menschenadelige aus anderen Städten und leichtgläubige Fremde mit vollen Goldbeuteln, die sich von mystischem Tand und der düsteren Geschichte des lange verblichenen Dämonenhofes anziehen ließen. Jene, die sich auf das Gelände wagten, wollten sich vergnügen und die kalten Schauer genießen, die innerhalb der Ruinen nisteten. Und tatsächlich war die Atmosphäre dunkel und von Gefahr geschwängert. Die Mauern, die einst den Obsidianpalast gesäumt hatten, waren schwärzer als die tiefste Nacht. Die Lichter daran so geschickt gesetzt, dass sie alles in einen unheimlichen bläulichen Schein tauchten. Viele Händler verstärkten diesen Eindruck, indem sie sich mit Ketten aus Federn und Zähnen schmückten oder Zauber bei den Hexen erwarben, die sie gefährlich und exotisch wirken ließen, als trügen sie Dämonenblut in den Adern.

Eine bedrückende Atmosphäre geht von den alten Mauern des Dämonenhofes aus. Die alte Pracht ist längst verblasst und hat die prickelnde Gefahr zurückgelassen, die jeder spürt, der sich nahe an das wahre Herz des Nachtmarkts heranwagt. Die dunkle, gefährliche Wahrheit unter der harmlosen Fassade.

Alysea umfasste den Griff ihres Korbes fester. Ihr Körper war angespannt, als sie sich auf die Türme des Palastes zu schlängelte, die noch immer bis hoch in den Himmel aufragten. Die Fassade war von fremdartigen Inschriften verziert, in denen noch Reste des Dämonenfeuers glommen, das sie einst erleuchtet hatte. Der Geruch nach bitteren Kräutern zog an ihr vorüber, als sie den Stand der Kräuterfrau nahe der Palastfassade passierte, die ihr ergrauendes Haar mit Federn geschmückt hatte. Zu scharfe dunkle Vogelaugen verfolgten Alysea aufmerksam, als sie die Kapuze zurückschob und den silbernen Schlüssel abnahm, der an einer zweiten Kette um ihren Hals hing.

Die Stumme. Die unauffällige Wächterin des Nachtmarktes. Ihre wahre Natur war nur für jene sichtbar, die einen Schlüssel besaßen. Niemand sonst gelangte an ihr vorüber und wer es versuchte, bereute es rasch. Alysea erinnerte sich gut an ihre erste Begegnung und auch jetzt hinterließ die Aura der älteren Frau eine Gänsehaut auf ihren Armen. Dämonenblut hinter der Maske eines gewöhnlichen Menschen verborgen. Für eine Hexe war sie wie ein dunkles Loch im Gefüge der Welt.

Nur wer einen Schlüssel besitzt und sich damit vor der Wächterin des Nachtmarktes ausweisen kann, darf die Katakomben betreten. Wer es versucht, ohne die Erlaubnis zu besitzen, wird nur allzu rasch von den Marktwächtern aufgegriffen, falls er der Stummen entkommen kann.

Finsternis empfängt jene, die sich in die Katakomben wagen. Der bläuliche Schein von Dämonenfeuer, der kaum etwas gegen die Schatten in den uralten Nischen und Gängen ausrichten kann. Arkaden und Obsidiansäulen, narbiger Stein und die Feuchte des Kanals, der sich durch das Labyrinth schlängelt. befahren von den dürren, unheimlich anmutenden Fährleuten, in deren Adern noch schwaches Dämonenblut fließt. Reines, blankes Silber, es ist das einzige Zahlungsmittel, das sie akzeptieren, und womöglich sind sie die Einzigen, die jeden Winkel dieses Labyrinths kennen und dessen Gefahren einschätzen können.

Der bläuliche Schein von Dämonenfeuer hing über den Gewölben der Katakomben. Hell genug, um ihren Weg geisterhaft zu beleuchten, zu trüb, um die Schatten zu bekämpfen, die in Nischen und Gängen lauerten. Stille herrschte zwischen den steinernen Säulen. Alyseas Sohlen waren weich, dennoch schienen ihre Schritte laut von den Wänden widerzuhallen. Gelegentlich vernahm sie das Geräusch von Wassertropfen, die zu Boden fielen. Das Plätschern des unterirdischen Kanals, der die Katakomben durchzog, wenn ein Boot darüberglitt. Der Schein der Buglaternen flackerte ab und an flüchtig hinter den Torbögen auf. Ein warmes, oranges Leuchten, das gegen das Dämonenfeuer stritt und niemals lange siegte.

Ein kalter Hauch drang aus den Grabkammern, in denen Dämonenfürsten und ihre Untertanen ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten. Es roch modrig, die Luft war schwer und ein unaufhörliches Wispern begleitete ihren Weg durch die düsteren Gänge. Es war lockend, sehnsüchtig. Eisige Schauer rannen über Alyseas Rücken, wann immer sie an einem der Torbögen vorüberging, hinter denen die Knochen der Verblichenen ruhten. Manchmal war es, als würden grabeskalte Finger verlangend über ihre Haut streichen und das Blut darunter erstarren lassen.

Es ist ratsam, niemals von dem Weg abzuweichen, der zum wahren Nachtmarkt führt. Denn Schattenbestien und Scheusale, geboren aus Dämonenmagie, lauern in den dunklen Gängen auf all jene, die sich in ihrem Gewirr verwirren. Und es ist gewiss, dass sie ihre Opfer nicht entkommen lassen. Wer das Herz der Dunkelheit arglos betritt und sich leichtsinnig darin bewegt, kann auf viele Weisen sein Leben riskieren.

Alysea konzentrierte sich auf die Muster der alten Mosaike, die den Boden zierten und zählte die Windungen, die sich durch die Katakomben schlängelten. Nicht mehr fern, es musste … dort! Sie spähte durch einen Torbogen, hin zu der Obsidianbrücke, die sich über den Kanal spannte. Hinter dem glitzernden Wasser erstreckten sich die von Türen aus Glas und Holz verschlossenen Nischen, in denen die echten Händler des Nachtmarktes ihre Waren feilboten.

Boote legten an und im Licht der schwankenden Buglaternen betraten vermummte Gestalten die Nischen. Es war kein lauter Marktplatz, von dem Schreie und Gelächter widerhallten. Wer den wahren Nachtmarkt aufsuchte, tat es leise und verstohlen. Es war ein Ort, an dem man das Verbotene und Ausgefallene erwerben konnte, wenn man bereit war, dafür zu zahlen, und niemand wurde gern dabei gesehen.

Alysea fröstelte, als ihr Blick auf die in den Stein gehauene Taverne fiel, von der aus dunkel gewandete Männer und Frauen die Besucher musterten. Mörder und Diebe, die ihre Dienste für Gold anboten. Nicht wenige von ihnen Abkömmlinge von Dämonenbastarden, die einen Rest ihres Blutes in den Adern trugen und einen Teil ihrer Fähigkeiten geerbt hatten. Beinahe meinte sie, ihre prüfenden Blicke zu spüren, obwohl sie sich noch immer in den Schatten des Torbogens verbarg.

Der wahre Nachtmarkt verbirgt sich hinter alten, modrigen Ladentüren, von mächtiger Magie gesichert. Es ist eine dunkle Welt, in der es kaum etwas gibt, das man nicht bekommen kann. Eine Welt, in der regiert, wer das stärkste magische Blut in den Adern trägt. Und es ist eine Welt, die man stets mit Vorsicht betreten sollte, wenn man sie wieder heil verlassen möchte.

»Wenn ihr bleibt, werdet ihr in den Katakomben sterben.« Endlich drehte er den Kopf, sodass sie sein Profil sehen konnte. Seine Augen glühten in seinem bleichen Gesicht wie Kohlen, deren Glut der Wind angefacht hatte. »Ihr habt etwas geweckt und es wird euch jagen, bis es euch erwischt hat. Seht zu, dass ihr schneller seid.«

Gemea

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