Beiträge von Vajdan Jaromer

    "Halt. Stehenbleiben!"

    Gehorsam und wie angewurzelt blieb die alte Frau stehen. Er hatte es vielleicht etwas übertrieben.

    "Ich habe nur ein paar kurze Fragen."

    Eine alte Frau in Lumpen, ganz offensichtlich eine Bettlerin.

    Gut, die waren pausenlos in den Straßen und für ein paar Münzen gaben sie auf jeden Fall Auskunft - vielleicht sogar wertvolle.

    Was ihn auch schnell auf eine Idee brachte.

    "Am Tag vor dem Frühlingsfest, habt ihr da beobachtet wie hier in der Gasse jemand eine Leiche abgelegt hat?"

    Nahe genug an der Wahrheit um die Aussage nicht zu verfälschen, jedoch ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.


    Einen kurzen Moment lang war die offenkundig Frau verwirrt, der Wächter hatte sie nicht angebrüllt, nicht weggejagt und vor allem sprach er sie mit der höflichen Anrede an, die Bürgern von Stand gebührte. Aber es war kein Spott in seinen Worten und seinem Ausdruck zu finden.

    Doch vielleicht war der Grund auch ein ganze anderer und die Verwirrung legte sich auch schnell wieder, als sie den Nutzen erkannte.

    Noch einen Moment länger als nötig musterte die Frau ihn.

    "Seit dem sind viele Tage vergangen... habe ich etwas gesehen? Wer weiß das schon... Nur das Licht sieht immer. Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste, ich bin alt und grau und gebrechlich..."

    "Schon gut." Vajdán rollt mit den Augen. "Ich weiß nicht, ob schon einer meiner Kollegen die gleiche Idee hatte... aber ich brauche Augen und Ohren in der Stadt. Und ich werde euch für Informationen auch bezahlen..."

    Er holte seine Geldkatze aus der Tasche, sie war neu und das Leder noch hell und nicht speckig, wie bei der alten. Dafür hatte er sie ehrlich erworben - die alte hatte er wohl irgendwie bei der Schneiderin gelassen.

    Die alte Frau war schon bereit, danach zu greifen.

    "Wenn die Informationen nützlich sind." Fügte Vajdán in weiser Voraussicht hinzu und zog die Geldkatze gerade noch rechtzeitig weg. "Also?"

    "In diesem Tagen ist vieles geschehen, das besser verborgen bleiben sollte. Nicht jedem lacht der Mond. ...eine Frau haben sie im Fluss gefunden... ...aber hier? Weiß ich nichts. Hier wurde niemand gefunden, nur verloren. Aber verloren geht pausenlos jemand. Geister. Verlorene Seelen. Mädchen verschwinden, die leichten. Der Wind weht sie fort. Das erzählt man sich. Ein Teufel geht um... vielleicht sogar ein gehörnter." Sie kicherte immer wieder sehr seltsam.

    "Diese Frau, wohin wurde sie gebracht?"

    "Die Roten haben sie geholt. Ein Dämon, ihr Schatten. Fragt den, vielleicht hat der die Seele gefunden."

    Die roten, also vermutlich die Tagwache. Vajdán nickte, die Frau sprach sehr wirr, was aber kein Wunder war, dieses Leben konnte über kurz oder lang den Verstand aushöhlen - oder der ausgehölte Verstand war der Grund für dieses Leben.

    Was Ursache und was Wirkung - im Nachhinein oft nicht mehr zu bestimmen.


    "Gut, habt dank." Er drückte ihr eine Kupfermünze in die faltige knochige Hand - die sich erstaunlich schnell darum schloss und sie irgendwo zwischen vielen Kleiderschichten verschwinden ließ. Dann war die leere Hand zurück.

    Es folgte ein Moment der Stille.

    Eine weiter Münze folgte. "Übertreibt es nicht. " die alte Frau nickte.

    "Es gibt mehr, wenn ihr die Augen und Ohren für mich offen haltet und mir berichtet wenn etwas ungewöhnliches passiert. Wenn Verbrechen geschehen, große... wenn jemand getötet wird oder wenn Dämonen unterwegs sind oder auch Geister und Teufel. Ihr findet mich bei den Blauen. Gebt die Informationen aber nur mir, keinem anderen, sonst bezahle ich euch nicht."

    Die Frau nickte wieder.

    "Bänke sprechen, Fässer sprechen..." murmelte sie vor sich hin. "Ist das gut?"

    Von der Bank wußte Vajdán, doch nicht von Fässern. Ab hier musste er jedoch vorsichtig sein. Wer konnte schon sagen was sich hinter dem wirren Gerede verbarg.

    "Bänke? Fäßer? was hat es damit auf sich?"

    Die leere Hand streckte sich ihm wieder entgegen. Wiederwillig legte er eine weitere Kupfermünze hinein.

    "Eine Steinbank am Hafen spricht, als wäre sie ein Seemann. Die konnten sie nicht wegtragen. Ein Faß jedoch, das haben sie geholt. Ein leichtes Mädchen. Leichter als die Bank. Geholt haben sie es."

    "Auch die roten?"

    Sie nickte nur und schlurfte kichern davon und sang und summte ein Melodie vor sich hin, die Vajdán vage bekannt vorkam:


    Und sie sehen meine Lumpen...

    ... wissen nicht, mit wem Sie reden.

    ...eines Tages wird ein Geschrei sein am Hafen.

    Und ein Schiff mit acht Segeln

    Und mit fünfzig Kanonen

    Wird liegen am Kai....


    Nur Bruchstücke drang noch bis zu ihm und Vajdán sah ihr hinterher, unschlüssig, was er davon halten und wie er damit umgehen sollte.

    Hatte Laflar mit dem Faß damit zu tun? Oder gab es weitere Feenblute in der Stadt? Oder hatte die Alte sich das nur ausgedacht um weitere Münzen zu bekommen. Oder lebte in einer Wahnvorstellung mit Geistern und Teufeln...

    Hier mußte er vorsichtig sein.

    von hier


    Was macht einen Menschen zu einem guten Menschen?

    Seine Taten? Seine Haltung?

    Die Vergangenheit oder die Gegenwart?


    Es war das abgebrannt Anwesen der Familie Kartara, das die Bilder zurückgebracht hatte.

    Und es war die Erinnerung, die ihn in die Gasse geführt hatte, dort, in der Nähe des Hafen, wo er zu sich gekommen war, vor nun fast 3 Wochen.


    Und hier stand er nun, neben den Fässern, die selben oder auch nur die gleichen standen an der selben Stelle in der Gasse, alte Leinensäcke dazwischen und Taue. Dies war der Eingang zu einem Lager, hoch über ihm schaukelte der Hebekran an einem massiven Balken. Hier wurde Fracht verladen die von den Schiffen kam, um sie zwischenzulagern ehe sie weiter verschifft oder auf dem Landweg transportiert wurde. Getreide, Gewürze, Stoffe und andere Luxusgüter.

    Und genau hier hatte er gelegen.

    Nackt, mit verhielten Brandwunden übersäht.


    Das Anwesen hatte in Lylleis gestanden, mehr als einen Tagesmarsch von Verdahl entfernt.

    Dorthin war sein Vater damals mit ihm geflohen und dort hatten sie viele Jahre lang in der Abgeschiedenheit gelebt - bis es dem jungen Ëjnarin zu dumm geworden war.

    Nicht sehr passend wie er selbst heute fand, aber wahrscheinlich war es seinem Vater sicher erschienen. Weit ab von jeder Feenmagie, zwischen den abergläubischsten Menschen von ganz Atharys. Wo sonst konnte man ein Feenblut besser verstecken - vorausgesetzt es spielte mit.

    Ein kleines Anwesen, eine Handvoll Bedienstete. Vielleicht waren es auch Wächter.

    Sie wussten was er war, und dennoch hatten sie seine Scherze irgendwann satt - oder war doch etwas nach draußen gedrungen?

    Auch in diesem Bild klafften wesentliche Lücken.

    Dann hatte es einen Brand gegeben, der dieses Leben ein für allemal beendet hatte und bei dem alle Anwesenden ums Leben kamen. Fast alle. Es war nicht, was seinen Vater am Ende getötet hatte. Aber er erinnerte sich an die Flammen. Er hatte sie angestarrt, lange, hatte die Hitze gespürt, das Knacken gehört und auch die Schreie.

    Hatte das auch der Schattenwandler getan? Hatte er seine Geliebte getötet und in die Flammen gestarrt? Oder war alles nur außer Kontrolle geraten?


    Und er sah vor sich seine eigenen Hände, blutig.

    Aber es war nicht sein Blut.

    Und es waren auch längst nicht mehr die Hände eines Jungen, sondern die eines Mannes, eines ausgewachsenen Mannes.

    Er konnte nicht genau sagen, wie viel Zeit zwischen dem Brand und dieser Erinnerung lag, etwas hatte seinem Gedächtnis einen immensen Schaden zugefügt.

    Aber er erinnerte sich daran, wie sie auf ihn losgegangen waren, mit allem was sie hatten.

    Mi den sprichwörtlichen Mistgabeln, Schaufeln, Eimern und was sie hatten verfolgten sie ihn - das klang erst einmal harmlos, nur vieles davon beinhaltetet Feeneisen... und Eisenkraut.

    Sie jagten ihn, hetzten ihn wie ein Tier und trieben ihn in die Enge. Irgendwann hatten sie ihn umstellt.

    Es waren zu viele, er konnte sie nicht alle überwältigen.


    Waren das seine letzten Momente, ehe er dann ohne Erinnerungen hier in dieser Gassen zu sich gekommen war?

    Und wenn ja, wie wie er dem Mob doch noch entkommen?

    Jemand musste ihm geholfen haben. Andernfalls hätte er das nicht überlebt.


    Die Wunden waren bereits verheilt gewesen, zumindest seit einigen Wochen, und auch seine Haare waren etwas nachgewachsen. Und er war halbwegs sauber gewesen, nicht blutig, nicht verdreckt.

    Also wer hatte ihn gesund gepflegt und dann nackt am Hafen von Sorieska abgeladen?

    Und weshalb? Weshalb hier?


    Auch das Timing war interessant. Am Tag des Feentanzfestes.

    An dem rein zufällig Saphaire ihren Auftritt gehabt hatte, und beinahe wäre er dort schon in die Falle des Königs getappt.

    Hatte ihn also jemand ausgesetzt, wohl wissend, dass er ohne seine Erinnerungen geradewegs ins Messer laufen würde?

    Nein, falsche Ausgangslage... damals wäre er wohl freiwillig zurückgekehrt. Wollte ihm also jemand den Weg zeigen?

    Es ergab keinen Sinn.

    Damals wäre er ohne zu zögern ins Reich des Mondes zurückgekehrt, erst diese Wochen hatten ihn verändert. War er, als er nicht wusste wer und was er war sich selbst erst näher gekommen? Oder hatten sie Ëjnarin damals getötet und der hatte Vajdán Platz gemacht - alles was sie sich teilten war der Körper. Das kam auf die Definition von Identität an.

    Und war sein Gedächtnisverlust nun die Folge eines Unfalls oder absichtlich herbeigeführt worden?

    Und wenn letzteres... wer wäre dazu in der Lage? Hexen? Dämonen?

    Ihm schwirrte der Kopf.


    Vielleicht gab es Zeugen. Vielleicht aber auch nicht.

    Es war unwahrscheinlich dass ihn zu Fuß jemand bewusstlos durch sie Stadt getragen und dort abgeladen hatte, ohne dass es wer beobachtete...

    Aber es gab genug andere Möglichkeiten. Mit der Ladung ins Lager gebracht und von oben fallen gelassen, wohl wissen, dass er auf den alten Säcken weich landen würde.

    Eine weitere Möglichkeit war der Landweg. Derjenige mußte nur mit der Kutsche anhalten, ihn rauswerfen und weiterfahren. Vollkommen Risikofrei, wenn man nicht dumm genug war ein Familienwappen auf die Kutsche zu malen.

    Und wenn das jemand beobachtet hatte, was würden Zeugen tun? Richtig, die Klappe halten und verschwinden.


    Die alles entscheidende Frage war:

    Sollte er sich umhören und der Sache nachgehen?

    Oder brachte ihn das in größere Gefahr als dass es ihm nutzte?

    Auch wenn er keinen schwachen Magen hatte, so legte Vajdán keinen gesteigerten Wert darauf, mit irgendeiner Form von Magie in Berührung zu kommen, und sagte man nicht genau das den Heilern nach? War nicht das der Unterschied zum Arzt?

    Viel lieber nahm er die Rolle des Beobachters ein, würde alles genau im Blick behalten und so machte er sich seinen höheren Rang zunutze und schickte Rahlan vor.

    Etwas widerwillig hatte der zu gehorchen - denn er hatte tatsächlich einen schwachen Magen, wie sich später zeigen sollte - doch er gehorchte. Was blieb ihm anderes übrig.

    "Bereit." gab der seinen Status bekannt.

    Vajdán blieb indessen mit verschränkten Armen ein wenig abseits und behielt alles im Auge. Solle der Heiler ruhig denken, dass sich der arrogante Offizier einfach die behandschuhten Hände nicht schmutzig machen wollte.

    "Ich brauche das Projektil. Wenn ihr es habt, bitte beschädigt es nicht."

    Er blieb sachlich, kein Mitleid mit der Verletzten.

    Von hier.


    Auch nach seinem Besuch in der Bibliothek kehrte Vajdán nicht in sein Quartier zurück, zu viel beschäftigte ihn noch.

    Zwar schmerzte sein Arm mittlerweile, doch erst einmal musste er das weiter ignorieren.

    Sein Weg führte ihn zur Wache, wo er auf einen nicht wenig erstaunten Leonid traf.

    "Hast du mich schon so vermisst?"

    Er ging nicht darauf ein.

    "Ein Schattenwandler im Blutrausch..."

    Leonid musterte ihn kurz mit zusammengekniffenen Brauen.

    "Unser Täter? Willst du wissen was ich habe?"

    Dass war nicht ganz die Reaktion, die er sich erhoffte hatte, doch er nickte.

    "Adameo Nostra. Theraminer. Letzter Wohnort: Gemea."

    "Lass mich raten, der Besitzer des Ladens?"

    "Richtig. Und was hast du?"

    "Der Geschlechtsverkehr hat mich nicht mehr losgelassen, deshalb habe ich nachgelesen. Wenn Schattenwandler beißen und Blut saugen hat das diesen Effekt."

    Vollkommen neutral, doch wieder hatte Leonid sich fast verschluckt. Hatte er ein Problem mit dem Wort?

    "Also, Dorea hat eine Affäre mit ihrem Chef... dem Ladenbesitzer, einem Schattenwandler."

    "Einem Mischling wohl, sonst hätte er Gemea nie verlassen können."

    "Gut, einem Halbblut. Der sucht sie in der Nacht auf, versuchte sie auszusaugen, sie... em... stribt im... em... du weißt schon, ihr Vater platzt herein... und... zündet das Haus an?"

    "Ja, das passt schon eher. Vielleicht kommt es zum Kampf."

    "Ein Unfall?"

    Das wollte Vajdán am wenigsten glauben. Er schüttelte jedoch nur langsam den Kopf.

    "Egal... selbst wenn das keine Absicht war. Wenn er angefangen hat Blut zu trinken ist er entweder früher schon einmal auffällig geworden oder wird es in Zukunft wieder. Haben wir Akten? Zu ungeklärten Todesfällen, vornehmlich wohl Frauen? Vielleicht oder zumindest von niedrigerem Stand, so das er sich erhoffen kann, dass es lange nicht auffällt? Zumindest würde ich so vorgehen."

    "Du meinst mit Bisswunden hier..." Er machte eine eindeutige Geste in Richtung seines Halses.

    "Nicht unbedingt."

    "Hm... das ist vage... aber ich werde mal sehen. Wozu gibt es Gefreite. Du hast dich also informiert, hm?"

    "Ja, wir haben hier etwas, das heißt Bibliothek."

    "Deswegen hast du es auch zum Leutnant gebracht und ich bisher nicht. Was erhoffst du dir von den Fällen?"

    "Das werde ich sehen wenn ich sie sehe." entgegnete Vajdán finster.

    "Na dann... zu Befehl, war das alles?" Leonids Unterton verstand Vajdán nicht zur Gänze, aber es klang etwas übertrieben unterwürfig, fast hätte er salutiert. Vermutlich ein Versuch ihn auf den Arm zu nehmen, war das nicht ein Ausdruck für diese Neckereien?

    "Hm... vielleicht könntest du dich auch in den Hurenhäusern umhören, ob in der letzten Zeit Mädchen spurlos verschwunden sind, oder auch ob es seltsame Anfragen gab, entweder direkt nach 'Bluthuren' oder Mädchen für besondere Dienste... vielleicht hat er sogar nach Halbbluten verlangt." Immerhin hatte Dorea Hexenblut in sich getragen, womöglich war der Gesuchte im besonderen auf magisches Blut aus.

    "Wenn's weiter nichts ist... Die lustigen Sachen bleiben immer an mir hängen. Kommst du mit?" Wieder der seltsame Unterton.

    "Schon vergessen. Ich habe frei."

    Vajdán zwinkerte, tatsächlich hatte er noch etwas zu erledigen, aber er würde nachkommen, die Aussagen interessierten ihn tatsächlich, vielleicht auch die Huren.


    nach hier

    Von hier.


    Anstatt sofort in sein Quartier zurückzukehren hatte sich Vajdán entschieden zuerst etwas anderen abzuschließen. Wenn er auch die Bücher über Feen nicht mehr unbedingt benötigte, so wäre es doch nun eine gute Tarnung für seine nächste Anfrage.


    Dieses mal suchte er sich sofort gezielt den Bibliothekar namens Mirkan, erkundigte sich freundlich nach dessen Befinden und dem des Enkels, wartete die Antwort nur lange genug geduldig ab und stellte dann seine eigentliche Anfrage. Er bräuchte alles über Schattenwandler, die großen Familien, Verhalten, Biologie und alles über Mischlinge, eben alles was zu finden war. Mirkan nickte bedächtig, erfreut über einen so belesenen Wachmann und versicherte ihm, alles was er finden konnte sofort ins Lesezimmer zu bringen - wohin er auch Vajdán den Weg wies, damit sich dieser mit er erst Auswahl beschäftigen konnte.


    In dem kleinen Séparée blättere er nun eher gelangweilt in den Büchern über Feen. Es waren mehrere kleine Schriften und und wenig dickere Wälzer. Geschichten und Erzählungen. An wissenschaftlichen Arbeiten über Feen herrschte eklatanter Mangel. So laß Vajdán hier und da einen Absatz, das meiste wusste er jedoch mittlerweile, entweder weil er es ausprobiert hatte oder weil er sich erinnerte. Die Schilderungen waren ausnahmslos prosaisch und vielleicht inspirierend, jedoch wenig hilfreich.

    Es gab jedoch Geschichten, dass es einem Kind der Dämmerung unter bestimmten Umständen gelingen konnte Seelen zurückzubringen, die der Feenkönig gestohlen hatte. Doch die 'bestimmten Umstände' waren nicht näher erläutert. Dahinter konnte sich nun alles verbergen. Prosa eben. Andere schrieben über Händel, die im Traum mit dem Feenkönig geschlossen wurden, und dass diese doch ihre Kreise in die Wirklichkeit zogen. Doch auch das hatte er bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen.

    Allerdings war der Feenkönig im Moment nicht einmal seine Sorge. Das Schicksal, das der für ihn bereit heilt war ohnehin nicht abwendbar, wie er sich versteckt halten konnte wusste er bereits, zumindest wieder für eine Weile, zuvor jedoch musste er er den einen Widersacher beseitigen. Ob nur mit Hilfe des Gesetzes oder oder indem er es brach, das war ihm dabei gleichgültig.


    Wie lange es dauerte bis Mirkan mit einem neuen Stapel Bücher zurückkehrte wusste er nicht genau. Lange hatte er jedoch nicht gebraucht um das wenige zusammenzutragen.

    "Damit bin ich bereits durch. Danke." Er gab ihm dich Bücher über die Feen zurück und nahm sich nun die Schattenwandler vor. Auch das war nicht viel. Das meiste war wohl in Gemea zu finden und nur wenige Abschriften hatten ihren Weg nach Sorieska gefunden. Auch hier eher Erzählungen und Fantastereien.

    Eine Schrift jedoch erweckte schnell sein Interesse. Eigentlich handelte es sich um einen Reisebericht, doch was er in Händen hielt war so viel mehr. Sie stammte von einem gewissen A.L. Kostjunari, einem Arzt, als Feldchirurg Zeitzeuge des Krieges zwischen Hexen und Schattenwandlern.


    nach hier.

    von hier.


    Die Kutsche hielt an und die beiden Wächter stiegen aus. Es war etwas anderes als nur wenige Tage zuvor. Etwas vollkommen anderes.

    Damals - und seither waren nur wenige Tage vergangen - hatte er im Grund keinen Namen, wusste nicht wer und was er war, hatte noch keinen Job... Doch eine Frage brannte in ihm, nämlich was ihn von den Menschen unterschied. Was ihn im Dampfbad fast umgebracht hätte.

    Jetzt wusste er es. Und immer wieder kamen neue Bruchstücke hinzu, die sein gequältes Erinnerungsvermögen ausspuckte.

    Er war kein freundlicher Zeitgenosse gewesen, das dämmerte ihm bereits, und auch wenn er noch immer nicht wusste wem und welchem Ereignis er seine Verbrennungen verdankte, so keimte bereits der Verdacht in ihm, dass es nicht ganz zu Unrecht gewesen war. Zumindest abhängig von dem Standpunkt, den man einnahm.


    Als ahnte er die Gedanken, die ihn umtrieben musterte sein neu gewonnener Freund ihn. Was ihn daran erinnerte vorsichtiger zu sein. Und fairer Weise würde er auch mit Laflar sprechen müssen. Irgendwann.


    Der Laden war verschlossen und die Fenster verhangen. Es war der gleiche Laden.

    Er rüttelte kurz an der Tür, doch wie zu erwarten war öffnete keiner.

    "Hast du etwas anderes erwartet?" Leonid blickte ihn von der Seite an.

    Hatte er das denn? Vielleicht.

    "Finde heraus, wem der Laden gehört... und befrage den Besitzer. Er weiß vielleicht mit wem seine Angestellte verkehrt hat."

    Leonid nickte nur und notierte sich wieder etwas.

    Hatte er tatsächlich ein so schlechtes Gedächtnis?

    "Und lass den Laden unter Beobachtung stellen. Ich will alles wissen was sich dort tut." ordnete er weiterhin an.

    "Wie sollen wir das machen? Das fällt auf, wenn da dauern jemand davor rumsteht.

    "Nicht wenn sich derjenige in einer Wohnung gegenüber aufhält und nicht permanent im Fenster hängt. Das soll jemand tun, der klug genug ist um eben nicht aufzufallen. Und der schreiben kann."

    Leonid nickte und notierte erneut.


    Leutnant Jaroměr kehrte nun erst einmal in seinen freien Tag zurück, und Feldwebel Rahlan würde nun zur Wache zurückkehren einige Anfragen recherchieren und die gewonnen Informationen in einem Bericht zusammenfassen.


    nach hier.

    Leonid verschluckt sich an seinem Bissen und hustete laut, so dass die wenigen anderen Gäste erschrocken zu ihm sahen.

    Vajdán musterte ihn unbeteiligt und wartete ab bis sein Kollege sich wieder gefangen hatte.

    "Woher...?"

    "Ihr Geist, ihre Seele war praktisch im Höhepunkt gefangen."

    "Und ihr Vater überrascht sie und...? Zündet das Haus an?"

    "Oder ihr Liebhaber."

    "Adameo. Wenn das sein richtiger Name ist. Bleibt die Frage wo wir ihn finden."

    Vajdán nickte nur.

    "Und was ist mit dem Dämon? Gehen wir dem nicht nach?"

    "Alles zu seiner Zeit. zuerst müssen wir den Liebhaber finden."


    Der Dämon.

    Bestand ein Zusammenhang?

    Vajdán versuchte es sich vorzustellen.

    '...Ich will mächtig sein, kein Halbblut dessen beiden Seiten nur halb so stark sind wie es ein vollwertiger Schattenwandler oder Hexer wäre...'

    Die Worte eines Schattenwandlers. Eines Halbblutes... Hatte der König der Feen ihm womöglich seinen Wunsch erfüllt? Korrumpiert und entstellt, wie es seine Art war. Und das war das Ergebnis? Eine entstellte Fledermaus? Mächtig aber auffällig?

    Formulierte man nicht sehr sorgfältig fand er immer eine Möglichkeit den Wunsch ins Gegenteil zu verkehren.

    Hatten sie es hier nun mit dem ersten Werk einer neu erschaffenen Bestie zu tun?

    Ihm schwante schlimmes.


    Ein Schattenwandler, wacht auf nach diesem Traum... dann fliegt... geht? Er er als erstes zu seiner Geliebten, sie verkehren miteinander und als ihr Vater sie erwischt zündet er das Haus an? Irgendetwas daran passte nicht.


    Er zwar wußte nicht viel über Schattenwandler, nur das wenige, was sein Vater ihm über alle magischen Wesen beigebracht hatte, über Tierblute, Hexen, das Blut der Dämmerung und Dämonen.

    Aber viel war es eben nicht.


    "Verdammt, wie konnte ich das übersehen?" Er schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, eine Geste, die er oft beobachtet hatte wenn Menschen Fassungslosigkeit und die eigene Begriffsstutzigkeit zum Ausdruck bringen wollten. Tatsächlich hatte sich der Gedanke aber ganz leise in seinem Geist manifestiert.

    "Ich habe die Frau, Dorea Kartara, schon einmal gesehen. Sie arbeitete in dem Kräuterladen in der... in einer kleinen Seitengasse, aber ich werde hinfinden. Der Laden war sehr dunkel und das Mädchen sehr blass... Ich hätte sie fast nicht erkannt."

    Leonid blickte ihn nur erwartungsvoll an.

    "Und wem gehört der Laden?"

    "Das wirst du sicher herausfinden."

    Sie tranken den Kaffee aus und aßen zu Ende, dann rief Leonid wieder eine Kutsche.

    Vajdán wieß den Kutscher an, wie er zu fahren hatte, es war etwas umständlich.

    "Ich war zu Fuß unterwegs." entschuldigte Vajdán den Umweg.

    Leonid nickte.


    nach hier.

    ...von hier.


    Leutnant Jaroměr und Feldwebel Rahlan hatten an einem der Stehtische am Fenster Platz genommen, jeder von ihnen eine große dampfende Tasse Kaffee vor sich und ein Stück süßes Gebäck.

    "Leonid." sagte Rahlan plötzlich und streckte Vajdán die Hand entgegen.

    "Ich denke, wir können uns mit Vornamen ansprechen, oder?"

    Vajdán reagierte nicht gleich, zu viele Fragen geisterten noch in seinem Kopf herum und schienen seine Zunge zu blockieren.

    "Ich bin Vajdán." Er griff die Hand und schüttelte sie kurz, seine Handschuhe zog er jedoch nicht aus.

    Leonid lächelte plötzlich sehr breit, was ungemein ungewohnt aussah.

    "Wegen dem Feeneisen, oder?" kommentierte er die Handschuhe.

    Vajdán nickte nur. "Ist überall in der Stadt."

    "Kann ich mir vorstellen. Einige sind doch sehr misstrauisch."

    "Also. Wie bist ...du drauf gekommen?"

    "Die Summe aus allem... Die Handschuhe... die helle Haut, deine Augen... dann dass du es schaffst so früh am Morgen schon nach teurem Rasierwasser zu riechen... und ich habe bemerkt, wie du dir die Leute gefügig machst. Das war schon beeindruckend. Aber lass es bitte bei mir."

    Vajdán hob nur andeutungsweise die Augenbrauen. So gut gelang es ihm also, sein Geheimnis zu wahren, er musste vorsichtiger sein.

    "Erzähl mir mehr über meinen Vorgänger, Leutnant Gerchev. Er konnte also auch Geister rufen?"

    Leonid nickte, er hatte sich gerade ein bröseliges und mit Zucker bestreutes Stück Hörnchen in den Mund gestopft und konnte nicht sofort antworten.

    "Ja..." er schluckte. "...aber sein Feenblut war sehr schwach. Ich hab ihn auch nie selbst in Aktion erlebt. Duranje war sein Partner, so heißt er. Den kannst du fragen. Aber es hieß, er hab einmal den Namen des Täters aus einem gerade Ermordeten herausbekommen. Und er war ein Spieler, also Gerchev. Das hat ihn dann auch den Kopf gekostet. Aber ich habe nie gesehen, wie jemand einen derart verunstalteten Leichnam zum Leben erweckt und sich so lange mit ihm unterhalten hat."

    "Immerhin habe ich auch einen Namen herausbekommen."

    "Das war beeindruckend. Du wirst sicher auch noch legendär in der Wache!"

    "Ich will nicht dass es jeder weiß."

    "Warum nicht? Fast jeder bei uns hat einen Cousin, eine Halbtante oder einen Schwager vom Onkel, der irgendein Halbblut ist. Oder zumindest viele. Ich glaube wir sind eine Anlaufstelle dafür. Oder bist du gar kein Halbblut? Bist du...?"

    "Nein. Sehe ich etwa so aus?"

    "Ich weiß nicht ob man reine Feen so verletzen kann... Aber wenn ich mir die Narben wegdenke... wer weiß." wieder dieser vielsagende Blick, den Vajdan nicht einordnen konnte.

    "Nein. Ich bin zur Hälfte Mensch. Wahrscheinlich sogar zur größeren." Eine Lüge, doch er hatte eben nicht vor mit mehr Wahrheit herauszurücken als ihm nützte.

    "Was stört dich dann?"

    "Weil mich das trotz aller Akzeptanz bei euch immer noch in Schwierigkeiten bringen kann. Weiß es denn der Hauptmann?"

    "Keine Ahnung... ich habe nicht mit ihm drüber geredet... Ich dachte das wäre der Grund, warum er dich eingestellt hat... ich dachte ja sogar er habe ich angefordert nachdem Gerchev weg war. Aber wenn nicht, dann weiß er es wohl nicht."

    "Nein... und dabei sollte es auch bleiben."

    "Gut. Einverstanden."

    "Also, was haben wir? Den Namen des Liebhabers der Tochter." Vajdán nahm einen großen Schluck vom bitteren Kaffee. Das tat jetzt gut und füllte die Kräfte wieder auf. Auch er nahm nun einen Bisses von dem sehr schmalzigen und knusprigen Gebäck und dachte über diese Dorea nach, ihre letzten Minuten vor ihrem Tod.

    "Ja, 'Adameo'. Klingt irgendwie nicht nach Serijsa... Was denkst du. Theramia?" riet Leonid. Vielleicht bemerkte er, dass Vajdán in Gedanken war.

    "Sie hatte kurz vor... während sie starb Geschlechtsverkehr." stelle Vajdán fest. Vollkommen nüchtern.

    Vajdán verstand und ließ los.

    Sehr viel länger hätte er ohnehin nicht mehr durchgehalten und mittlerweile konnte er was die Blässe anging durchaus mit Rahlan mithalten.

    Als er seine Feenmagie zurückzog löste sich der durscheinende Körper Doreas auf und zurück blieb nur noch der verkohlte Leichnam in einer letzten Umarmung ihrer selbst erstarrt.

    Zumindest wußte er nun, dass sie wohl kaum gelitten haben mochte. Vajdán war als spürte er selbst einen Wiederhall dessen was sie zuletzt gespürt hatte. Einen eher unangenehmes Gefühl.

    Er taumelte ein paar Schritte, dann hatte er sich wieder gefasst. Doreas Seele hatte gehen wollen, sie hegte keinen Groll gegen... ja, gegen wen überhaupt? Er hatte sie unter Zwang an ihren Körper binden müssen, deshalb war das Ergebnis auch nicht von Dauer und hatte ihm selbst einiges abverlangt.

    Sie war gestorben während sie nun... Verkehr hatte? Und ihr Vater hatte sie erwischt.

    Dafür war nun Rahlan wieder auf den Beinen.

    "Kommt, wir gehen etwas frühstücken. Dann können wir alles noch einmal durchgehen."

    Er wirkte entschlossen und offenbar hatte er seinen Magen wieder ausreichend unter Kontrolle oder war zumindest zuversichtlich rechtzeitig wieder Appetit zu entwickeln.

    Vajdán nickte. "Einverstanden. Wo bekommt man denn den beste Kaffee?"


    ...hier gibt's Kaffee.

    ...die kleine Backstube nahm eine kleine Ecke am alten Markt in der Nähe des Hafens ein und lag nur einen Straßenzug neben der Mondwache, was sie zu einer beliebten Anlaufstelle für die blauen Wächter machte.

    Irgendein Spassvogel hatte den bronzenen Schriftzug des 'Kaffehaus' über der Fensterfront verunstaltet. die beiden f kehrten einander den Rücken zu weil jemand das erste davon umgedreht hatte und das 'h' war entwendet worden. statt dessen war ein 'x' an die Wand gemalt.

    Beide Fronten waren mit buntem Bleiglasmosaik versehen und erlaubten einen durch die mit Bleistreifen verbunden Fenster einen guten Überblick über den angeschlossenen kleinen Platz dessen Zentrum wie bei den meisten Plätzen ein kleiner Brunnen markierte.

    Dieser zeigte die Bronzestatue eines jungen Mann in einem irgendwie altertümlich anmutenden Brustpanzer mit nachgebildeter Muskulatur und mit einem einfachen golden bemalten Helm und einem überdimensionierten Helmbusch. Unter der Rüstung trug er kniehohe Sandalen und ein Röckchen. In einer Hand hielt er sich an einem Speer mit dem Wimpel der der Brandbrigarde fest - mit der anderen goss er einen mit Wasser gefüllten Eimer über der Miniatur eines brennenden Hauses aus. Seltsam passend.

    Der Blick der Statue ging gen Hafen., vom Kaffeehaus aus konnte man nur seine Rückseite bewundern.

    Und das war wohl auch der Grund weswegen Rahlan dieses Kaffeehaus ausgewählt hatte.

    Fiorin, der Schutzpatron der Brandbrigade.

    Eine Besonderheit der Statue war, dass der Rock nach unten gerutscht schien, und der sehr körperbetonte Brustpanzer zeichnete sein Hinterteil derart konturiert nach, dass es so aussah als habe er die Hosen herabgelassen um den Blick auf seinen verlängerten Rücken freizugeben.

    Um die Entstehungsgeschichte des Brunnen rankten sich dermaßen viele Geschichten, dass es Rahlan nicht fertigbrachte seinem Kollegen auch nur einen kurzen Überblick zu geben.


    FloriansbrunnenBadTölz_klein.jpg

    "Was nimmt er denn von dir, dein Adameo? Vielleicht kann ich es dir zurückbringen?"

    Jaroměr wechselte einen Blick mit Rahlan, dieser schien glücklich damit Notizen machen zu können ohne die verbrannte Frau sehen zu müssen.

    Dorea indessen verhielt sich immer merkwürdiger, bis er verstand.

    Die Gestik, ihre Worte... und was über seine Hände aus ihrer Seele in seinen Verstand sickerte. Ihre Seele war gefangen im Höhepunkt des sexuellen Aktes. Wie er das später noch ins Protokoll einfügen sollte musste er sich noch gut überlegen.

    Zumindest hielt sie nicht ihn für ihren Liebsten. Gut, andere Strategie. Das hätte ohnehin böse enden können, immerhin wusste Vajdán nicht, wie lange der Spuk anhalten konnte.

    "War er gerade bei dir? Kannst du mir sagen, warum er gegangen ist? Und wie heißt er denn, dein Liebster? Vielleicht kannst du mir sagen, wie er aussieht, dann finde ich ihn für dich."

    Es waren viele Fragen, Jaroměr hoffte inständig, dass er sie nicht überfordert hatte, immerhin schien etwas sie kurz vor ihrem Tod in einen Rauschartigen Zustand versetzt zu haben.

    Die Frau wirkte ein wenig abwesend, allerdings konnte Jaroměr nicht genau beurteilen, wie Tote sich allgemein verhielten.

    Rahlan war indessen kurz davor, sich das letzte Essen noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Er saß kreidebleich hinter ihm und vermied es, die Tote anzusehen. Statt dessen hatte er den Bericht aufgeklappt und machte eifrig ergänzende Notizen.

    Die Frau bestätigte ihre Identität, das hatte er wohl notiert. Jaroměr blickte ihr direkt in die Augen oder besser an die Stelle an der sie einst gewesen waren.

    "Es ist alles gut, das ist nur Farbe, die geht wieder ab." Er lächelte. Vielleicht hielt sie ihn noch für eine Weile für ihren Liebsten.

    "Entschuldige, ich wollte nicht zu viel nehmen..." Wovon zu viel? War Ihr Liebster bei ihr als sie starb? Das größere männliche Skelett? "Ich habe mir nur Sorgen um dich gemacht. Weißt du was passiert ist?"

    Während Rahlan dafür sorgte, dass dem Haus keinen Zeugen für das geplante zu nahe kamen waren bereitete sich Jaroměr auf eine andere Ungeheuerlichkeit vor. Er hatte etwas vergleichbares erst einmal versucht, vor kurzem, als er die Seele eines Tieres oder was auch immer an den Körper eines toten und halb verwesten Vogels geknüpft hatte. Ob sie jemals zusammengehört hatten wusste er nicht. Er hatte auch zuvor schon zufällig Seelenreste an tote Gegenstände gebunden, ganz wie Laflar, aus Versehen und das diente nie einem bestimmten Zweck. Manchmal hatte er sich auch einfach einen Spaß daraus gemacht um seine rein menschlichen Fürsorger zu erschrecken und zu quälen.

    Nein, ein netter Junge war er nie gewesen, soweit er die Erinnerungsschnipsel langsam zusammensetzte.

    Das sollte nun aber keine Rolle spielen.

    Zunächst befreite er die Tote von den verkohlten Brettern, dass sie sich bewegen konnte und nicht eingeklemmt wäre. Außerdem dienten die Bretter als weiterer Sichtschutz.

    Die Situation wäre erschreckend genug, zumindest sollte sie es so angenehm wie möglich haben. Sie würde zwar keine Schmerzen spüren, doch die Erinnerung daran konnte noch präsent sein.

    Jaroměr hatte seine Handschuhe abgelegt und nun tastete er vorsichtig nach der Seele. Er erinnerte sich an die Situation am See, und die die vielen Male zuvor, doch jetzt war es anders. Er war ein anderer.

    Die Seele fühlte sich für ihn an wie dünne Fäden. Verästelt und verwoben wie Spinnweben, ein leichtes glitzern das schnell entgleiten oder reißen konnte, das sich auch schnell auflösen würde. Bei dem Vogel war es schwierig gewesen ihn zu fassen, doch zu seinem Erstaunen war dieser Faden relativ kräftig und sehr gut zu greifen. Ein magiebegabtes Wesen? Durchaus wahrscheinlich.

    Inzwischen war auch Rahlan wieder bei ihm.

    Der Feldwebel schien unbedingt sehen zu wollen, was Jaroměr tat und beobachtete jeden Handgriff.

    Aus seinen Fingerspitzen begann nun das silbrige Licht der Feenmagie zu knistern und floss über den verkohlten und zum Teil skelettierten Körper der jungen Frau. Sein Blick blieb auf ihrem Gesicht haften, den Resten der geschwärzten Haut, den wie zu einem furchtbaren Grinsen gebleckten Zähne und die spärlichen Reste einst blonden Haares. Langsam begann sich nun die Seele des Mädchens darüber zu legen. Der Schimmer grüner Augen strahlte fast zu hell aus den leeren Augenhöhlen, helles Haar vermischte sich mit den versengten Resten und eine spitze Nase erschien wo zuvor nur ein vertrockneter Rest zu erkennen war. Hüsch. Und irgendwie kam sie ihm vage bekannt vor.

    Mit Rahlans Selbstbeherrschung war es allerdings zuende. Kreidebleich trat er zurück und setzte sich erst einmal auf einen Mauervorsprung.

    "Seid ihr Dorea?" sprach Vajdán die Tote so sanft er es vermochte an. Ob seine besondere Überzeugungskunst auch bei Toten funktionierte wusste er beim besten Willen nicht.