Teehaus "Zum roten Schleier"

  • Emyja kam nicht oft in diesen Teil von Sorieska, denn es war ein langer Fußmarsch von ihrem Heim und das Hafenviertel war ihr meistens zu hektisch, zu laut und es stank nach altem Wasser, Fisch und ungewaschenen Matrosen. Heute morgen allerdings war sie der eiligen Bitte eines Jungen gefolgt, dessen Mutter ihn gesandt hatte. Das jüngste Kind hatte von einem Tag auf den Anderen jegliche Nahrung verweigert, fieberte und war in einem äußerst kritischen Zustand, als Emyja eintraf. Sie hatte den halben Tag in der engen Wohnstatt zugebracht, den kleinen Patient untersucht und der Mutter schließlich diverse Tees und Zutaten für Wickel dagelassen. Die Kleinsten litten oft am meisten unter schlechten Lebensbedingungen und diese Familie hatte es wahrlich nicht leicht. Darum hatte Emyja nun ein Ei in ihrer Rockschürze, mit dem sie sich hatte entlohnen lassen. Viel für diese Menschen und sie wusste es zu schätzen. Dafür würde der nächste wohlhabendere Kunde etwas tiefer in die Tasche greifen müssen. So funktionierte ihre Gerechtigkeit und bisher hatte sich niemand beschwert.

    Mit langen Schritten ging sie die Straßen hinab, denn es zog sie nach Hause. Sie war müde - der Junge hatte sie sehr früh aus dem Schlaf gerissen und vielleicht könnte sie noch für einen Moment ruhen, bevor sie sich um das Abendessen kümmern musste. Doch dann verlangsamten sich ihre Schritte wie von allein, kamen fast zum stehen, während sie die Augen schloss und schnupperte. Ein bezaubernder Duft stieg ihr in die Nase, was in dieser Ecke der Stadt schon bemerkenswert war. Tee? Gewürze? Etwas Süßliches mischte sich darunter. Gebäck? Plötzlich knurrte ihr Magen und erinnerte sie daran, dass sie seit Stunden auf den Beinen war und ihrem Körper Kraft entzogen hatte, die er aus dem Nichts heraus schaffen musste. Sie wusste natürlich, dass es dieses „Nichts“ nicht gab, sondern es ihre eigene Substanz war, aus der sich alle Magie zusammen fügte. Sie musste auf sich Acht geben, dazu hatte Mutter sie stets ermahnt und so gab sie dem Drängen nach und folgte ihrer Nase bis vor die Tür eines Ladens, der auf den ersten Blick nicht wie ein Gasthaus wirkte. Eher wie – sie hatte keine Worte dafür, aber es zog sie an und machte sie neugierig. Schon vor der Tür hätte sie sich nieder lassen können, aber danach stand ihr nicht der Sinn und sie fröstelte trotz des milden Tages. Einen Moment stand sie etwas unschlüssig dort, betrachtete die Fackeln, Laternen und roten Baldachine.

    Von irgendwo weit die Straße hinab drang beiläufig das Rattern von Kutschenrädern an ihr Ohr, welches schnell näher kam. Auf der anderen Straßenseite diskutierten zwei Männer lautstark in einer Sprache, die sie nicht verstand. Geräusche des Lebens einer pulsierenden Stadt. Emyja wandte ihnen nur kurz den Kopf zu, nahm wahr, wie einer die Hände in die Luft riss und vehement abwinkte. Das Hufgetrappel wurde lauter. Irgendwo bellte ein Hund, von oberhalb der Häuser zeterte eine Frau. Emyja schwirrte der Kopf. Diese Stadt war so laut, manchmal sehnte sie sich tatsächlich zurück in die fast sphärische Ruhe des alten Verdahl. Doch das waren nur kurze Momente. Emyja schüttelte leicht den Kopf, legte die Hand auf die Tür und öffnete sie. Warme, duftgeschwängerte Luft schlug ihr entgegen. Halb in der Tür stehend brauchten ihre Augen einen Moment, um sich an die anderen Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Seidene Stoffe, Kissen, niedrige Tische – war sie hier richtig? Sie war nicht prüde, aber gewisse Häuser betrat sie nur, wenn die Dams und Syrs ein Problemchen juckte, dessen sie allein nicht Herr wurden. Außerdem waren Speisen und Getränke dort immer überteuert, aber sie sah keine leicht bekleidete Frauen, sondern nur ein paar wenige Gäste. Sieht doch gut aus...? Der Gedanke hatte sich noch nicht ganz durch ihren Geist bemüht, da brach hinter ihr auf der Straße Chaos aus. Die Kutsche donnerte am Haus vorbei, viel zu schnell für die Stadt zu dieser Tageszeit, zugleich schrien Menschen auf, die Pferde wieherte, eine Peitsche knallte. Emyja wirbelte herum und brauchte einen Moment, um zu erfassen, was vor ihren Augen geschah. Einer der beiden Männer, die eben noch streitend auf der anderen Seite gestanden hatten, war wohl ohne auf die Kutsche zu achten, auf die Straße getreten. Nun lag er unweit von Emyja reglos im Staub, während die Kutsche einige Meter weiter zum Stillstand gekommen war. Stimmen riefen durcheinander, sofort war alles auf der Straße, zeigte auf den Kutscher und den Verletzten. Emyja ließ die Tür fahren, sodass diese zurück ins Schloss fiel und eilte zu dem Mann am Boden. Sie musste sich durch einen Kreis von Gaffern drängen, um zu ihm zu gelangen. Niemand wagte sich näher als einen Schritt heran, doch alle starrten und redeten durcheinander. Emyja kannte das schon und ignorierte die Leute so gut es ging. Als sie neben dem Mann auf die Knie fiel, hörte sie, wie die Kutsche wieder anfuhr und sich entfernte. Doch sie achtete nicht weiter darauf, sondern begann vorsichtig mit ihrer Untersuchung. Sie hatte heute schon viel von ihrem Körper genommen, dennoch griff sie ohne zu zögern nach ihrem, wie sie es nannte, Heilersinn und sofort erstrahlte der Mann für ihre Augen in jener einzigartigen Weise, die ihr alle Lebensenergie zeigte, alle Ströme von Luft, Blut, Wasser und Leben. Sie sah das Ausmaß des Schadens vor sich wie eine Landkarte, auf die jemand mit einem Messer los gegangen war. Das war nicht gut. Nein, gar nicht gut.

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    Motörhead



    Timeline

  • Eben noch herrlich Ruhe und dann...

    Es war der Moment in dem die junge Frau die Tür öffnete: kurze Zeit brach der normale Lärm der Straße herein, den er ignorierte, in der Annahme, dass der sich bald wieder legen würde, nämlich mit dem Schließen der Tür.

    Doch der Moment dauerte zu lange, und dann wurden die Stimmen lauter, zumindest kurz, dann wandte sich die junge Frau um anstatt hereinzukommen und weitere Momente später sickerten Beegriffe wie 'tot' und 'überfahren' in sein Bewusstsein. Er hatte sie gehört während die Türe offen war. Etwas war geschehen. Zweifellos.

    Noch einen Moment lang überlegte Arvijd, ob er nun tatsächlich aufstehen und rausgehen sollte. Er wollte Ärger eigentlich meiden, zu gut erinnerte er sich noch an die Kutsche... und er konnte nur hoffen, dass das zumindest für die Überlebenden ein gutes Ende genommen hatte. Doch ehe er sich endgültig dagegen entscheiden konnte, hatten seine Beine bereits abgestimmt.

    Er war bereits fast an der Türe, bezahlte noch seinen Tee und dann stand er bereits auf der Straße. Es war kühl und seinen Pelzmantel hatte er eingebüßt. Andererseits hätte der ohnehin ein unschönes Loch gehabt.

    Die Frau - sie war so auffällig rothaarig, dass er sie sich gemerkt hatte - war noch da und schien sich um den Verletzten kümmern zu wollen. Was war sie, eine Hexe? Er hatte in Gemea welche erlebt... sie konnte beeindruckendes leisten. Aber das hier war Sorieska und soweit er wußte verließ keine Hexe Gemea, sie konnte es einfach nicht.

    Sie würde es ihm sicher bald verraten... So krempelte er seine Ärmel hoch, schloss sein Hemd und begann sich nicht ganz höflich durch die Menge zu rempeln mit den Worten: "Lasst mich durch, ich bin Arzt." diesen Part mochte er besonders.


    Die Frau bewegte sich nicht, ihr Verhalten erinnerte stark an das einer Hexe... Arvijd selbst verfügte über keinerlei magische Fähigkeiten aber über Erfahrung, sehr sehr viel Erfahrung. Kutschen hinterließen üble Verletzungen, überrollten einen die schmalen Räder auf denen ein hohes Gewicht lastete, hatte das im besten Fall Knochenbrüche zur Folge, oft schlimmer: zerquetschte Organe, in der ganzen Linie der Fahrspur. Trafen einen zuvor auch noch die Hufe der Pferde kamen punktuelle Verletzungen hinzu deren Aumaß meist erst die Autopsie zeigte.

    "Hat jemand gesehen wie es passiert ist?" fragte er laut in die Menge. "Und kann bitte jemand die Wache rufen und die Kutsche aufhalten?" Seine Stimme war laut und bestimmt. Er war es gewohnt, dass man auf ihn hörte. Sein Handwerk hatte er im Krieg gelernt, da diskutierte man nicht lange was sinnvoll war und was nicht.

    "Habt ihr etwas beobachtete Me'Dam?" Fragte er die rothaarige. Deutlich leiser, um sie nicht bei der Arbeit zu stören. Sie würde ihm schon antworten sobald sie konnte.

  • Siral lauschte aufmerksam den Worten der Zuckerbäckerin. Eine fähige Hilfe in der Küche...

    Coralyne ordnetete diese Möglichkeit als denkbar schwer umsetzbar ein, doch hatte er nicht vor kurzem seinen Küchenjungen wegen einer Auseinandersetzung mit einem Kunden vorerst entlassen müssen um den Achein zu wahren, dass der Markthändler recht behalten sollte?

    Turlid kannte sich zwar nur mit der samanharitanischen Küche aus, dennoch würde er ihn als nicht ungeschickt bezeichnen. Die Frage dabei war, welche Ansprüche Me`Dam Coralyne an ihre Angstellten hatte.

    Siral strich sich noch einmal über den Bart. Am Liebsten hätte er seine eigene Hilfe angeboten, doch er selbst hatte mit dem Teehaus und dem Feenhandel schon soviel zu tun, dass er inzwischen seinen Schlaf einbüßte. Auch wenn es ihn durchaus reizte ihre Art des Backens und vor allem Techniken ferner jenen aus seiner Heimat einmal kennenzulernen und ihr bei dieser misslichen Lage auszuhelfen, so musste er doch der Tatsache ins Auge sehen, dass er nicht drei Geschäfte gleichzeitig unterstützen konnte. Aber vielleicht auf eine andere Art...


    Siral ließ Coralyne aussprechen. Folgte ihrem Blick, hinab zu ihrem Fuß, nicht. Er glaubte ihr das durchaus und es geziemte sich nicht seinen Blick zu senken. Stattdessen schickte er seine Bedienung mit einem kurzen Deuten zu einem Kunden und wandte sich dann wieder seiner Geschäftspartnerin zu.

    " Da gebe ich dem Heiler durchaus recht... ihr solltet Euch schonen." nickte er zu der Erklärung, während sie die Tasse zum Mund führte. " Aber sehe ich ebenso eure Missliche Lage..." Der Samhare ließ die Hand sinken und trommelte auf seinem Unterarm herum.

    "Insofern, ihr nicht genügend Mittel auf der Seite habt, um Euch diese Ruhe zu gönnen, so sehe ich da zweierlei Möglichkeiten die ich Euch anbieten könnte." begann er geschäftlich, wenn auch sein Mund zu einem recht spitzbübigem Lächeln verzogen war.


    " Bei Ersterem, hätte ich noch einen Küchenjungen in der Hinterhand... den ich auf beschränkte Zeit freistellen musste, wegen eines Missverständisses mit einem Kunden. Aber er ist fleissig, ehrlich. Spricht annehmbar für den Verkauf und bräuchte nur Eure Anleitung. So könntet ihr Euer Geschäft dennoch öffnen." Siral nahm die Hände auf der Tischkante zusammen.

    " Oder so ungebührlich es im ersten Moment klingen mag. Ihr bezieht hier ein Quartier, sofern Euch die Geräuschkulisse nicht stört und ihr für die späten Abendstunden etwas Watte für Eure Ohren bereithaltet und führt Euer Geschäft von hier aus.. im Sitzen natürlich und hättet Zugang zu meiner Küche, meinem Koch und meinem Lager und ihr verweisst Eure Kunden mit einem Schild an Eurer Tür hier her für die Zeit Eurer Genesung. Oder wir vereinen diese beiden Möglichkeiten. " Sein Lächeln verbreitete sich etwas, als er vor hatte, seine Hintergedanken kundzutun.

    "Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mann, Me`Dam Coralyne. Solch ein Angebot kommt auch diesmal nicht uneigennützig. So würde vielleicht ein anderer Kundenstamm auf mich aufmerksam werden, ihr lehrt meinem Koch ein wenig Sorgfalt, aber im Gegenzug hättet ihr womöglich weiterhin Eure Einnahmen. Ich würde mich ja gerne selbst als Aushilfe anbieten, doch ich fürchte, das endet hier in einer Unordnung, wenn ich zu lange mit Abwesenheit glänze."


    Und in diesem Moment, drang durch die geöffnete Türe der Aufruhr von draußen, dass Siral aufblickte und die Frau, die im Begriff gewesen war einzutreten, gebannt den Blick nach draußen gerichtet, wieder nach draußen verschwand. Abgesehen von den paar Münzen die ihm nun wohl entgingen, sah Siral vorerst keinen weiteren Grund zur Beunruhigung. In diesem Viertel, gab es oft dergleichen Tumult, Auseinandersetzungen, oder Geschrei. Und das Unterstützte seine Worte von zuvor noch einmal, dass Coralyne sich selbst überlegen musste, ob sie die Unruhe hier in Kauf nehmen wollte.

    " Wie ich schon sagte..." brachte er sich wieder gedanklich zurück an den Tisch. "Ich würde Euch ein ebenerdiges Zimmer herrichten lassen, sofern Euch das helfen würde." Dann würde er zwar Zustran oder sich selbst ausquartieren müssen, aber die Treppe hinauf, kam sie unmöglich um zu den anderen Zimmern zu gelangen und er konnte ihr ja unmöglich die Besenkammer anbieten.

  • „Lasst mich durch, ich bin Arzt.“ Die Worte sickerten nur am Rande zu Emyja durch, ebenso die gebellten Befehle, die darauf folgten. Die Kutsche. Ja, die war sicher längst über alle Berge. Sicher irgendein Adliger, der sich nicht damit belasten wollte, was er angerichtet hatte. Und ohnehin in Eile, nicht? Emyja gab sich dem Zorn hinter dem Gedanken nicht hin, dazu wäre später Zeit, doch jetzt brauchte sie all ihre Konzentration.

    Die Fingerspitzen ihrer Linken ruhten auf der Stirn des Mannes, die ihrer Rechten auf der breiten Brust. Das Hemd hatte sie mit einem Ruck geöffnet, für Knöpfe fehlte die Zeit und der Schaden ließ sich leichter beheben. Die Statur des Verletzten war kräftig, vermutlich ein Matrose und diesem Umstand hatte er zu verdanken, dass er den Zusammenprall mit der Kutsche überhaupt bis jetzt überlebt hatte. Er war gut in Form, seine Muskulatur hatte vieles abgefangen. Dennoch war er bewusstlos und Emyja war sich sicher, dass er ordentlich was auf den Kopf bekommen hatte. Das war mehr als eine Beule, doch es würde ihn nicht umbringen. Viel kritischer war das, was sie unter der breiten Brust spürte. Hier sammelte sich in raschem Tempo etwas, was für ihre Magiesicht Wasser statt Luft war.

    Sie fühlte weiter in den malträtierten Körper hinein und zugleich nahm ein Teil ihrer Selbst war, dass jemand in ihre Nähe kam. Richtig, sie hatte etwas von Arzt vernommen und nun, da sie sich ein wenig mehr auf das knozentrierte, was um sie herum war, hörte sie auch seine Frage. „Habt ihr etwas beobachtet Me'Dam?" Was genau außer einem Haufen kaputtem Mensch er wohl meinte? Sie schluckte eine bissige Antwort hinunter und zwang sich dazu, aufzublicken. Vor sich sah sie einen Mann mittleren Alters, dessen Züge von der Zeit markant gemacht worden waren. Er strahlte die sichere Ruhe von jemandem aus, der schon so einiges erlebt hatte und Emyja beschloss, dass sie eventuell ein wenig Hilfe hier brauchen könnte.

    „Ein schwerer Schlag gegen den Schädel, mehrere gebrochene Rippen, die rechte Seite des Brustkorbes dehnt sich nicht mehr. Ich höre Flüssigkeit und er atmet nur noch schwach.“, ignorierte sie seine Frage, um ihm statt dessen mit jenen Informationen zu versorgen, die jetzt wichtiger waren. Der Matrose war von der Seite in die Kutsche gelaufen und daher nicht komplett überrollt worden. Glück oder Unglück würde sich noch weisen, aber dazu musste sie – oder mussten sie beide – jetzt richtig handeln. Emyja blickte noch einmal kurz auf den Mann hinab, ließ ihre Finger von der Brust über den Bauch ziehen. „Quetschung des unteren Bauches, aber keine weiteren Blutungen.“ Wie sie anfangs schon gestgestellt hatte, war seine Muskulatur ein Lebensretter. Den Bruch im Unterschenkel erwähnte sie nicht, da der sicher unangenehm, doch nicht lebensbedrohlich war. Doch sie konnte auch nicht ausschließen, dass weitere Organe schaden genommen hatten. Erstmal jedoch war das Offensichtliche zu behandeln.

    Sie hob erneut den Blick und suchte in dem fremden Gesicht nach Einsicht, dass hier Eile geboten war. „Die Flüssigkeit muss aus dem Brustraum. Habt ihr sowas schon einmal gemacht, Me'Syr?“ Und dann die nicht gesprochene Frage: Wo sollten sie hin mit ihm? Sie konnten ihn sicher nicht auf offener Straße behandeln.

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    Timeline

  • Arviijd kniete nun neben dem Verletzten um begann seine eigenen Überprüfungen durchzuführen, Nicht, dass er der Frau nicht vertraute, manches musste man mit eigenen Augen sehen.

    Der schwere Schlag gegen den Schädel und die anhaltende Bewusstlosigkeit des Mannes machten ihm Sorgen. Er zog vorsichtig dessen Augenlider auf. Das Licht war dürftig, aber mit einem Spiegel... er betastete seine Taschen, auf der Suche... verdammt. Das war seine Ersatzkleidung. Immer noch. Also kein Spiegel. Wäre er selbst ein Hexer gewesen hätte ein einfaches 'Lumae' genügt.

    Trotzdem führte er den Test durch. Der Patient reagierte wie erwartet... oder besser befürchtet? Nur eine Pupille reagierte, die andere war ungesund unrund. "Verdammt!"

    Erst jetzt registrierte er die Erklärung und die anschließende Frage der Frau. Richtig, das charakteristische Pfeifen eines eingefallenen Lungenflügels, wenn Blut in den Raum zwischen den Rippen sickerte. Ein scheußliches Gefühl. Er kannte es aus eigener Erfahrung.

    "Eine Thoraxdrainage... Verdammt... Ja, ich habe soetwas schon gemacht. Nicht nur einmal. Ich bin Feldchirurg. Aber eine ruhigere Umgebung brauche ich trotzdem. Mein Labor ist zu weit weg." Er sah sich kurz um und sein Blick blieb an dem Teehaus hängen. Es war die einzige Möglichkeit.

    "Dort rein, dass ist ein Teehaus. Die verfügen über heißes Wasser, Besteck und Alkohol."

    Arvijd war ein Profi, auch wenn es schon eine Weile her gewesen war, dass er das letzte Mal auf diese Weise ein Leben hatte retten müssen. Deshalb graute ihm vor dem, was er nun unter ungünstigen Bedingungen würde tun müssen.

    Er hatte junge Sanitäter gesehen, die sich mit schon beinahe perverser Begeisterung auf einen Pateinten gestürzt hatten nur um endlich all das erlernte in die Tat umsetzen zu können und dabei vollkommen vergessen hatten, dass es ein verletzter Mensch war. Es war ihnen kaum zu verdenken, die Möglichkeit auch ohne Magie zu beherrschen einen Menschen zu beatmen, ein Herz wieder zum Schlagen zu bringen - dennoch bleib ein schaler Geschmack zurück wenn er an diese Zeit dachte. Vielleicht auch in Erinnerung daran, wie sie geendet hatte.

    Die Frau hatte ihm sehr fachkundig geantwortet, wie ihm nun auffiel, als sie den Mann hochhievten um ihn ins Teehaus zu tragen. Sie war also ausgebildete Heilerin und wahrscheinlich auch praktizierend, also nicht nur mit einem Talent versehen das ungeschult schlummerte. Gut, sie war vermutlich zu einigen Dinge in der Lage die ihm verwehrt waren und die ihm den Eingriff erleichterten. Blutungen zu stillen vielleicht... Konnte man mit Magie auch Erreger von Krankheiten beseitigen? Konnte sie sehen was er tat wenn er schnitt, wie... wie ein paar Augen die durch Gewebe sehen konnten?

    Er hatte das noch nie mit einer Hexe erörtert - bisher.

    Er selbst hatte den schwereren Part des Patienten übernommen, den Oberkörper, auch um sicherzustellen, dass Kopf und Nacken gestützt wurden während sie ihn trugen. Auf weitere Verletzungen des Rückens und der Extremitäten konnten sie jetzt keine Rücksicht nehmen, der Mann musste weg von der Straße.

    Dann musste er sich zuerst um die Lunge kümmern, danach würde er weitersehen.

    Ihm graute vor der Aussicht eine Trepanation durchzuführen, unter diesen Bedingungen.

  • vom Hafen.


    Vajdán hatte den Nebeneingang genommen der ihn am wenigsten mit dem überall präsenten Feeneisen in Berührung brachte. Was das zu bedeuten hatte wurde ihm nun klar. Eisenkraut, Feeneisen, all das zeigte nicht umsonst Wirkung auf ihn, doch aus genau diesem Grund hatte er sich nun auch entschieden hier zu bleiben. Es schützte ihn auch. Vielleicht nicht vor dem Feenkönig selbst, doch möglicherweise vor seinen weniger mächtigen Helfern - und nicht zuletzt auch vor dem Verdacht, selbst eine Fee zu sein.

    Er hatte sein Zimmer betreten und als erstes den Spiegel abgehängt und mit dem Tuch darüber vor die Türe gestellt. Er hätte ihn auch zerschlagen können, doch er wollte keinen Schaden anrichten und hätte er vorgegeben, es wäre ein Versehen gewesen, so hätte Dunija ihm vermutlich einen neuen gebracht. So Würde die gute Frau wohl vermuten er sei plötzlich abergläubisch geworden oder sich sonst einen Reim darauf machen, aber sie würde wohl verstehen dass dieser Gast keinen Spiegel wünschte.

    Dann hatte er sich entkleidet, noch einen prüfenden Blick auf den Schnitt an seinem Arm geworfen. Er würde sich am nächsten Tag eine Salbe besorgen müssen, doch jetzt wollte er schlafen.

    Das erste Mal seit Tagen hatte er eine dienstfreie Nacht.


    In seinem Traum war er zurück im Feenreich - der besser: einem Abbild davon in seiner Erinnerung. Er sah seinen Vater wieder, der verzweifelt versuchte, seinem Sohn etwas Verstand und Gewissen einzutrichtern. Immer wieder wiederholte er die Worte:

    "Du bist anders! Du bist keinern von ihnen! Du bist ein Mensch!"

    Dem missratenen Bengel, Sohn einer hohen Feen, geboren ohne jedes Verantwortungsgefühl nur mit dem unermüdlichen Drang gestraft nach Ablenkung zu suchen, Aufregung und Emotionen, ganz wie die Feen in deren Welt sie lebten nach den Gefühlen der Menschen jagten. Sein Vater hatte ihn wegholen wollen aus dieser verfluchten Welt des Mondes, doch der Sohn war viel zu angetan von der Schönheit der Feen, der Magie, die ihr Leben bedeutete, dass er um keinen Preis der Welt gehen wollte. Nicht zu den Menschen, diesen hässlichen und minderwertigen Kopien...

    "Du bist anders! Du bist keinern von ihnen! Du bist ein Mensch!"

    Weitere Bruchstücke.


    Früh morgens, lange vor Sonnenaufgang war Vajdán erwacht, ein Klopfen an seiner Tür hatte ihn aus dem Schlaf geholt - aus tiefem Schlaf und er war nicht annähernd so erholt erwacht wie er es sich erhofft und gebraucht hätte.

    Eine bekannte Stimme, jedoch ungewohnt in dieser Umgebung. Sie gehört Feldwebel Rahlan.

    "Leutnant Jaromer? Seid ihr wach?" er wartete nur kurz ab. "...ich weiß, ihr habt keinen Dienst, aber es gibt etwas, dass ihr euch ansehen solltet."

    "Kommt herein, es ist offen. Ich ziehe mich nur eben an."

  • Rahlan mußte den abgedeckten Spiegel draussen gesehen haben, doch er kommentierte ihn zumindest nicht.

    Vajdán stand bereits vor seinem Schrank, noch in Unterhosen.

    Dass der Kollege nun freien Blick auf seine Narben hatte war ihm egal. Schamgefühl kannte er nach wie vor nicht.

    Er legte den Mantel beiseite, eigentlich ein Beweisstück, das er mitgenommen hatte, er würde es irgendwann abgeben müssen - Rahlan schien ihn jedoch nicht zu bemerken, sein Blick ruhte eindeutig woanders.


    Nur wenige Augenblicke später trug er seine Dienstkleidung.

    "Der Befehl kommt von Hauptmann Marijan..." begann Rahlan mit seinen Erklärungen "Ist alles in Ordnung?"

    War dem Kollegen die Veränderung seit gestern aufgefallen?

    "Ich habe nur schlecht geschlafen und bin sehr früh von einem Klopfen geweckt worden." Vajdán lächelte schief, damit sollte alles gesagt sein, zur Sicherheit legte er ein weniger seiner besonderen Überzeugungskraft in seine Worte - mittlerweile wusste er darum und konnte es auch bewusst und dosiert einsetzen und Rahlan schluckte die Erklärung.

    "Worum geht es?"

    "Es hat in der Nacht einen Brand gegeben, wir fahren direkt dorthin."

    Rahlan wollt ihn bereits durch's Gasthaus führen doch Vajdán winkte ihn zum Hintereingang.

    Dran, wie es wohl aussehen mochte für die Gäste - ein Feldwebel erkundigte sich nach ihm, sie verließen das Gasthaus dann aber durch den Hinterausgang - daran verschwendete er keinen Gedanken.

    In der Straße wartete ein Kutsche auf sie.

    "Es brennt öfter in der Stadt, was ist an diesem besonders?"

    "Das ganze Anwesen der Familie Kartara ist abgebrannt. Und zwei angrenzende Gebäude."

    "Brandstiftung?"

    "Wahrscheinlich.

    "Tote?"

    "Ja, Acht. Der Hausherr, seine Tochter, zwei Angestellte und eine Zofe sowie drei Nachbarn."

    "Gibt es Zeugen."

    "Ja."

    "Dann dürfte das doch eine kurze Ermittlung werden."

    "Das eben ist es ja... Hier ist die Abschrift seiner Aussage."

    Er reichte Vajdán ein Papier während sie die Kutsche bestiegen. Der nahm die dünne Mappe und las zunächst ohne weitere Fragen zu stellen.


    Ein Bediensteter der Familie hatte die Aussage gemacht, er war in der Nacht noch in der Küche beschäftigt gewesen, das hatte wohl sein Leben gerettet.

    Was er zu Protokoll gab klang aber mehr als abstrus.

    Er behauptete, einen wahrhaftigen Dämon gesehen zu haben, eine Fledermaus, aber von der Größe eines Menschen oder sogar noch größer, und mit Tentakeln.

    Mehrmals runzelte Vajdán die Stirn über die Worte.

    Auf die Nachfrage des Diensthabenden Gefreiten ob es sich dann vielmehr um einen Kraken gehandelt habe, erwiderte der Zeuge in voller Überzeugung: 'Nein, um eine Fledermaus! ...mit Tentaklen'. Und diese sei vom Haus weg geflogen. Was ihm aber komisch vorgekommen war, sie habe sich aufrecht gehalten wie ein Mensch, nicht wie eine echte Fledermaus, die doch eher flach flog. Hier war eine fliegende Handbewegung des Zeugen notiert.

    "War er betrunken?"

    "Zum Zeitpunkt als wir ihn vernommen haben schon. Er hat, nachdem er sich aus den Flammen hatte retten können wohl von einem aus der Brandbrigade eine Flasche Rum bekommen und diese auf den Schreck hin komplett geleert."

    Vajdán runzelte die Stirn.

    "Also ein betrunkener Verrückter?"

    Er hat die gleiche Geschichte auch zuvor jedem erzählt. Die Männer Brandbrigade die als erste vor Ort waren hat er wohl alle gefragt, ob sie diesen Dämon denn nicht gesehen hätten. Da war er noch nicht betrunken."

    "Ein mitteilsamer Verrückter?"

    "Und unabhängig von ihm gingen aber aus der ganzen Stadt Meldungen ein, dass ein sehr großer brennender Vogel Richtung Hafen geflogen sei."

    "..."

    "Ein wirklich sehr großer Vogel."

    "Ihr habt den Vogel selbst auch gesehen?"

    Rahlan zuckte mit den Schultern, er wollte dazu wohl nicht Stellung beziehen.

    "Aber ihr glaubt dem Zeugen?"

    "Ja. Ich halte ihn für glaubwürdig. Ich habe da so einen Sinn, der trügt mich meist nicht."

    Das war in der Tat merkwürdig. Ein Zufall? Nur einen Tag nachdem...

    Vajdán biss sich auf die Unterlippe.

    Wie viel konnte der König bewerkstelligen? Konnte er aus einem Menschen einen Dämon machen?

    Sie hatten das Anwesen Kartara erreicht.

    Die Kutsche hielt mit einem Ruck an und der Kutscher ließ sie aussteigen.


    ...weiter dann hier.

  • »Ich …«


    Für einen Moment war Coralyne zu überrascht, um ein Wort hervorzubringen. Sie hatte gewiss vieles erwartet, aber kaum ein Angebot von einer solchen Tragweite. Davon abgesehen, dass sie gewiss nicht davon ausgegangen war, im Teehaus zu wohnen, wenn auch nur für eine gewisse Zeitspanne.


    »Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Me’Syr Siral«, antwortete sie schließlich und fasste nachdenklich nach ihrem Tee. Es entsprach den Tatsachen. Coralyne besaß keine Antwort, die sie auf der Stelle hervorbringen konnte. »Ich habe gewiss nicht mit diesem Angebot gerechnet.«


    Sie wollte es nicht als großzügig bezeichnen, denn sie bezweifelte, dass er selbst es als solches empfand. Sein Hinweis darauf, dass es keineswegs uneigennützig sei, deutete dies bereits an. Dennoch … Coralyne lächelte und nippte an dem heißen Getränk. Eine gewisse Großzügigkeit konnte der Teehausbesitzer sich kaum absprechen, wenngleich er versuchte, sie hinter dem Gebaren eines Geschäftsmannes zu verbergen.


    Unschlüssig blickte Coralyne auf den restlichen Tee und ein Seufzen kam über ihre Lippen. Wie im Namen der Lichtherrin sie die Besonderheit ihrer Süßspeisen in einer fremden Küche erschaffen sollte, erschloss sich ihr nicht. Außer, der Koch und seine vermutlichen Gehilfen waren beschäftigt genug, um ihre besondere Zutat nicht zu bemerken. Zumal es auch schwierig werden dürfte, ihren Huf zu verstecken, wenn sie sich länger hier aufhielt.


    Die Zuckerbäckerin nagte an ihrer Unterlippe, eine unbewusste Geste, die sie sich längst abgewöhnt hatte - die jedoch immer wieder ans Tageslicht drängte, wenn sie vor einer schwierigen Entscheidung stand.


    »Ich bin unsicher, Me’Syr Siral«, sagte sie schließlich und hob die Schultern. »Euer Angebot ist verlockend und ich bin nicht dumm genug, zu glauben, dass es genügen würde, einen Küchenjungen zu beschäftigen, auch wenn … ich seine Hilfe dringend brauche.«


    Eine Hilfe, die sie sich womöglich leisten konnte, wenn sie das Angebot des Samharen annahm … und gewiss nicht, wenn sie es ausschlug und ihr Verdienst ausfiel. Coralyne kämpfte sichtlich mit ihrer Entscheidung und sie verbarg es nicht. Was sollte sie tun? Wie sollte sie ...?


    Oh, verflucht …


    »Ich bleibe.«


    Ein kurzer Entschluss und Coralyne konnte selbst kaum glauben, dass er über ihre Lippen gekommen war.


    Oh, Coralyne Avélan, du dumme Gans … was hast du getan?


    Zu spät.


    Sie sah zu Siral auf, Worte auf der Zunge, die verstummten, als sie des Aufruhrs vor dem Teehaus gewahr wurde.

    My soul is painted like the wings of butterflies
    Fairy tales of yesterday, grow but never die

  • ...Feldchirurg. Als der Fremde dieses Wort aussprach, schwappte die die Stimme von Emyjas Mutter aus der Vergangenheit heran. „Diese Metzger!“ Sie hatte sich regelmäßig in den blumigsten Wutausbrüchen darüber echauffiert, wie eben jene „Metzger“ an den Soldatenkörpern wüteteten und am Ende sie die Schäden so gut es ging beheben musste. Oder sich darüber beklagte, wenn Gliedmaßen einfach „abgehackt“ wurden, obwohl man hätte vielleicht noch was retten können. Nein, ihre Mutter hatte selten ein gutes Haar an jenen gelassen, die doch eigentlich nur unter den widrigen Umständen eines Feldlazaretts ihr Bestes gaben, um Leben zu retten. Aber so war sie nun einmal gewesen und hatte Emyja diese Ansicht oft genug mitgeteilt, damit diese nun zumindest für den Bruchteil eines Augenblicks die Stirn kraus zog. Ob der Andere es bemerkte, war fraglich, denn er prüfte weiter selbst den Zustand des Matrosen und schien nicht glücklich. „Der Druck in seinem Schädel ist noch normal.“, informierte sie ihn fast schon ungelduldig. Sie arbeitete selten mit einem anderen Heiler zusammen und es machte ihr Mühe, dem Fremden Zeit zu lassen, sich selbst ein Bild zu machen. Zu drängend war die Maßnahme, die hier nötig war. Aber ihr war auch bewusst, dass es besser sein würde, die Aufgaben zu teilen. Und zumindest zeigte ihr seine Reaktion, dass er sich darüber im Klaren war, dass das eine schwerer Eingriff unter den schlechtest möglichen Voraussetzungen werden würde.

    Dann machte er endlich Anstalten, den Patieten anzuheben. Wie selbstverständlich schnappte er sich dabei den schweren Oberkörper des Matrosen und überlies Emyja die Beine. Die junge Heilerin mochte zierlich wirken, aber sie konnte durchaus anpacken. Kurz flog ihr Blick zurück zu dem Teehaus, wie sie jetzt gelernt hatte, und klemmte sich dann je einen Oberschenkel unter die Arme, um sich ohne weiteres dorthin auf den Weg zu machen. „Mein Name ist Emyja.“, warf sie dem Älteren über den schlaffen Körper hinweg derweil zu, denn man sollte einander beim Namen nennen können, wenn es darum ging, Anweisungen zu tauschen. „Ich komme gerade von einem Patienten und habe das meiste dabei, was wir benötigen werden.“, fügte sie hinzu ohne aus dem Tritt zu kommen oder außer Atem zu geraten. Sie war ganz andere Dinge gewohnt. Emyja bemühte sich, in den gleichen Schritt wie ihr neuer Bekannter zu fallen, um die Erschütterungen für den Verletzten zu minimieren.

    Geschickt manövrierte sie mit der Hüfte die Tür zum Teehaus auf, warf einen kurzen Blick in den Raum und entschied sich für einen Tisch, der im Vergleich innerhalb des Raumes halbwegs hell war. Mit einem beherzten Tritt beförderte sie alle Sitzgelegenheiten auf dieser Seite aus dem Weg, setzte dann zuerst die Hüfte des Matrosen auf dem Tisch ab und fegte im nächsten Moment mit einer herrischen Bewegung Tischdekoration und sonstigen Tand von der Fläche, damit der Arzt auch den Oberkörper ablegen konnte. Kaum von der Last befreit, zog sie ein anderes Tischchen heran, nahm ihre Tasche ab und legte sie darauf. Die Tasche war ein Erbstück und so aufgebaut, dass man sie mit einem Griff entrollen konnte. Aufgefaltet hatte man den Überblick über diverse Instrumente, Phiolen, Beutel und Hilfsmittel aller Art. Sie nahm erst in rascher Folge einige Töpfchen zur Hand und roch am Inhalt, dann griff sie nach einem Lederetui, löste das Band und öffnete es so, dass der fremde Arzt hinein sehen könnte. Einer ihrer größten Schätze war darin verborgen: 5 feine Glasröhrchen verschiedener Dicke, die erste so fein, dass man damit den Wasserkopf eines Neugeborenen punktieren konnte, die letzte dick genug, um Flüssigkeiten abzulassen, die sich manchmal bei Geschwülsten im Körper bildeten. Sie waren von einem Meister in Celais angefertigt worden und hatten schon ihrer Mutter gehört. Ein Ende scharf geschliffen, dass andere mit identischer Verdickung, sodass ein hölzernes Mundstück darauf passte, welches ebenfalls im Etui steckte. Es hatte die Form eines T und war im Inneren so konzipiert, dass man mit dem Mund einen Unterdruck erzeugen konnte und jedwede Flüssigkeit zur anderen Öffnung heraus fließen würde. Sie blickte den Mann fest an. „Diese Drännadeln sind ein Vermögen wert.“, setzte sie ihn in Kenntnis. Emyja hatte eben doch teilweise auch die Meinung ihrer Mutter erlernt und sie würde ihn fachgerecht filettieren, würde er ihre Ausrüstung beschädigen. Sie ließ ihn jedoch zunächst nicht zu Wort kommen und setzte nach: „Wenn Ihr den Eingriff vornehmt, kann ich ihn stabilisieren, die Blutung unter Kontrolle halten und wenn Ihr es wünscht Euer Auge sein. Ich sehe – anders.“ Schwer zu erklären. Sie würde auch alles tun, aber die Chancen für den Matrosen standen besser, wenn sie sich ganz auf seine Lebensfunktionen konzentrieren könnte. Sie war keine mächtige Hexe, die Elemente gehorchten ihr kaum, doch es musste reichen. Sie trat auf die andere Seite des Tisches, überließ es dem Arzt über ihre Ausrüstung zu verfügen und bereitete sich darauf vor, sich wieder in den vor ihr liegenden Körper zu versenken.

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  • Den Vorbehalt der jungen Frau, halt, sie hatte sich ja vorgestellt, Emyja bekam Arvijd nicht mit, zumindest nicht ihr Stirnrunzeln. Sehr wohl jedoch die Ungeduld, die sie ihm gegenüber an den Tag legte. Allerdings bezog er dies mehr darauf, dass er als Mensch in ihrem Augen wohl taub und blind sein mußte.

    "Ich bin Arvijd." stellte er sich ebenso informell vor. Dies war ein Notfall, Standesdünkel waren fehl am Platz.

    Dass sie im Teehaus Missfallen erregen würden war ihm durchaus klar, doch vorerst hatte es Vorrang, das Leben des Matrosen zu retten. Als ahnte sie seine Frage - oder interpretierte sie nur seine Untersuchungen? Informierte ihn Emyja darüber, das der Hirndruck noch normal sei. Sehr gut. Vielleicht also nur eine Gehirnerschütterung. Also war es das wichtigste Ziel, die Lunge wieder aufzublasen.

    Für eine Hexe war Emyja erstaunlich weltlich ausgestattet. Vermutlich waren ihre Kräfte eher schwach ausgeprägt. Der alte Arzt kannte auch die Taschen von Hexen in Gemea, darin befand sich in der Regel allerlei für ihn vollkommen unnützer Kram, Amulette, Steine und Talismane. Sicher mit Magie aufgeladen aber für einen Menschen unbrauchbar. Gutes Werkzeug dagegen wusste er zu schätzen. Den Hinweis, dass die Röhrchen ein Vermögen wert waren quittierte er mit einem Lächeln. Er hatte das fast angenommen. Irgendwo lag seine eigene Tasche... eine von mehreren, und die waren auch immer ähnlich ausgestattet.

    "Gut. Ich habe schon mit magiekundigen gearbeitet. Versuch den Kreislauf stabil zu halten. Wir arbeiten ohne Betäubung. Er wird den Schmerz spüren und Blutdruck und Puls werden steigen, vielleicht wacht er sogar auf. Er muß aber vollkommen ruhig liegen. Wenn der Blutdruck plötzlich fällt habe ich vielleicht ein größeres Blutgefäß erwischt. Ich gebe mir zwar große Mühe... aber man kann nie wissen. Kannst du so eine Blutung dann stillen?"

    Er blickte sich kurz um.

    "Dann brauchen wir nur noch Alkohol. So reinen wie möglich. Und gern auch einen Schnaps!"

    Wandte er sich nun an Siral, den er bisher ignoriert hatte.

  • Sie wirkte von seinem Angebot sichtlich überrascht, doch ganz abgeneigt schien sie auch nicht. Denn sonst hätte sie wohl sogleich verneint. Hätte er nocheinmal deutlich machen müssen, dass es sich hierbei wirklich nur um ein Angebot handelte? Dass sie es nur annehmen musste wenn sie sich damit wohl fühlte? Oder war es ihr gar zu unsittlich?

    In seinen Augen war nichts verwerfliches daran, abgesehen davon, dass er ihr sein Zimmer angeboten hätte, wie es die Höflichkeit gebot, aber vor allem damit sie nicht die Treppe erklimmen musste. Doch das hatte er noch nichteinmal genauer ausgeführt.

    Vielleicht hatte sie die Befürchtung wie sich solch eine offensichtliche Geschäftspartnerschaft, auf ihren Ruf auswirkte... oder es fiel ihr schlicht schwer eine Hilfe dieser Art anzunehmen? Jedenfalls haderte sie mit sich selbst.

    Siral ließ Coralyne die Zeit die sie brauchte doch sie entschied sich dann doch sehr abrupt.

    Er begegnete doch ein wenig überrascht ihrem Blick, dann erblühte ein zufriedenes Lächeln auf seinen Zügen. Noch nicht bedenkend wie sich das alles mit seinen Umständen hier vereinbaren ließ, dennoch erfreut.

    "Meine Küche, ist Eure Küche, Me`Dam Coralyne." bekam er gerade noch heraus, da flog die Türe auf und ihrer beider Aufmerksamkeit lag diesmal auf den Personen die eine Dritte zwischen sich in sein Teehaus trugen.


    Unwillkührlich hatte sich der Teehaus besitzer langsam erhoben. Zustran der näher am Geschehen gewesen war, lief schon Kopfschüttelnd mit einem Lappen in der Hand durch die Tische. Wedelte mit den Händen und fing einen der kleinen Sitzhocker auf, den die rothaarige Frau achtlos beiseite geschoben hatte.

    " Ich verbitte mir diese Anmaßung. Das ist keine Heilerstube oder irgendeine Kaschemme! "tat er mit seinem starken Akzent seinen Unmut kund. Doch von hier aus war die Lage abgesehen davon, dass sein Ziehonkel erboßt über die Dreistigkeit war, nicht weiter zu beurteilen.

    "Entschuldigt mich einen Moment." meinte das Dschinnblut an die Zuckerbäckerin gewandt, den Blick noch immer auf das Geschehen gerichtet, bevor er sich eilig in Bewegung setzte.

    Auch wenn Siral es ganz und garnicht schätzte, dass man so achtlos mit seiner Einrichtung umging, so Dringlinglich schien dennoch die Situation. Siral hielt Zustran am Arm zurück, als er sich nun deutlicher Einmischen wollte. Doch Siral erkannte. dass es sich hier keineswegs um einen Trunkenen handelte, der einfach so wieder weggeschickt werden konnte. Auch wenn es ihm nicht zusagte, was er da gerade zu sehen bekam und vermutete.

    " Hol Laken.. und Dunjia." schickte er den älteren Samharen weg beim Blick auf die Gerätschaften, die die Frau gerade ausgepackt hatte. Zustran bekam so die Möglichkeit sich abzuregen und mittels der Tücher konnten sie vielleicht die Teppiche und Möbelstücke vor Schaden bewahren.

    "Sollten gerade Zwei Heiler, nicht den Alkohol bei der Hand haben?" erkundigte er sich spitz, als der Mann auch noch Schnaps als Trunk forderte. Er war durchaus Gastfreundlich, doch blieb er hier womöglich auf all dem sitzen, was die beiden hier veranstalteten oder ruinierten. Doch er war bereits dabei aus einer niedrigen Anrichte eine bauchige Flasche herauszuholen und sie dem älteren Heiler zu reichen.

    " Etwas stärkeres hab ich nicht." meinte er ehrlich. Der Alkohol den er nutzte um die gezuckerten Früchte für spezielle Anlässe zu flambieren. Schade drumm... denn er rechnete nicht unbedingt damit dass man ihm diesen ersetzte. Er rückte sowohl in weiser Vorraussicht eine niedrige Sitzgelegenheit beiseite, als auch um den beiden Arbeitenden Platz zu machen.

  • "Ich bezahle auch."

    Arvijd lächelte nur kurz, und nahm die Flasche an sich.

    Zufrieden bekam er mit, wie der Inhaber seinen Angestellten um saubere Laken und noch eine helfende Hand schickte. Er hatte anscheinend verstanden.

    In der Zwischenzeit horchte Arvijd noch einmal sorgfältig den Brustkorb des Verletzten ab um die genaue stelle zu bestimmen, an der er die Drainage anlegen mußte. Dann tastete er an den Rrippenbögen entlang, prägte sich die entsprechende Stelle ein und begann schließlich erst den Patienten, dann die Instrumente, ein feines Messer und eines der dickeren Röhrchen, jedoch nicht das dickste - groß und stabil genug aber schmal genug um es zwischen en Rippen und den relativ kräftigen Zwischenrippenmuskeln hindurch zu schieben - mit dem wohlriechenden Alkohol zu desinfizieren.

    "Irgendwie schade drum." Kommentierte er, während er auch dran schnupperte.

    Dann war alles so steril wie es die Umstände erlaubten und Arvijd nahm selbst noch einen kräftigen Schluck - jedoch nicht direkt aus der Flasche, soviel Umsicht hatte er dann doch - er hatte sich ein herumstehendes Glas gegriffen.

    "Oj... der hat genau die richtige Konzentration." Keuchte er ob des starken Alkohols.

    Zuletzt desinfizierte er auch noch gründlich seine Hände indem er einen Schuss Alkohol auch in die Innenflächen, Fingerzwischenräume und Negelbetten einmassierte, all jene Stellen, die faltig waren und viele Keime beherbergen konnten.

    Ja, er war Profi, vielleicht schon mit einigen Jahren an Erfahrung zu viel.

    "Es kann losgehen."

  • Arvijd. Gut, damit hatte sie einen Namen. Das Lächeln hatte sie nicht erwidert und sie hörte ihm aufmerksam zu, als er sie wissen ließ, was er von ihr erwartete. Er ahnte ja nicht, wie weit weg es von dem war, was sie normalerweise tat und es war nicht die Zeit für Schauspielerei. „Nun, größere Blutungen werde ich so wenig aufhalten können wie Ihr, Arvijd. Also vermeidet es besser, ein großes Gefäß zu treffen.“ Ihre Stimme klang dabei, als müsste ihm das so leicht fallen, wie rückwärts zu gehen, aber das war nun einmal Fakt. Einer ihrer Mundwinkel zuckte kurz. Doch wenn es ein aufmunterndes Lächeln hätte werden sollen, dann starb es im Moment seiner Entstehung. „Auch wenn es langweilig ist, aber ich werde ihm Blutwurz und Knoblauchessenz geben. Seinen Kreislauf halte ich mit meinem aktiv. Er wird nicht erwachen.“

    Dann hob sie eine Braue, als er nach Alkohol verlangte, der offensichtlich nicht nur zum Desinfizieren gedacht war. Sie wollte gerade darauf hinweisen, dass ihre Tasche auch sehr hochprozentigen Alkohol enthielt, hielt jedoch inne und ihre Stirn bewölkte sich, als der wütende Samhare auf sie beide zugestürmt kam. Sie hob den Kopf und sah ihn mit sich vor Zorn dunkelgrün färbenden Augen an. „Wenn Ihr es vorzieht, dass die Stadtwache sich von Euch erklären lässt, weshalb Ihr in diesem Haus durch Eure Angst um ein paar Teppiche, einen Mann habt sterben lassen, dann packen wir selbstverständlich wieder zusammen.“ Die Worte kamen rasant und schneidend über ihre Lippen, doch eine Antwort blieb der Samhare schuldig, denn ein zweiter kam dazu und schickte ihn nach Laken. Und jemandem namens Dunjia. Sie hatten schon genug potenzielle Keimschleudern hier im Raum, doch bevor sie sich auch dazu äußern konnte, nahm Arvijd einen herzhaften Schluck und beschloss zu beginnen. Wieder zuckte eine Braue in die Höhe, doch wenn er mit Alkohol ruhigere Hände hatte, sollte es ihr recht sein. „Also los.“

    Sie legte wieder eine Hand auf die Stirn des Matrosen und die andere auf seine Brust. Sie konzentrierte sich auf den Herzschlag und die rasselnde Atmung des Mannes, blickte auf die pulsierenden Linien aus Leben, die ihn wie ein Netzwerk überzogen, manche heller, manche dunkler. Sie konnte nur wenig davon beeinflussen, doch sie konnte sein Leben an ihres hängen, sodass ihre Lebenskraft seine mit steuerte. Nebenwirkung war, dass sie sich schnell lösen musste, sollte Arvijd versagen. Sie nickte. Bereit.

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  • Mehr als einen Schluck durfte er sich nicht gönnen, aber der eine war dringen nötig. Arvid hatte einen gelinde gesagt furchtbar u nennenden Tag hinter sich und sollte nun ruhige Hände behalten um unter noch furchtbareren Bedingungen einen riskanten Notfalleingriff durchzuführen, der schon unter besseren Bedingungen oft genug fehlschlug.

    Er atmete noch einmal tief durch, schloss für einen Moment die Augen um sich zu sammeln, dann legte er den ersten Schnitt durch die Haut an, an der Stelle, die er sich eingeprägt hatte.

    Inzwischen lagen frische Laken bereit um das Blut aufzufangen, allerlei Schalen und irgendwo bereitete jemand wohl auch kochendes Wasser zu. Auch abgekochte Bandagen und Tupfer waren in greifbarer Nähe.

    Arvid tat den nächsten Schnitt in die Zwischenrippenmuskeln, er wollte nicht riskieren, dass das Glasröhrchen beim durchstechen brach. Nicht nur weil es teuer war, auch weil Splitter im Brustkorb die Heilung doch immens beeinträchtigen würden.

    Dann war er soweit dass er das Röhrchen ansetzen konnte. Mit einem Finger verschloss er die Öffnung, so dass sich Unterdruck aufbauen konnte, mit der anderen sauge er.

    Konzentriert bleiben, nicht ausatmen. Atemluft in seinem Brustkorb kann zu Infektionen führen.

    Der Schnitt war richtig gesetzt, das Blut begann aus dem Röhrchen zu fließen.

    Er hatten den Schnitt tief genug am Brustkorb angesetzt, dass der Rest der Schwerkraft folgte.

    Mit einer Spur Erleichterung beobachtete er, wie das Blut weniger wurde.

    "Wie ist sein Kreislauf, noch alles stabil? ...den Lungenflügel müssen wir wieder aufblasen, von selbst rückt sich der nicht wieder an Ort und Stelle... Freiwillige vor!"

  • Emyja stand fest auf dem Boden des Teehauses und lag zugleich auf dem Tisch.

    Herzen schlugen im Gleichtakt.

    Ihr Atem floss ruhig, füllte den verbliebenen Lungenflügel so gut, wie es ging.

    Fast spürte sie den Schnitt, doch es war nicht ihre Haut, nicht ihr Muskel. "Gut.", hauchte sie wie zu sich selbst. Perfekte Position und Tiefe. Sie fühlte das Blut fließen, bevor es das Röhrchen verließ. "Sehr gut." Die Worte kamen einfach so über ihre Lippen, anerkennend.

    Herzschlag. Bu-Bumm. Kräftiger jetzt, da der Druck auf den Muskel nachließ. "Ja."

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  • Emyja gab sozusagen das 'ok'. Langsam zog er das Röhrchen heraus. die Wunde verschloss er sofort, dass keine Luft statt des Blutes eindringen konnte, das wäre annähernd genauso fatal gewesen. Doch das Manöver gelang.

    "Keine Freiwilligen? Dachte ich mit schon..." murmelte er.

    "Ich werde ihn jetzt vorsichtig beatmen, damit sich der Lungenflügel wieder aufbläst."

    Er atmete noch ein paarmal tuef durch um die Sättigung seines eigenen Blutes zu erhöhen um nicht währenddessen selbst umzukippen, dann verschloss er mit einer Hand den bärtigen Mund des Matrosen und setzte seine Lippen an dessen Nase an. Auf Mund zu Mund Beatmung, vor allem bei einem Mann legt er keinen gesteigerten Wert.

    Er war nicht ganz leicht gegen den Atemwiederstand den Lungenflügel aufzublasen, normalerweise hätte er dazu einem Schlauch gelegt, doch Intubationsbesteck suchte er in der Tasche vergebens. Es mußte also so gehen, immerhin hielt die junge Hexe den Patienten ruhig und stabil, es sollte also gelingen. Vorsichtig übte er durch die Kraft seiner eigenen Lungen Druck aus, verstärkte so den Atemzug des Matrosen. Zug um Zug blies sich so auch der Lungenflügel wieder auf und füllte den Raum. Bald schon konnte der Mann wieder normal atmen.

    Nun galt es nur noch die Wunde gut zu verschließen und sie konnten sich seinen übrigen Verletzungen zuwenden.

    Arvijd atmete keuchend ein. In solche Fällen spürte er sein Alter etwas zu deutlich.

  • Ihr Bewusstsein folgte sehr genau jedem einzelnen Wort, während sie weiter konzentriert daran arbeitete, den Matrosen stabil zu halten. Freiwillige vor. Vermutlich wäre es ihr sogar leichter gefallen als Arvijd, denn sie konnte den Körper des Patienten mithelfen lassen, aber sie hatte sich nicht gerührt. Nicht aus Böswill, sondern weil sie genau spürte, dass ihre Konstitution nicht mehr lange reichen würde. Der Tag war zu lang und entbehrungsreich gewesen, ihre magische Kraft nagte schon seit dem frühen Morgen an ihrer Substanz. Es reichte für heute. Dennoch riss sie sich zusammen, erfüllte gewissenhaft ihre Teil des Werkes und nahm ebenfalls war, dass auch Arvijd wankte, als er den Mann beatmet hatte. Richtig, sie durfte nicht glauben, dass nur sie lange Tage und schwarze Nächte hatte. Es war wohl das Los aller Heiler, welches wenig Schlaf und viel Arbeit brachte. Der Dienst an den Menschen bot selten Zeit zum Aufatmen, zumindest nicht, wenn man mit Herz und Seele dabei war.

    „In der Tasche ist Verium.“, sagte sie leise. Der kleine Helfer, den viele nutzen, die oft an ihre Grenzen gehen mussten. Eine Mischung aus verschiedenen Kräuterauszügen, die die Sinne belebte und die Konzentrationsfähigkeit steigerte. Mit der Nebenwirkung, dass man nach Abklingen nur noch müder war. Aber manchmal war es besser, als Fehler im entscheidenden Moment zu machen. Wenn er wollte, konnte er Gebrauch davon machen. Es war alles säuberlich beschriftet.

    Derweil erkundete Emyja das Ergebnis in der Sicht der Magie. Das Pulsieren von Blut und Luft hatte wieder einen Gleichtakt gefunden, sodass sie den Matrosen nun langsam aus ihrem Griff entlassen konnte. Er atmete schwer, doch er atmete. Emyja blinzelte einmal, zweimal, holte die Wirklichkeit zurück und kam um den Tisch herum. „Lasst mich das vernähen und dann richten wir den Bruch.“ Das Bein sah nur ein wenig geschwollen aus, aber der Knochen darunter war an drei Stellen gebrochen. Sie hoffte, dass es heilen würde, ohne das man eingreifen musste. Sie wandte sich an die Dame – Dunija? - die der Wirt ihnen geschickt hatte, und die angenehm unaufgeregt blutige Tücher entsorgte und ansonsten schlicht in der Nähe war. „Könnt ihr etwas bringen, womit wir das Bein schienen können? Ein alter Besenstiel oder andere Holzstücke, wenn sie grade sind sollte genügen.“

    Aus ihrer Tasche holte sie Nadel, Seidenfaden und ihren kleinen Wunderhelfer: ein Pöttchen mit einer Salbe, deren Rezept sie von ihrer Mutter erlernt hatte. Die Salbe strich sie auf die winzige Wunde, bevor sie begann, diese zu schließen. „Ziemlich unmagisch, hm?“ Jetzt konnte sie sogar ein bisschen schmunzeln.

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    Timeline

  • Verium war keine schlechte Idee. Dankbar suchte Arvijd in der Tasche nach dem Fläschchen und nahm dann eine kleine Menge davon, als eine kurze Verschnaufpause eintrat. Er kannte die Nebenwirkungen zu gut um es damit übertreiben zu wollen.

    In der Zwischenzeit nähte Emyja die Wunde und ließ Dunija Material zum Schienen bringen. Offenbar waren die anderen Wunden weniger ernst und ließen ihnen ein wenig Zeit um sich selbst zu regenerieren. Nur um sicher zu gehen überprüfte Arvijs noch einmal die Pupillen. Auch wenn der Mann noch immer nicht bei Bewusstsein war waren doch zumindest die Pupillen jetzt gleich. Die Hexe hatte recht behalten.

    Und sie schien nun sogar zu Scherzen aufgelegt.

    "Ihr seid im Vorteil, wenn ihr beides könnt. Meine einzige magische Kraft sind Alter und Erfahrung." das Lächeln fiel etwas müde aus und er richtete sich nun ganz auf, streckte sich etwas. Sein Rücken schmerzte und unter diesen Bedingungen war auch sein krumme Wirbelsäule deutlicher zu erkennen.

    "Wie sehen seine Organe aus? Wenn ihn die Räder der Kutsche überrollt haben kann es zu Quetschungen und Rissen kommen... Milz und Leber sind vor allem gefährdet... nicht dass er uns nach ein paar Tagen doch noch wegstirbt... Wenn aber sonst nichts ist würde ich fast sagen, wir gönnen uns etwas Ruhe, ihr sehr auch aus als hättet ihr einen anstrengenden Tag hinter euch."

    Er half ihr noch beim schienen des Beine als Dunija ein paar Holzleisten gebracht hatte, die flach und stabil genug waren.

  • Sie schmunzelte über die Bemerkung, sagte aber nichts weiter dazu. Es hatte sicher jeder seine Stärken und Schwächen, aber ja, zu sehen wie sie sah, war sicher von großem Wert. Jetzt, da die Anspannung nachließ, fühlte sie ihren Hunger doppelt so stark zuschlagen und prompt grollte ihr Magen sehr undamenhaft. Sie bediente sich ebenfalls am Verium, auch wenn es gegen Hunger leider nichts ausrichten konnte.

    „Er hatte das zweifelhafte Glück von der Seite in die Kutsche zu laufen. Soweit ich es sehen konnte, hat sie ihn nicht komplett überrollt. Aber es ging so schnell.“ Bei der Erinnerung an den Moment des Unfalls verdüsterte sich ihre Miene wieder. Die Händlergilde spielte sich in dieser Stadt auf wie der neue Adel und niemand gebot ihnen Einhalt. Und das es eine private Kutsche gewesen war, dessen war sich Emyja recht sicher. Und bestimmt war es einer dieser Blutsauger gewesen. Wer sonst würde einfach weiter fahren? Aber in Wahrheit hatte sie zu wenig gesehen, um das mit Bestimmtheit sagen zu können.

    Sie kappte den Faden und kam dann Arvijds unausgesprochenen Bitte nach, sich noch einmal zu vergewissern. Zum hoffentlich letzten Mal heute tauchte sie in die Sicht der Magie ein, folgte mit den Augen den Strömen der Elemente, die das Leben vor ihr bildeten. Natürlich war der Fluss noch immer an manchen Stellen stockend, doch nichts wies darauf hin, dass akuter Handlungsbedarf bestand. „Sein Unterbauch wurde gequetsch. Es werden sich ein paar schöne Blutergüsse bilden, aber ich sehe keine Unstimmigkeiten mehr, die von den Organen her rühren.“ Sie seufzte. Ruhe klang gut. Ob es in diesem Teehaus wohl noch was zu essen gab, nun da sie es zu einem Lazarett umdekoriert hatten? „Vielleicht sollten wir ihm zur Vorsicht Kleesaft* geben. Was meint ihr?“

    Gemeinsam schienten sie das gebrochene Bein, dann ließ Emyja sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. „Was machen wir jetzt mit ihm? Me'Syr wird ihn nicht in seinem Gastraum aufbewahrt haben wollen.“ Mit einer leichten Kopfbewegung wies sie auf den Wirt, der sich die ganze Zeit dezent im Hintergrund gehalten hatte.



    *u.a. Steinklee enthält Dikumerol, welches die Blutgerinnung hemmt.

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  • Vielleicht erriet er ihre Gedanken, vielleicht war es auch einfach naheliegend. Auf jeden Fall nickte Arvijd. "Und die Kutsche ist über alle Berge und man wird sie nie wiederfinden, es sei denn der Matrose hat einen Abdruck darauf hinterlassen. Man müßte sie gut lesbar nummerieren, dann könnten wir sie zur Rechenschaft zeihen auch wenn sie weiterfahren." Er schüttelte den Kopf über diese Unzulänglichkeit des Systems.

    Doch darüber zu diskutieren war müßig, solange man es nicht selbst ändern konnte. Für den Moment zumindest. Arvijd verschränkte die Arme und musterte den Verletzten als könne er ebenfalls in ihn hineinsehen. Doch manchmal war Vorstellungsvermögen eine fast ebenso starke Kraft. Und mit der wog er nun das Für und Wieder des Kleesaftes ab.

    "Der Lunge würde es helfen, aber er verhindert auch, dass kleine Verletzungen sich schneller schließen... wenn sein Bein allerdings länger ruhig gestellt ist steigt die Gefahr von Blutgerinnseln... Ja, es spricht deutlich mehr dafür als dagegen. Gebt ihm welchen."

    "Wir sollten ihn noch eine Weile liegen lassen, vielleicht gibt es hier ein freies Zimmer, in dem er sich ausruhen kann bis er tr..."

    In dem Moment kam von dem Verletzten ein Stöhnen das nahtlos in eine Tirade an Flüchen überging als er sofort versuchte, sich aufzusetzen.

    "Du bleibst verdammt noch mal liegen, Junge!" Arvijd drückte ihn entschieden wieder auf den Tisch. Und hielt ihn auch dort fest. Er nannte ihn 'Junge' obwohl sie dem Aussehen nach sogar gleich alt waren. Möglicherweise fiel er einfach in alte Gewohnheiten zurück, als junge Soldaten versuchten auf diese Weise seinen Heilkünsten zu entfliehen. Wer sich allerdings in der Geschichte der Länder beschäftigt hatte kam schnell zu der Erkenntnis, dass der letzte wirkliche Krieg deutlich vor der Lebensspanne des Arztes beendet worden war.

    "...ch muss zu Vajdán... Isser hier?" brachte der Matrose nun heraus. Seine Stimme war rau, aber er schein sehr lebendig. Erleichtert lockerte Arvijd seinen Griff ein wenig. Den Namen kannte er nicht, doch eher er dem Mann Verwirrung attestierte blickte er in die Runde, vielleicht hatte der Mann ja das Teehaus aufsuchen wollen um mit jemandem zu sprechen.